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Buchbesprechung: Peter Bognanni „Mein Leben oder Ein Haufen unvollkommener Momente“

Cover: Peter Bognanni „Mein Leben oder Ein Haufen unvollkommener Momente“Lesealter 14+(Hanser-Verlag 2017, 269 Seiten)

„Ist eine Liebe echt, wenn man nur online Kontakt hat?“, fragt der Hanser-Verlag auf der Webseite zum ersten Jugendbuch des Amerikaners Peter Bognanni, um dann fortzufahren: „Ein bewegendes Jugendbuch von Peter Bognanni über Liebe in Zeiten von Twitter und Facebook“. Ich glaube, hätte ich das vor dem Griff zum Buch gelesen, hätte ich einen Bogen um den Jugendroman gemacht. Das klingt schon sehr nach einem zielgruppenorientiert geschriebenen Roman, der „Mein Leben oder Ein Haufen unvollkommener Momente“ dann aber gottseidank doch nicht ist. Peter Bognanni unterrichtet übrigens an einem College in Minnesota Kreatives Schreiben …

Inhalt:

Auf einer Party lernt Tess Jonah kennen – nicht gerade unter günstigen Umständen. Sie war mit dem Ziel gekommen, sich zu betrinken, und kurz nachdem sie bei Jonah auf dem Sofa saß, musste sie von ihm auch gleich zur Toilette gebracht werden, um dort zu kübeln. Den Rest der Nacht kümmert sich Jonah rührend um Tess, schläft neben ihr. Und Tess erfährt auch, dass Jonah nur zu Besuch ist und ziemlich weit weg wohnt …

Doch übers Chatten bleiben sie in Kontakt und kommen sich immer näher. Jonah und Tess sprechen dort über Gott und die Welt, sie schmieden Pläne, gemeinsam in den nächsten Sommerferien irgendwo einen Ferienjob zu machen, um sich sehen zu können, und alles läuft gut. Doch eines Tages kommt von Jonah keine Nachricht mehr, und Tess erfährt irgendwann, dass Jonah sich selbst getötet hat.

Tess kommt nicht darüber hinweg: Sie flüchtet Hals über Kopf aus dem Internat, das sie besucht, und schmeißt die Schule. Da ihre Mutter mit ihrem neuen Freund in Indien ist, kommt sie bei ihrem Vater unter, der seit einiger Zeit Beerdigungen organisiert. Bei ihrem Vater schreibt Tess weiterhin Nachrichten an Jonah, als würde sie erwarten, dass dieser aus dem Jenseits antwortet. Als eines Tages wirklich eine Antwort kommt, ist das, was Tess erfährt ein großer Schock: Schon lange vor Jonahs Selbsttötung hat gar nicht mehr er selbst, sondern sein Zimmergenosse Daniel mit ihr gechattet …

Bewertung:

Es tut mir leid, wenn ich im letzten Absatz bereits den größten Überraschungsmoment im Buch vorweggenommen habe – doch eine Buchbesprechung zu schreiben, ohne anzusprechen, dass Daniel sich für Jonah ausgibt, wäre kaum möglich. Immerhin ist damit nicht schon alles ausgeplaudert, was das Buch sonst zu bieten hat.

Peter Bognannis „Mein Leben oder Ein Haufen unvollkommener Momente“ (Übersetzung: Anja Hansen-Schmidt; amerikanischer Originaltitel: Things I’m Seeing without You“) beginnt jedenfalls nicht seicht: Tess ist gerade dabei aus dem Internat zu fliehen – ein guter Beginn, denn da wird nicht lange gefackelt, und man will natürlich als Leser wissen, was passiert ist, warum Tess sich aus dem Staub macht. Bis das ganz aufgeklärt wird, dauert es ein bisschen, und schon steckt man mitten in der Geschichte.

In Bognannis‘ erstem Jugendroman geht es vornehmlich um das Thema Tod, und dass nicht nur Jonahs Suizid das Thema ins Buch trägt, ist geschickt gemacht. Tess‘ Vater hat ein Beerdigungsunternehmen, das allerdings schlecht läuft, weil er schon einiges verschusselt hat, und irgendwann greift Tess ihm unter die Arme und erweist sich als ziemlich geschickt darin, Kundenwünsche zu erspüren und umzusetzen. Das Buch hat an diesen Stellen ab und zu leichte Slapstick-Elemente, denn so ganz ernst kann man die beiden ausführlicher dargestellten Beerdigungszeremonien nicht nehmen. Aber das würzt den Roman ein wenig.

Aufgelockert wird das Buch immer wieder, indem Chat-Verläufe – frühere zwischen Tess und Jonah, spätere zwischen Daniel und Tess – eingebaut werden. Das ist auch Ausgangspunkt für das zweite große Thema im Buch: die Beziehung zwischen Tess und Daniel, von dem das Mädchen sich betrogen fühlt, weil Daniel sich beim Chatten als Jonah ausgegeben hat. Nach einer gewissen Funkstille beginnen beide, sich wieder miteinander auseinanderzusetzen – das ist anfangs spannend, aber so richtig in die Tiefe geht es leider nicht immer.

Das wird besonders deutlich, als beide zusammen beschließen, Jonah auf angemessene Weise zu begraben und dafür auf Reise gehen (mehr sei nicht verraten). Hier hat das Buch an einer Stelle, die eigentlich der Höhepunkt sein sollte, angefangen, mich etwas zu langweilen, und mir war lange nicht klar, warum. Der erste Grund dafür liegt darin, dass diese Reise einfach etwas aufgesetzt und abstrus wirkt – aber das ist zu verkraften. Störender finde ich, dass Daniel und Tess nicht wirklich miteinander sprechen und ihrer eigenen, aber auch der Beziehung zu Jonah kaum auf den Grund gehen. Die Gespräche zwischen Tess und Daniel mögen in ihrer Oberflächlichkeit wirklichkeitsnah dargestellt sein, aber sie werden eben auch von Tess als Erzählerin zu wenig reflektiert, um für den Leser bedeutsam zu werden. Und deswegen blieb für mich dieser Teil des Buchs viel zu blass …

Was dahinter steht, ist meiner Meinung nach, dass die Figuren in „Mein Leben oder Ein Haufen unvollkommener Momente“ zwar gut angelegt, aber immer wieder zu wenig mit Leben gefüllt sind. Angesichts der ernsten Themen, die das Buch aufgreift, ist das schade, denn mit etwas mehr Schärfe in der Figurenzeichnung, mit Dialogen, die philosophischer angelegt sind (Ansätze sind durchaus da), hätte Bognannis Roman mehr Tiefgang bekommen. So bleiben am Ende eher banale Erkenntnisse zurück, wo man sich eine wirkliche Auseinandersetzung mit Themen wie Tod und Depressionen gewünscht hätte.

Fazit:

3-einhalb von 5 Punkten. Die erste Hälfte von Peter Bognannis ersten Jugendroman habe ich mich gut und intelligent unterhalten gefühlt. Der Einstieg ist fulminant, die Figuren und der Plot werden gut aufgebaut, die Themen des Buchs sind interessant – doch vor allem im letzten Drittel verliert „Mein Leben oder Ein Haufen unvollkommener Momente“ einiges seines Esprits, weil das Buch thematisch oberflächlich bleibt. Es ist weniger die Handlung, die stockt, es sind vielmehr die Dialoge, in denen meiner Meinung nach zu wenig die wirklich wichtigen Dinge zur Sprache gebracht werden. Alles in allem: Die Reise von Tess und Daniel, auf der sie die Asche Jonahs verstreuen, hätte es schlicht und einfach nicht gebraucht.

Ich bin vielleicht etwas hart mit meinem Urteil – aber ich finde es immer schade, wenn ein gut beginnendes Buch am Ende abbaut und das, was man sich erhofft, nicht einlösen kann. Die Botschaft des Romans ist klar: Man weiß nie, wer am anderen Ende beim Chatten tippt, und Online-Bekanntschaften sind problematisch – das wusste man aber vor dem Lesen des Romans schon. Bei den Themen Suizid und Depressionen kratzt das Buch nur leider nur an der Oberfläche. Auch wenn „Mein Leben oder Ein Haufen unvollkommener Momente“ über weite Strecken unterhaltsam ist – ein bisschen mehr Tiefgründigkeit hätte ich mir gewünscht.

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(Ulf Cronenberg, 20.02.2018)

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