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Buchbesprechung: Ali Benjamin „Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren“

Cover: Ali Benjamin „Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren“Lesealter 11+(Hanser-Verlag 2018, 234 Seiten)

Ali Benjamin – Mann oder Frau? Die Frage habe ich mir gestellt, sie ist aber leicht mit Hilfe der Autoreninformation im Innenteil des Schutzumschlags zu beantworten: „Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren“ stammt von einer Amerikanerin und ist ihr Debütroman. Das Original ist bereits 2015 erschienen und wird angeblich derzeit von der Produktionsfirma der Schauspielerin Reese Witherspoon verfilmt. Irgendwann kann man also dem Buch, in dem (wie das Cover schon verrät) Quallen eine Rolle spielen, im Kino wiederbegegnen …

Inhalt:

Suzy ist 12 Jahre alt und fühlt sich oft anders als ihre Mitschülerinnen. Deren Mädchengetue findet sie schrecklich. Doch das ist nicht so schlimm, denn sie hat in Franny eine Freundin gefunden. Beide schwören, sich gegenseitig zu warnen, sollten sie auch so werden wie die anderen. Doch als Franny sich wirklich verändert und nach und nach Kontakt zu den Mitschülerinnen aufnimmt und irgendwann Suzy links liegen lässt, gelingt es Suzy nicht, Franny zurückzuhalten. Sie entfremden sich nicht nur, Franny weist Suzy mehrmals brüsk zurück.

Suzy verhält sich nicht gerade geschickt, als sie versucht, die Freundschaft mit Franny zu retten, und am Ende sind beide entzweit. Doch dann passiert etwas Schlimmes: Franny, eigentlich eine gute Schwimmerin, ertrinkt im Meer. Suzy kommt damit gar nicht zurecht, versucht herauszufinden, was passiert ist und legt sich eine Theorie zurecht: Franny wurde – das hat nur niemand herausgefunden – von den Tentakeln einer tödlichen Qualle gestochen. Suzy hört außerdem nach den Tod ihrer besten Freundin auf, mit anderen zu sprechen.

Von ihrer Theorie angesport beginnt Suzy sich ausgiebig mit Quallen zu beschäftigen. Nicht nur das. Um Unterstützung für ihre These zu bekommen, sucht sie im Internet nach Quallenforschern, die ihr helfen könnten, zu beweisen, dass Franny von einer Qualle getötet wurde. Doch die meisten Forscher sagen ihr nicht zu, bis sie auf einen in Australien stößt. Ihn würde Suzy am liebsten besuchen und kennenlernen …

Bewertung:

So richtig gepackt hat mich „Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren“ (Übersetzung: Petra Koob-Pawis und Violeta Topalova; englischer Originaltitel: „The thing about jellyfish“) lange nicht. Was mich, glaube ich, gestört hat, war, dass ich die Geschichte als zu sehr konstruiert empfunden habe. Klar, der plötzliche Tod der besten Freundin, mit der man sich vorher schon auseinander gelebt hat, ist ein schlimmes und einschneidendes Erlebnis – aber dass Suzy dann nicht mehr spricht (das selbstauferlegte Schweigen würde man psychologisch übrigens als Mutismus bezeichnen) und sich ihre Quallen-Theorie zusammensucht, klingt schon sehr nach Buchidee.

Suzy erzählt ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen: Zum einen ist da der normale Handlungsfortgang, zum anderen berichtet Suzy in Kapiteln mit kursiver Schrift von ihrer Freundschaft mit Franny. Letzteres fasst die Chronologie einer Freundschaft zusammen, bei der sich zwei Mädchen am Anfang gefunden zu haben scheinen, am Ende dann aber getrennte Wege gehen. Ausgangspunkt dafür ist, dass Franny sich für einen Jungen interessiert und anfängt, sich anders zu kleiden. Es ist ihr wichtig, dass der Mitschüler sie hübsch und toll findet. Das versteht Suzy, die noch Kind ist, gar nicht.

Überhaupt ist Suzy ein etwas eigensinniges Mädchen, das fast autistisch wirkt. Vielem im Leben versucht sie den Schrecken zu nehmen, in dem sie sich an Zahlen festhält. Da werden Tage in Stunden und Minuten umgerechnet, es wird ausgerechnet, wie viele Menschen pro Sekunde auf der Welt von Quallen gebissen werden, etc. Und besonders auffällig ist, dass Suzy sich schwertut, die Folgen ihrer Handlungen richtig einzuschätzen. Oft verhält sie sich deswegen ziemlich ungeschickt; das wird besonders deutlich, als sie Franny wieder als Freundin zu gewinnen versucht.

Aber zurück zur Story. Gepackt hat mich das Buch erst im letzten Drittel. Vorher plätschert die Geschichte zu sehr dahin, weil man sich fast nur in der zwar gut beschriebenen Gedankenwelt von Suzy bewegt, aber eben zu wenig Leseanreize auf der Handlungsebene vorfindet. Am Ende wird das Buch spannender: Suzy will auf eigene Faust nach Australien fliegen, in der Schule freundet sie sich mit einem ungewöhnlichen Jungen an. Endlich tut sich was.

Neben Suzy hat das Buch zwei weitere spannende Figuren: Da ist zum einen ihr Klassenkamerad Justin, ein ADHS-Junge, der als einer der wenigen etwas mit Suzy anzufangen weiß. Interessant ist, wie er sein ADHS reflektiert. Das ist gut beschrieben. Da ist zum anderen Suzys Lehrerin Mrs Turton, die sehr geschickt mit dem Schweigen ihrer Schülerin umzugehen weiß. Sie motiviert Suzy, wieder aus sich herauszugehen, indem sie sie ein Referat über Quallen halten lässt. Suzys Eltern dagegen verstehen sich eher wenig darauf, ihrer Tochter zu helfen, auch wenn sie bemüht sind. Und die Eltern bleiben – irgendwie passt es auch zur Überkonstruiertheit des Romans, dass sie seit kurzem getrennt sind – als Figuren eher etwas blass.

Fazit:

3-einhalb von 5 Punkten. So richtig begeistert hat mich Ali Benjamins „Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren“ nicht. Das Buch handelt von einem Mädchen, das mit dem Tod der besten Freundin nicht zurechtkommt und wegen des vorherigen Zerwürfnisses Gewissensbisse hat. Ja, irgendwie macht die Geschichte schon alles richtig – sie wird einfühlsam und mit kreativen Elementen erzählt, und die Quallenabbildungen vor den Kapiteln machen das Buch auch zu einem Schmuckstück.

Dennoch: Mir ist die Geschichte zu glatt im Sinne des typisch-amerikanischen creative writings geschrieben – oder anders ausgedrückt, ich empfinde sie als überkonstruiert. Das wird deutlich, wenn man die in dem Buch vorkommenden Problemthemen aufzählt: Mutismus, getrennte Eltern, Pubertät, Mobbing, ADHS. Mir ist das zu viel, gerade auch, weil die Geschichte lange nicht in Fahrt kommt … Man wird als Leser so häppchenweise bedient, ohne dass bis zur Hälfte des Romans richtig was passiert. Aber um meine Sicht etwas zu relativieren: Das ist eben kein Buch für mich – 11- oder 12-jährige Leserinnen werden das ganz anderes empfinden und sicher begeistert sein.

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(Ulf Cronenberg, 06.08.2018)

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