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Buchbesprechung: Anna Woltz „Für immer Alaska“

Cover: Anna Woltz „Für immer Alaska“Lesealter 11+(Carlsen-Verlag 2018, 174 Seiten)

„Für immer Alaska“ – ich musste sofort an John Greens Buch „Eine wie Alaska“ denken, als ich den Titel von Anna Woltz‘ neuem Jugendbuch gesehen habe. Alaska ist bei der niederländischen Autorin allerdings – wie man ja schon angesichts des Covers ahnen kann – ein Hund, nicht wie bei John Green ein Mädchen. Mal abgesehen von dieser kleinen Irritation: Ich war sehr gespannt auf das neue Buch von Anna Woltz, seit „Gips“ und „Hundert Stunden Nacht“, beides ganz besondere Bücher, will ich keines der Bücher der Autorin übersehen.

Inhalt:

Sven kommt, weil die Grundschulzeit zu Ende ist (sie dauert in Holland acht Jahre, wobei die ersten beiden Jahre eher unserem Kindergarten entsprechen), in eine neue Klasse. Doch geheuer ist ihm das nicht, denn er hat ein Geheimnis, das seine neuen Mitschülerinnen und Mitschüler in der 7b bald mitbekommen werden. Und das ist ganz und gar nichts Angenehmes. Bis dahin mimt er jedoch erst mal den coolen Typen.

In der Klasse ist ein Mädchen, das sich Parker nennt. Als die Klasse ein Kennenlernspiel macht, bei dem man etwas Besonderes von sich preisgeben soll, erwähnt Parker u. a., dass sie Jingle Bells bellen kann. Als Parker es schließlich vormacht, kriegt Sven sich nicht ein und macht Parker vor der ganzen Klasse lächerlich. Fortan wird Parker von vielen Mitschülern nur noch Barker (von engl. to bark; bellen) genannt.

Als Parker später die Schule verlässt, bemerkt sie etwas, das sie noch mehr sauer auf Sven sein lässt. Sven wird von seiner Mutter abgeholt, mit dabei ist ein Hund, den Parker nur zu gut kennt: Es ist ihr Hund Alaska, den sie über alles geliebt hat, aber vor einigen Monaten hergeben musste, weil ihr kleiner Bruder allergisch auf Hundehaare reagiert. Parker kann es nicht glauben, dass ausgerechnet Sven ihren Hund, der zum Assistenzhund ausgebildet wurde, bekommen hat … Warum Sven überhaupt einen Assistenzhund hat, erfährt Parker bald.

Bewertung:

„Für immer Alaska“ (Übersetzung: Andrea Kluitmann; niederländischer Originaltitel: „Alaska“) beginnt wie ein typisches Anna-Woltz-Buch: Man wird in die Geschichte geführt, muss aber warten, bis die Figuren mit ihren Geheimnissen rausrücken. Man bekommt mit, dass Sven sich vor dem ersten Schultag fürchtet, weil seine Mitschüler mitbekommen werden, dass er nicht ganz normal ist; und es gibt Andeutungen, dass Parker etwas Schlimmes erlebt hat.

Erzählt wird das Buch abwechselnd von den beiden Hauptfiguren – immer ein paar Seiten berichten sie, was passiert. Parker vermisst vor allem ihren Hund, ihr großes Geheimnis wird erst später gelüftet: Das Fotogeschäft ihrer Eltern wurde überfallen, seitdem sind sie und ihre Eltern ängstlich und traumatisiert – das gilt vor allem für Parkers Vater, der nicht mehr im Geschäft stehen kann und nur noch ein Schatten seines früheren Selbst ist.

Svens Geheimnis wird schon dagegen etwas früher verraten: Er hat seit noch nicht allzu langer Zeit epileptische Anfälle, die ohne Ankündigung kommen und oft sehr heftig ablaufen. Deswegen hat er auch einen Assistenzhund: Alaska soll zu Hause einen Alarmknopf drücken, wenn Sven einen Anfall hat. Traumatisiert sind übrigens auch Svens Eltern – sie sind voller Sorgen, dass ihr Sohn nachts oder in einer gefährlichen Situation einen Anfall bekommt. Durch Alaska können sie zumindest wieder gut schlafen.

Wie Anna Woltz ihre Geschichte entwickelt, ist einmal mehr eine Wucht – die Autorin hat ein überragendes Gespür für Dramaturgie. Der erste große Höhepunkt ist, dass Parker Alaska wiedersehen, ja, sogar entführen will. Deswegen schleicht sie sich nachts zu Svens Haus – mit einer ausgeschnittenen Biwakmütze auf dem Kopf: Und da sitzen sich dann Sven in Schlafunterwäsche und Parker unerkannt mit Flüsterstimme gegenüber und sprechen miteinander. Es sind starke Szenen mit wunderbaren Dialoge, die hier entstanden sind, wenn Parker und Sven umeinander kreisen – immer in Habachtstellung. Bei einem dieser nächtlichen Treffen rückt Parker auch mit ihrem Geheimnis raus, mehr aus Versehen als willentlich geplant.

Ähnlich dramaturgische Höhepunkte gibt es noch mehr in dem Jugendbuch – da steht Alaska zum Beispiel einmal mit Parker und Sven auf einer Wiese, und die beiden wollen entscheiden, bei wem Alaska bleiben soll … Wie in einem Duell beschließen sie, voneinander wegzugehen und zu schauen, wem der Hund folgt. Auch das eine grandiose Idee.

Ansonsten geht es im Buch darum, dass Parker und Sven Stück für Stück – und der Weg ist mühsam – irgendwie doch noch Verständnis füreinander entwickeln und sich anfreunden: zwei Siebtklässler, die sehr verschieden sind, sich eigentlich nicht ausstehen können, aber irgendwann doch beginnen, einander zu verstehen. Wie das alles geschildert wird, ist plausibel, weil es nicht vorschnell geht, sondern verdeutlicht wird, wie kompliziert das Ausräumen von vorgefassten Urteilen ist. Wie Anna Woltz bei diesem Annäherungsprozess immer wieder die Gedanken von Jugendlichen auf den Punkt zu bringen weiß, sie pointiert, manchmal ziemlich heftig wie hier bei Sven, ist bewundernswert:

„Vor einem Jahr wurde mir ein Stapel Papiere in die Hände gedrückt: Hier, du bekommst die Rolle von dem Jungen mit Epilepsie. Das ist dein Text. Du brauchst nicht viel auswendig zu lernen. Den größten Teil der Zeit liegst du sowieso nur röchelnd auf dem Fußboden.
Es ist an der Zeit, sich daran zu gewöhnen.
Das ist mein Leben.
Ich habe einen Assistenzhund, ein Zimmer im Erdgeschoss, ein SOS-Armband am Handgelenk, eine Pillendose und einen Helm.
Ich bin Sven und mein Hobby ist Epilepsie.“ (S. 122)

Das ist ziemlich gnadenlos, und es zeigt, dass Anna Woltz bereit ist, bis an die Schmerzgrenze zu gehen. Da steckt Power drin, und das gefällt mir, zumal die Grenze nie überschritten wird.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Für immer Alaska“ lässt sich im Grenzgebiet zwischen Kinder- und Jugendbuch ansiedeln – aber auch Erwachsene dürften an dem Roman wie schon an den früheren Kinder- und Jugendromanen der niederländischen Autorin Gefallen finden. Anna Woltz benennt Dinge klar und deutlich, aber immer angemessen. Sie schreibt empathisch und mit Emphase zugleich. Und in „Für immer Alaska“ geht es u. a. darum, dass man Verständnis dafür entwickelt, dass es viele Menschen im Leben schwer haben – aus unterschiedlichen Gründen.

Das gilt in diesem Fall für Sven, der seit einem Jahr epileptische Anfälle hat; das gilt für Parker, deren Familienleben durch einen Raubüberfall völlig aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wie beide sich anfangs bekämpfen und sich gegenseitig das Leben schwermachen, wie sie dann mit vielen Vorbehalten aufeinander zu gehen, sich allerdings schwer tun, ihre bisherigen Rollen fallen zu lassen, um einandern dann schließlich doch noch zu akzeptieren lernen, wird in einer gut ins Szene gesetzten Geschichte gezeigt.

Auch nach dem neuen Buch bleibt es dabei: Ich werde mein Loblied auf Anna Woltz weitersingen und bin auf Kommendes gespannt.

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 22.04.2018)

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