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Buchbesprechung: Karen M. McManus „One of us is lying“

Cover: Karen M. McManus „One of us is lying“Lesealter 14+(cbj-Verlag 2018, 441 Seiten)

Ein bisschen reißerisch kommt das Buch ja schon daher – aber die Verlagsinformationen klangen trotzdem interessant. Ich hatte jedenfalls Lust, mal wieder – die Ostertage waren wie geschaffen dafür – einen etwas dickeren Jugendthriller zu lesen: ein Buch, bei dem man einfach nicht aufhören kann … „One of us is lying“ ist der Debütroman der in Cambridge (Massachusetts) lebenden Amerikanerin Karen M. McManus, und das Buch hat es gleich auf die Bestsellerliste der New York Times geschafft.

Inhalt:

Addy, Bronwyn, Nate und Cooper sind zum Nachsitzen verdonnert worden, weil ihr Chemielehrer Mr Avery, der da keinen Spaß versteht, Handys in ihren Schultaschen gefunden hat. Seltsam ist allerdings, dass sie alle ihre Handys gar nicht dabei hatten, sondern dass jemand ihnen andere Handys in die Schultaschen geschmuggelt hat. Mr Avery will davon aber nichts wissen. Im Chemiesaal kommen die vier Schüler zusammen, außer ihnen ist noch Simon mit von der Partie, ein Junge, der an der ganzen Schule bekannt ist, weil er in einer selbst geschriebenen App Geheimnisse von Schülerinnen und Schülern der Highschool preisgibt. Alle wundern sich, woher er seine Informationen hat, die bisher immer gestimmt haben – beliebt ist Simon deswegen nicht.

Als auf dem Schulparkplatz zwei Autos zusammenstoßen, rennen alle zum Fenster – auch Mr Avery –, um nach draußen zu schauen. Simon, der Durst hat, nimmt sich einen Trinkbecher und füllt ihn am Wasserbecken auf. Kurz darauf liegt er am Boden und krümmt sich. Dann fängt er an zu röcheln und bekommt keine Luft mehr. Cooper weiß, dass Simon immer einen Adrenalin-Pen bei sich hat, mit dem man ihn bei seinen allergischen Anfällen helfen kann – doch der ist nicht zu finden. Auch im Krankenzimmer, wo sonst immer solche Pens liegen, fehlen sie.

Ein Krankenwagen ist schnell da und Simon wird ins Krankenhaus gebracht – doch er überlebt den allergischen Schock nicht. Wie die Polizei herausfindet, war in dem Becher Erdnussöl, auf das Simon hochallergisch reagiert. Doch wie kam das Öl in den Becher? Die vier Hauptverdächtigen sind die vier Nachsitzer, und die Polizei ist ihnen auf der Spur … Alles wird immer drängender und schlimmer für Addy, Bromnwyn, Nate und Cooper – vor allem auch, weil die Medien Lunte riechen und den Vier auf Schritt und Tritt folgen.

Bewertung:

„One of us is lying“ (Übersetzung: Anja Galić; gleicher Originaltitel wie im Deutschen) hat meine Erwartungen erfüllt: Nach zweieinhalb Tagen war ich mit den knapp 450 Seiten durch, und das lag daran, dass das Buch wirklich spannend ist – nicht reißerisch, sondern subtil und eher psychologisch. Was Addy, Bronwyn, Cooper und Nate im Buch erleben, ist ein Albtraum: Jeder der Vier weiß für sich, dass er nicht für die Tat verantwortlich ist, wird aber von der Polizei und von anderen verdächtigt. Der Buchtitel suggeriert ja auch, dass einer von ihnen lügen könnte – das macht einen Teil der Spannung aus.

Karen M. McManus zieht ihre Geschichte vierperspektivisch auf: Immer mehrere Seiten wird das Geschehen von den vier Hauptfiguren abwechselnd in Ich-Form erzählt – nicht in ganz fester Reihenfolge, aber fast. Das ist konsequent und zum Plot passend gut gemacht. Denn natürlich beäugen sich die Vier gegenseitig, sie fragen sich, wer von ihnen die Tat begangen haben könnte. Allzu gut kennen sie sich bisher nicht, und jeder der Vier hat seinen eigenen Ruf: Addy ist ein hübsches Mädchen und lebt fast ausschließlich für ihren Freund Jake, dem sie sich ganz unterordnet; Bronwyn ist eine gute Schülerin und zielt ein Studium in Yale an; Cooper spielt Baseball und es sieht so aus, als würden sich die Colleges um ihn reißen, weil er so gut ist; Nate dagegen hat ein zerrüttetes Elternhaus und kommt nur mit Drogendealen über die Runden.

Die Rollen sind, so scheint es, klar verteilt, doch im Laufe des Buchs kommt heraus, dass alle Vier ihre Geheimnisse haben – alles Dinge, über die Simon in seiner App berichten wollte … Dieses Versteckspiel ist gut inszeniert; manchmal deuten die Erzähler an, dass sie etwas zu verbergen habe, später rücken sie damit heraus, allerdings fast immer unfreiwillig. Motive für die Tat gibt es aus Sicht der Polizei jedenfalls einige.

Die Dramaturgie in dem Buch passt aber nicht nur wegen der Geheimniskrämerei der Figuren, sondern sehr gezielt und gekonnt setzt Karen M. McManus auch einige Spannungsmomente. Da wird zum Beispiel einer der Jugendlichen von der Polizei verhaftet; oder in Bezug auf Nates Familie passiert etwas für den Leser und die beteiligten Figuren Unerwartetes. Wie Karen M. McManus die Hauptfiguren im Buch zeichnet und entwickelt, hat mir gut gefallen, und ich fand die Figurenzeichnung im Großen und Ganzen auch plausibel.

Das amerikanische Highschool-Getue ist das, was mich am ehesten an dem Roman gestört hat – das ist schon eine ganz eigene Welt, die man dort vorfindet. Aber durch die klug gewählten Figuren halten sich meine Bedenken hier in Grenzen. Man kann Karen M. McManus vielleicht auch noch ankreiden, dass sie auch ein paar der üblichen Klischees zu bedienen weiß – denn natürlich kommt es u. a. auch im Buch zu einer Liebesbeziehung zwischen zwei der Vier. Aber richtig gestört hat mich all das nicht, denn die Geschichte ist intelligent aufgezogen.

Das gilt vor allem auch für die Auflösung. Die ganze Zeit beim Lesen fragt man sich, ob einer der Ich-Erzähler in seinem Text lügt. Das kommt einem unwahrscheinlich vor, aber wie soll das alles sonst vor sich gegangen sein? Verschiedene andere Theorien kommen beim Lesen auf: Hatte Bronwyns jüngere Schwester, die auch einmal von Simon in einem Blogeintrag gedisst worden war, was mit der Sache zu tun, zumal sie geschickt im Computerhacken ist? War es vielleicht doch Mr Avery mit seinem Hass auf die moderne Medienwelt? Mich hat die Auflösung jedenfalls überrascht, und sie ist im Großen und Ganzen nachvollziehbar – beides muss man Karen M. McManus klar zugutehalten.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Ich habe mich bei „One of us is lying“ gut und größtenteils intelligent unterhalten gefühlt, auch wenn das Grundszenario dieses Mords schon etwas gekünstelt wirkt. Karen M. McManus hat kein Buch geschrieben, das die Welt oder den Leser verändert, sondern ein Buch, das einen wegen psychologischer Finessen in den Bann zieht. Wie die vier Hauptfiguren sich entwickeln, wie sie sich einerseits verdächtigen, andererseits aber auch nicht vorstellen könne, dass einer von ihnen Simon getötet hat, das ist schon sehr geschickt gemacht.

Karen M. McManus tritt dabei – so passt das auch zu dem Buch – als Autorin geschickt in den Hintergrund und überlässt den vier Erzählern den Raum. Das gelingt der Autorin sehr gut, die Gefühlswelt der vier Figuren wird glaubhaft beschrieben. Mit dem amerikanischen Highschool-Kosmos muss man sich allerdings anfreunden können – jedoch dürfte das Jugendlichen leichter als Erwachsenen fallen. Immerhin kann man in dem Roman versteckt durchaus auch Kritik an gesellschaftlichen Themen in den USA ausmachen …

Alles in allem bleibt: „One of us is lying“ ist ein gelungener Psychothriller, den man nicht so gerne aus der Hand legt, steckt man einmal darin fest. Der Roman besticht mit seiner subtilen und gut platzierten Spannung.

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(Ulf Cronenberg, 04.04.2018)

Kommentare (3)

  1. Britta Kiersch

    Hallo Ulf,
    mit Deiner Rezension stimme ich völlig überein, sowohl im Positiven wie in der sanften Kritik. Eine 16-Jährige aus unserem Leseclub hatte mir das Buch mit den Worten: „Endlich mal eine schöne Liebesgeschichte, die aber auch total spannend und psychologisch ist. Mußt Du unbedingt lesen!“ in die Hand gedrückt. Das bestätigt Deine Vermutung, dass Teenager (die selbst noch in dem Schulkosmos leben) das viele Highschool-Getue gut vertragen.
    LG, Britta

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Liebe Britta,
      ja, das Leben von Jugendlichen ist heute sicher auch amerikanisierter als es das früher war. Von daher schätze ich das so ein.
      Liebe Grüße, Ulf

      Antworten
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