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Buchbesprechung: Erna Sassen „Keine Form, in die ich passe“

Cover: Erna Sassen „Keine Form, in die ich passe“Lesealter 15+(Verlag Freies Geistesleben 2018, 222 Seiten)

„Keine Form, in die ich passe“ ist Erna Sassens dritter Jugendroman, der auf Deutsch erschienen ist. „Das hier ist kein Tagebuch“, das Debüt, habe ich leider nicht gelesen, aber „Komm mir nicht zu nah“ fand ich ein gelungenes Buch. Es geht darin um ein Mädchen, das ziemlich darunter leidet, dass ihre Schwester psychisch stark beeinträchtigt ist. Der neue Roman der Niederländerin hat ein nicht ganz unähnliches Thema: Er handelt erneut von einem Mädchen, das schlimme Erfahrungen gemacht hat und sich da langsam wieder rauskämpfen muss.

Inhalt:

Tessel, meist nur Tess genannt, hat eine schwere Zeit hinter sich. Die 17-Jährige war von ihrem Niederländischlehrer, der auch eine Theatergruppe an der Schule leitete, stark beeindruckt, und er wiederum hat Tess an sich gebunden und das Mädchen zu seiner rechten Hand gemacht. Doch da war noch etwas mehr … Parzival oder kurz P, wie Tessel ihn nennt, versuchte neben dem Job als Lehrer auch eine Karriere als Kabarettist zu starten und nahm Tess zu fast allen seinen Aufführungen mit. Sie sollte ihm nach den Aufführungen sagen, wie er beim Publikum angekommen war, und sie sollte seine spontanen Einlagen transkribieren.

Auch wenn Tessel sich das nicht eingesteht, sie war verliebt in P, und er zeigte sich ihr auch zugeneigt: Sie gingen händchenhaltend nachts am Strand spazieren, er küsste sie im Auto … Aber Tessel redete sich ein, dass er das nicht ernst meinen könne, weil er ja eine schwangere Freundin zu Hause habe. Als Parzivals Sohn geboren war, ließ er Tessel aber abrupt fallen und verweigerte jeden Kontakt. Seitdem steckt Tessel in einer großen Krise, will nicht mehr in die Schule gehen und vermeidet auch sonst vieles.

Die zufällige Begegnung mit der Mutter einer ehemaligen Mitschülerin ist es, die sie irgendwann über all das nachdenken lässt. Evelien, wie die Mutter heißt, lädt Tess zu sich nach Hause ein, und beide sind voller Trauer: Tessel wegen P, Evelien, weil ihre Tochter Sanne, die genauso alt wie Tess war, an Leukämie gestorben ist. Nicht immer ist es einfach zwischen den beiden, aber sie geben sich Halt und schaffen es dadurch, anders über ihr bisheriges Leben und ihre Erfahrungen zu denken.

Bewertung:

Ich war etwas irritiert, als ich das Szenario in „Keine Form, in die ich passe“ (Übersetzung: Rolf Erdorf; niederländischer Originaltitel: „Er is geen vorm waarin ik pas“) erfasst hatte. Der Anlass für Tessels Krise, dass ein erwachsener Lehrer und Kabarettist ein Mädchen ausnutzt und dieses dadurch in eine tiefe Krise stürzt, kam mir aus Erna Sassens letztem Buch „Komm mir nicht zu nah“ vertraut vor. Dort ist es Reva, die Schwester der Hauptperson, die eine ähnliche Erfahrung mit einem Theaterlehrer an der Schauspielschule macht. Ich frage mich, warum Erna Sassen wieder diesen Topos der Verführung und Ausnutzung einer Jugendlichen in Künstlerkreisen gewählt hat …

„Keine Form, in die ich passe“ wird von Tess erzählt: in einer Mischung aus Tagebuch und Monolog, eingestreut sind zusätzlich noch Liedtexte und Listen – eine Kombination, in deren Vielfältigkeit der Reiz liegt. In den fünf Kapiteln – oder sind es in Anlehnung ans Drama, fünf Akte? – parliert Tess munter drauf los, nimmt oft kein Blatt vor den Mund, zieht über andere her, beschimpft sie. Doch bald merkt man, dass da eine verletzte Seele dahinter steckt, ein Mädchen, das sich schwer tut, zu sich selbst zu stehen, und das bei der Selbstreflexion eher versagt.

Tess‘ eigener Rückblick auf das, was sie mit Parzival, dem charismatischen Theaterlehrer, erlebt hat, bleibt lückenhaft, ist geschönt, weil Tess sich nicht eingestehen kann und will, dass sie sich hat umgarnen und ausnützen lassen, und dass sie gar nicht kapiert hat, was abgelaufen ist. Um eine andere Sicht auf all das zu bekommen, ist ein Spiegel notwendig, und den hält ihr jemand vor, der völlig unerwartet in ihr Leben tritt: Evelien, Mutter der an Leukämie verstorbenen Sanne, die Tess allerdings nur flüchtig kannte.

So ganz einfach ist es zwischen Evelien und Tess anfangs nicht, was vor allem auch an Tess‘ Selbstzweifeln liegt. Sie will sich ja nicht aufdrängen. Es sind in unterschiedlichen Facetten ähnliche Gefühle aus Trauer und Wut über das Leben, die beide unter anderem zusammenführen, und weil Evelien so anders ist, als Tess‘ eigene Mutter, weil sie Sachen auch stehen lassen kann, dann aber auch wieder deutlich sagt, was sie denkt, bricht langsam in Tess etwas auf: dass sie sich damit auseinandersetzt, was zwischen Parzival und ihr da eigentlich passiert ist. Ganz am Ende im Buch fasst Tess selbst in einem Wort zusammen, was Evelien auszeichnet, wenn Tess sie „Teenieflüsterer“ nennt. Da schwingt ein großes Stück Respekt mit.

Die Beziehung zwischen Tess und Evelien ist interessant angelegt, auch weil sie zwischen Nähe und Abstand changiert. Welchen Weg Tess dann einschlägt, um ihre Krise mit P zu bewältigen, das ist allerdings sehr gewagt. Ich habe – ohne das hier genauer ausbreiten zu wollen, denn das würde zu viel vorwegnehmen – so meine Schwierigkeiten damit. Ja, man kann sagen, dass Tess ein Stück ihrer Selbstbestimmung und ihres Selbstbewusstseins zurückgewonnen hat, es tritt am Ende auch ein anderer Lebensretter auf, dem sie sich anvertrauen kann. Doch wie sie sich vorher an P zu rächen versucht, mit ihrem Plan scheitert und was dann passiert, das finde ich für jugendliche Leser schon recht heftig, hart an der Grenze des Zumutbaren. Vielleicht bin ich da etwas behütet in meinen Vorstellungen – das mag schon sein …

Was an Erna Sassens neuem Buch jedoch ansonsten überzeugt, ist der Ton, den die Autorin Tess verleiht. Unverblümt und überzeugend wird die Gefühlswelt von Tess – man könnte auch von einem Gefühlschaos sprechen – rübergebracht. Tess ist dabei ungemein subjektiv in ihrer Sicht: Sie kann etwas sagen, schränkt es gleich darauf wieder ein oder nimmt es gar zurück. Außerdem lässt sie vieles nicht an sich heran, doch das durchschaut man als Leser auch sehr schnell. Da ist Erna Sassen jedenfalls selbst ganz Teenieflüsterin.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Wie der Titel passt das Buch auch nicht so recht in eine Form – das macht den Reiz aus, das polarisiert jedoch auch ein bisschen. Es gibt begeisterte Rezensenten zu Erna Sassens Jugendroman (ich musste in dem Fall mal nachlesen, was andere denken – meist vermeide ich das, um unbeeinflusst zu bleiben), ich bin ein bisschen verhaltener, obwohl ich das monologisierende Erzählen von Tessel sympathisch und beeindruckend finde. Womit ich meine Schwierigkeiten habe, ist oben bereits benannt, und mit den Liedtexten von Tess, die immer wieder eingestreut sind, konnte ich mich nicht so recht anfreunden. Da habe ich schon erhellendere und bessere Liedtexte oder Gedichte in Jugendromanen gelesen.

Nichtsdestotrotz ist Erna Sassen etwas Besonderes gelungen, indem sie zwei so unterschiedliche Figuren wie Evelien und Tess umeinander kreisen lässt – eine Erwachsene, die den Tod ihrer Tochter zu verkraften versucht, und eine Jugendliche, die mit einem Erwachsenen Schlimmes erlebt hat. Der Schmerz beider bricht durch die Gespräche auf und wird ein bisschen gelindert. Das ist doch schon mal was – denn beide werden dadurch wieder ein bisschen lebendiger. Dass an dem Buch viele männliche Leser Gefallen finden, wage ich zu bezweifeln – auch wenn ich mich oft an Gendervorgaben störe: Aber „Keine Form, in die ich passe“ ist sicher eher ein Buch für Leserinnnen, die 15 Jahre oder älter sind.

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(Ulf Cronenberg, 24.07.2018)

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