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Buchbesprechung: Wesley King „Daniel is different”

Cover: Wesley King „Daniel is different“Lesealter 12+(Magellan-Verlag 2018, 299 Seiten)

Auch wenn der Titel klingt, als wäre er von der amerikanischen Vorlage übernommen worden – auf Englisch heißt das Buch anders: nämlich „OCDaniel“. Wenn man weiß, was OCD heißt, verrät einem das mehr über das Buch als der deutsche Titel. OCD steht für obsessive-compulsive disorder, auf deutsch Zwangsstörung. Genau darum geht es in dem Buch, auch wenn die Hauptfigur Daniel erst sehr spät erfährt, dass er darunter leidet. Das Cover gefällt mir übrigens ausgesprochen gut: nicht rührselig, sondern mit einfachen Mitteln passend und schön gestaltet.

Inhalt:

Daniel ist nicht gerade beliebt in der Schule – und das aus zwei Gründen: Zum einen ist er intelligent, neugierig und lernt viel, was ihn für andere zum Streber macht; zum anderen ist er nicht gerade eine Sportskanone. Beim Basketballspielen in der Pause trifft er selten den Korb, beim Football sitzt er eigentlich ständig auf der Bank und versorgt die Mitspieler in der Pause mit Getränken, anstatt zu spielen. Dass er trotzdem keine größeren Schwierigkeiten mit Mitschülern hat oder gar gemobbt wird, liegt an seinem besten Freund Max. Dieser ist anerkannt und hält eine schützende Hand über Daniel.

Was Daniel geflissentlich geheimzuhalten versucht – auch vor seinen Eltern –, sind seine Zwänge und Rituale. Wenn er sich nicht an bestimmte Regeln hält (z. B. darf er auf gepflasterten Gehsteigen nur an bestimmten Stellen auftreten), wird alles schlimmer; auch das Ins-Bett-gehen setzt eine penible Kette von genau vorgeschriebenen Ritualen voraus, die zu befolgen sind. Andernfalls geht bei ihm nichts mehr. Er nennt das, was dann passiert, Zaps – sein Kopf setzt quasi aus und er hängt in Denkschleifen.

In der Schule gibt es ein anderes seltsames Mädchen: Sara. Sie hat eine Schulbegleiterin und spricht mit niemandem ein Wort. Umso erstaunter ist Daniel, als sie mit ihm in Kontakt tritt und ganz normal mit ihm redet. Wie sich herausstellt, geht es Sara nicht gut, weil ihr Vater nicht mehr da ist. Einen angeblichen Abschiedsbrief von ihm, in dem steht, dass er weggegangen ist, hält das Mädchen für gefälscht. Sie vermutet, dass ihr Vater vom neuen Freund ihrer Mutter umgebracht wurde. Daniel soll mit ihr Beweise dafür sammeln, dass der Freund diese Tat begangen hat. Daniel weiß nicht so recht, ob er mitmachen soll, aber er will Sara unterstützen. Und das führt dazu, dass er in ziemlich brenzlige Situationen kommt …

Bewertung:

Wer nach den knapp 300 Seiten das Nachwort von Wesley King liest, der sieht „Daniel is different“ (Übersetzung: Claudia Max; englischer Originaltitel: „OCDaniel“) noch mal mit anderen Augen. Der Autor schreibt darin, dass die Figur Daniels sehr viel von ihm selbst als Kind hat. Auch er habe als Kind und Jugendlicher unter Zwangsstörungen gelitten, ohne dass er es wusste, und das vor seinen Mitmenschen zu verbergen versucht – ein typisches Muster von Kindern, die unter Zwängen leiden. Warum Wesley King den Jugendroman geschrieben hat, ist damit klar: Er will Kinder und Jugendliche für das Thema sensibilisieren und ermutigen, früher als er selbst psychologische Hilfe zu suchen.

Bis Daniel erfährt, dass er unter Zwangsstörungen leidet, dauert es im Buch – wie schon erwähnt – ziemlich lange. Irgendwann eröffnet Sara es ihm fast am Ende des Romans – als Leser ist einem schon vorher klar, dass Daniel zwanghaft ist, sofern man das Störungsbild kennt. Sara, die andere Hauptfigur im Buch, hat übrigens auch so ihre Probleme, es sind aber eher Konzentrationsstörungen und Depressionen, die sie beeinträchtigen.

Der Trumpf im Roman sind die Figuren. Eigentlich klingen zwei so schrullige Hauptfiguren schon sehr nach Klischee – nach typischer Jugendroman-Konstellation von im creative writing geschulten Autoren. Doch seltsamerweise hat mich die Figurenkonstellation, obwohl ich da durchaus sensibel bin, nicht gestört. Das liegt daran, dass Daniel und Sara beide erfrischende Figuren sind, die man gleich ins Herz schließt. So künstlich die Figurenanlage scheint, so natürlich sind sie jedoch in ihren Reaktionsweisen.

Es sind auch andere Details, die mir gefallen haben: Daniel ist in Raya verliebt, die jedoch unerreichbar für ihn scheint. Aber Raya ist ein nettes Mädchen, das Daniel nicht ausgrenzt oder ablehnt, sondern mag, weil er etwas anders ist und sich für Dinge interessiert. Und Daniels Familie ist einfach nur nett und wirkt so ganz normal. Hier wird nichts übertrieben, die recht normale Welt um Daniel und Sara herum erdet die Geschichte.

Im Hintergrund wird in dem Buch auf zwei Ebenen Spannung aufgebaut. Da ist Daniels unfreiwillige Football-Karriere: weil ein wichtiger Spieler verletzungsbedingt ausfällt, muss er auf einer Schlüsselposition in mehreren Finalmatches spielen. Für eine sportliche Niete wie ihn eine große Herausforderung, bei der man als Leser mitfühlt. Und da steht außerdem Saras Vorwurf im Raum, dass John, der neue Freund ihrer Mutter, ihren Vater umgebracht hat. Dass das in der Tat stattgefunden hat, habe ich keine Sekunde geglaubt – das hätte das Buch sehr unglaubwürdig gemacht. Trotzdem legt Wesley King hier die Fährten bis zum Schluss sehr geschickt aus.

Doch ein dickes Aber muss hier folgen: Denn es gibt eine Figur in dem Buch, die gar nicht plausibel gezeichnet ist: John. Der Freund der Mutter wird als tätowierter, nicht gerade zartbesaiteter und unsensibler Haudegen dargestellt. Welche Wandlung er am Ende durchmacht, ist einfach wenig überzeugend. Klar, man kann sagen, dass Daniel als Ich-Erzähler seinen Eindruck von John natürlich einfärbt – aber es bleiben die Dialoge, die wiedergegeben werden, in denen der John in der Mitte des Buchs einfach nicht zu dem am Ende passen will.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Ein bisschen schade ist es schon, dass das Buch bei der Figur Johns patzt – auch wenn sich jugendliche Leser nicht so dran stören dürften –, denn ansonsten gibt es (außer dass man als deutscher Leser die ganzen Footballspiel-Darstellungen kaum versteht) wenig zu kritteln. „Daniel is different“ ist ein kurzweiliges Buch, das eine psychische Störung unterhaltsam, aber trotzdem nicht verharmlosend behandelt. Ja, wer Wesley Kings Buch liest, der hat hinterher eine Ahnung, wie es sich anfühlen muss, unter einer Zwangsstörung zu leiden.

Dass ich „Daniel is different“ gerne gelesen habe, liegt vor allem daran, dass die Geschichte erfrischend daherkommt und immer wieder mal Fettnäpfchen-Situationen beschreibt, die einen schmunzeln lassen. Daniel ist ein Erzähler mit Selbstironie, der der Geschichte den Witz gibt, den sie braucht. Wahrscheinlich wird das Leben mit einer Zwangsstörung dadurch etwas geschönt, aber so ist es für Leser ab 12 Jahren gut verdaulich.

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(Ulf Cronenberg, 04.03.2018)

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