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Die Preisträger des Deutschen Jugendliteraturpreises 2018 – persönlicher Bericht von der Preisverleihung

Plakat Deutscher Jugendliteraturpreis 2018Vor ziemlich genau zehn Jahren war es (am 17.10.2008), dass ich das erste Mal die Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises auf der Frankfurter Buchmesse besuchte. Richtig aufgeregt war ich damals – auch weil ich wusste, dass ich im Jahr darauf selbst in der Kritikerjury mitbestimmen würde, welche Bücher prämiert werden … Zehn Jahre später (der Jury-Job wurde nach vier Jahren turnusgemäß weitergereicht) ist mir alles vertraut und bekannt, auch wenn ich noch immer nicht zuverlässig vorhersagen kann, welches Jugendbuch das Rennen machen wird. Juryarbeit hat eine ganz eigene Dynamik – aber das ist gut so, denn so bleibt es jedes Jahr spannend.

In den zehn Jahren ist einiges passiert, manches hat sich geändert, anderes ist fast gleich geblieben. Ausgetauscht wurde zum Beispiel die moderierende Person. Statt Marc Langebeck wie früher steht nun im vierten Jahr Vivian Perkovic auf der Bühne, und wie schon in den Vorjahren machte sie ihre Sache gut, auch wenn sie manchmal – dazu gleich mehr – nicht so wie geplant zu Wort kam. Dass sie auch öfter in den Applaus redete und dann nicht zu verstehen war, ist eine Kleinigkeit. Ansonsten gefällt mir ihre aufgeweckte und neugierige Art gut. Sie kann beherzt mit den assistierenden Vorlesekindern Leander, Victoria und Emily parlieren, kommt mit einer Ministerin zurecht, kann ohne Probleme Fragen auch auf Englisch stellen … – dass auf den Fotos (siehe Galerie unten) oft Lachen zu sehen ist, hat viel mit ihr zu tun.

Zahlreiche Staatssekretäre und Bundesfamilienministerinnen habe ich kommen und gehen sehen – Dr. Franziska Giffey (SPD) hatte in diesem Jahr am Buchmessenfreitag (dem 12.10.2018) ihren ersten Auftritt. Auch der Vorsitz des Arbeitskreis Jugendliteratur e. V. war vor Kurzem mit Ralf Schweikart neu besetzt worden – erstmals in den zehn Jahren ist es ein Mann, der dem AKJ vorsteht. Sympathisch war Ralf Schweikarts Begrüßung – aufgehängt an dem Satz „wer lesen kann, ist im Vorteil“ in jedem Fall. Schweikart forderte, dass man in den Schulen auch mehr Geld in die Leseförderung stecken müsse, nicht nur – wie momentan – in den Bereich der Digitalisierung. Es könne nicht sein, dass in manchen Schulbibliotheken die „Häschenschule“ das neueste Werk sei, drückte er das plakativ aus.

Dr. Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, hielt eine engagierte Begrüßungsrede und unterstrich darin den Wert von Büchern für Erziehung und Bildung. Astrid Lindgren durfte in einem Zitat nicht fehlen, ganz spontan rief sie bühnenerfahren in die Runde, ob es allen Kindern und Jugendlichen gut ginge, die Vorlesekinder sind „supercool“ – man nahm der Ministerin ab, dass sie sich bei Kinder- und Jugendbüchern auskennt, dass sie engagiert ist und dass sie sich fürs Lesen wie für Kinder und Jugendliche überhaupt einsetzt.

Verleihung Deutscher Jugendliteraturpreis 2018

Leander markiert mit bunten Markern die besten Stellen im Buch – „Eigentlich müsste ich überall Marker haben, weil alles gut ist …“ | Foto: © Ulf Cronenberg, Würzburg

So weit so gut. Doch bei der eigentlichen Preisverleihung nach dem üblichen Schema (Vorstellung der je Sparte sechs nominierten Bücher, Öffnen des Briefumschlag mit dem Siegerbuch bei Spannungsmusik, Verlesen des prämierten Buchs durch die Ministerin) kippte dann leider ein bisschen was: Die Ministerin wollte bei den anschließenden Bühnenauftritten der Prämierten auch Fragen stellen und ihr Meinung äußern. Das war bei den ersten beiden Malen noch gut auszuhalten, danach störte es ein bisschen. Vivian Perkovic überspielte zwar gut, dass sie auch etwas genervt war, aber das Problem war, dass sie ihre eigenen Fragen (die sicher besser gewesen wären) nicht immer an den Mann / die Frau brachte und mit Zeitdruck umgehen musste. Außerdem waren die Äußerungen der Ministerin immer einen Hauch politisch motiviert und kamen damit als leicht übertriebene Selbstdarstellung rüber. Nahm man ihre Äußerungen anfangs als ihr natürliches Berliner Temperament wahr, so wurde es irgendwann einfach zu viel.

Bei den Preisbüchern gab es für mich fast nur Überraschungen. Dass ich die ausgewählten Bilder-, Kinder- und Sachbücher auch diesmal nicht kenne, war zu erwarten. Aber auch bei den Jugendbüchern wurde von der Kritikerjury ein Werk prämiert, das ich nicht gelesen habe (die Chancen für einen Treffer lagen bei 50%).

Die Preisbücher der Kritikerjury in den vier Sparten wurden an folgende Werke vergeben:

  • Bilderbuch: Øyvind Torseter (Text, Illustration) „Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas” – aus dem Norwegischen von Maike Dörries (Gerstenberg Verlag)
  • Kinderbuch: Megumi Iwasa (Text), Jörg Mühle (Illustration) „Viele Grüße, Deine Giraffe“ – aus dem Japanischen von Ursula Gräfe (Moritz Verlag)
  • Jugendbuch: Manja Präkels „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ (Verbrecher Verlag)
  • Sachbuch: Gianumberto Accinelli (Text), Serena Viola (Illustration) „Der Dominoeffekt oder Die unsichtbaren Fäden der Natur” – Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming (Fischer Sauerländer)

Mit Maja Präkels – die einzig ausgezeichnete deutsche Autorin in diesem Jahr, was mich persönlich nicht stört – wurde eine Autorin ausgewählt, die ein recht politisches Buch, das aber auch poetische Anteile kennt, geschrieben hat (Jurybegründung). Es geht darin unter anderem um das Aufwachsen in der DDR, um den Zerfall der DDR und das Entstehen von Rechtsradikalismus in der Nachwendezeit. Ja, überhaupt war der Subtext der gesamten Preisverleihung ein politischer. Es ging immer wieder um die Vorfälle im Chemnitz, darum, dass man (so die Ministerin) gerade auch die Gegenbewegungen zu den rechten Krawallen stärken müsse, dass Bücher bilden und dabei helfen, Ressentiments abzubauen.

Verabschiedet wurde übrigens dieses Mal nach vier Jahren Amtszeit auch die Vorsitzende der Kritikerjury Birgit Müller-Bardorff, die einmal mehr erfrischend und prägnant begründete, warum die Preisbücher ausgewählt worden waren. Gefragt nach den positiven Seiten von vier Jahren Juryarbeit, antwortete sie, dass sich die Beziehung zu ihrem Briefträger, der ständig neue Bücherpakete vorbeibrachte, positiv entwickelt habe und dass sie zwei Bücherregale voller gelesener Bücher mehr in der Wohnung habe. Natürlich wurde auch die Juryarbeit mit den vielen spannenden Diskussionen gewürdigt …

Die Jugendjury hatte dafür das Buch ausgewählt, bei dem ich mich gewundert hätte, wenn es von den Leseclubs nicht am meisten Stimmen bekommen hätte: Angie Thomas‘ „The Hate U Give“ ist ein so emphatisches Buch – einfach ein typisches Jugendjurybuch –, dass es gewinnen musste. Die nominierten Titel stellte die Jugendjury wieder szenisch dar – diesmal dunkel gekleidet und „bewaffnet“ mit Regenschirmen. Beeindruckend war, wie wortsicher und szenisch perfekt diese Vorstellung war – mit einfachen Mitteln eine der besten aus den 10 Jahren. Als einzige Preisträgerin war Angie Thomas übrigens nicht auf der Buchmesse anwesend, in einer kurzen Videobotschaft bedankte sie sich jedoch für den Preis.

Der Sonderpreis wurde diesmal im Bereich Übersetzung vergeben, erstmal auch an ein junges Talent sowie für das Gesamtwerk. Gesa Kunter bekam für die Übersetzung von „Schreib! Schreib! Schreib! Die kreative Textwerkstatt“ (Text: Katarina Kuick und Ylva Karlsson; Illustration: Sara Lundberg; Verlag: Beltz & Gelberg) den Nachwuchspreis, während Uwe-Michael Gutzschhahn meiner Meinung nach hochverdient für sein Gesamtoeuvre ausgezeichnet wurde. Ich vermute fast, dass ich von niemand anderem so viele übersetzte Jugendbücher gelesen habe wie von Uwe-Michael Gutzschhahn, und ich kann mich nicht erinnern, da auch nur einmal über eine Formulierung gestolpert zu sein. Im Gegenteil: Mir sind vor allem die Bücher von Kevin Brooks oder zuletzt von Steven Herrick in bester Erinnerung. Die Laudatio auf Gutzschhahn hielt Prof. Dr. Heike Elisabeth Jüngst eloquent, in gebotener Kürze und kenntnisreich.

Tja, eigentlich wäre – das ist das Fazit – alles rund gewesen an dem Abend (wenn auch nicht innovativ neu, sondern im alten bewährten Format). Es wurde auf der Bühne viel gelacht, man fühlte sich meist gut unterhalten, hätte nicht Ministerin Dr. Franziska Giffey es mit ihren Statements übertrieben. Dass die Veranstaltung dann nicht um 19 Uhr wie geplant beendet war, ging hauptsächlich auf ihre Kappe. Klar, alles was sie sagte, war unterstützenswert, sie hat das politische Herz auf dem rechten Fleck („rechts“ meint hier natürlich nicht die politische Gesinnung), aber das schale Gefühl, das da ein bisschen zu viel Eigenwerbung dabei war, blieb eben auch zurück. Schade.

(Ulf Cronenberg, 13.10.2018)

Und hier die Fotos von der Preisverleihung:

Bitte beachten: Die Rechte der folgenden Fotos liegen beim Fotografen – die Fotos (das gilt auch für Screenshots) dürfen nicht ohne Genehmigung durch den Fotografen verwendet, veröffentlicht, geteilt, verändert oder bearbeitet werden.

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