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Buchbesprechung: Benjamin Alire Sáenz „Die unerklärliche Logik meines Lebens“

Cover: Benjamin Alire Sáenz „Die unerklärliche Logik meines Lebens“Lesealter 14+(Thienemann-Verlag 2017, 508 Seiten)

3 Jahre ist es her, dass Benjamin Alire Sáenz mit „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ seinen Einstand im Jugendbuch-Genre hatte – zuvor gab es schon eine preisgekrönte Geschichtensammlung für Erwachsene mit dem Titel „Alles beginnt und endet im Kentucky Club“. Mir gefiel an Sáenz‘ Debütroman alles, vor allem aber die Dialoge fand ich außergewöhnlich gut – ein ausreichender Grund, in das zweite Jugendbuch des amerikanischen Autors mit mexikanischen Wurzeln zu gucken, auch wenn ich angesichts der 500 Seiten lange gezögert habe.

Inhalt:

Salvador wird eigentlich nur Sally oder Sal genannt, und auch seine beste Freundin Samantha wird nur mit Spitznamen gerufen: Sam. Die beiden könnten nicht unterschiedlicher sein: Salvador ist ein ruhiger und bedächtig-vorsichtiger Mensch, Sam dagegen ist ein Energiebündel, quasselt, was das Zeug hält, und hat immer wieder Affären mit nicht gerade sympathischen Jungen. Trotzdem: Sal und Sam verstehen sich gut und sind für einander wie etwas, das sie beide nicht haben: Geschwister.

Ungewöhnliche Familiensituationen haben beide: Sam kennt ihren Vater nicht, der sich schon bald nach ihrer Geburt aus dem Staub gemacht hat, ihre Mutter kümmert sich außerdem wegen ständig wechselnder Männer nicht gerade gut um Sam. Auch bei Sal ist es kompliziert: Seine Mutter ist, als er drei Jahre alt war, an Krebs gestorben – um ihn kümmert sich aber auch nicht sein leiblicher Vater, den er gar nicht kennt, sondern Vincent, der beste Freund von Sals Mutter. Vincent ist Künstler und ein liebevoller Vater, aber er ist auch schwul. Das führt dazu, dass Sal immer wieder von Mitschülern blöd angemacht wird und selbst als Schwuchtel bezeichnet wird. Als das mal wieder passiert, lernt Sal eine neue Seite von sich kennen: Er ist so wütend, dass er sein Gegenüber heftig zusammenschlägt. Seine aggressive Reaktion macht Sal selbst Angst.

Auch sonst hat Salvador den Eindruck, dass er sich selbst kaum kennt: Er weiß nicht, wo er aufs College gehen will, obwohl das Ende seiner Schulzeit bevorsteht und er sich dringend bewerben muss; er weiß nicht, was für ein Mensch er ist und zweifelt an vielem in seinem Leben; immerhin weiß er aber, wo er hingehört: Bei seiner Großmutter und bei seinem Vater fühlt er sich geborgen. Doch als bei Mima, wie seine Großmutter genannt wird, nach vielen Jahren der Krebs zurückkehrt, stürzt ihn das in eine Krise. Und noch weitere schwierige Dinge passieren in seinem und in Sams Leben …

Bewertung:

Man sollte, wenn man gerade wenig Zeit zum Lesen hat, keine Bücher mit einem Umfang von 500 Seiten anfangen. Nicht, dass ich es bereut habe – ganz und gar nicht –, aber ich habe ganz schön lange für Benjamin Alire Sáenz‘ Buch gebraucht. „Die unerklärliche Logik meines Lebens“ (Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn; amerikanischer Originaltitel: „The Inexplicable Logic of My Life“) ist in jedem Fall ein außergewöhnliches Buch, in das ich mich erst etwas einlesen musste, das ich aber bald im Geiste adoptiert habe und bei dem ich es schade fand, dass ich so wenig Zeit zum Lesen hatte. Vielleicht war es aber auch gut so, denn so konnten die Buchausschnitte, die ich gelesen hatte, immer etwas nachhallen.

Benjamin Alire Sáenz‘ neuer Roman besteht aus vielen Kapitel – einige sind nur eine halbe Seite lang, die meisten bestehen aus 3 bis 8 Seiten, manche haben noch ein paar Seiten mehr. Überschrieben sind sie manchmal mit den Figurennamen („Ich und Sam“), manchmal mit einzelnen Wörtern („Abhängen“) oder mit passenden Schlagwörtern („Ich. Und meine Fäuste“). Diese Zergliederung in viele Kapitel führt dazu, dass beim Lesen kein richtiger Erzählfluss aufkommt – das ist aber gerade das Besondere an dem Roman: Er wird von Salvador in Schlaglichtern, kleinen Episoden erzählt, von einigen Rückblenden abgesehen chronologisch – und es sind immer besondere Ereignisse, Gespräche und Gedankengänge, die in dem Buch aneinandergereiht sind.

Was daraus resultiert, ist eine ganz besondere Stimmung. Wie schon in „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ lebt das Buch insbesondere von den Dialogen. Wie vor allem Sam und Sal, aber auch Sal und sein Vater, immer wieder auch andere Figuren in Gesprächen mit dem Leben ringen, die Welt und alles, was geschieht, zu fassen versuchen, das ist sehr intensiv. Es sind philosophische Gespräche, nicht akademisch, sondern lebensecht, in denen Jugendliche und manchmal auch Erwachsene nach ihrer Stellung im Leben suchen.

Überhaupt, die Figuren. Sal als nicht gerade selbstbewusster Zweifler, aber guter Beobachter ist die passende Erzählerfigur für den Roman. Sam mit ihrer Quasselei und ihrem Selbstbewusstsein bringt quasi den Pfeffer in die Geschichte, und Sals Vater Vincent ist der ruhende Pol – eine Seele von Mensch, ebenso wie Salvadors Großmutter Mima. Hinzu kommt noch Fito, ein Freund Salvadors, der sich mutig und mit bewundernswert viel Resilienz aus einem beschissenen Leben mit drogensüchtiger Mutter herauszuschälen versucht.

Ja, die Erwachsenen in dem Buch. Irgendwann erwähnt Salvador, dass sie nicht so stark sind, wie man es als Kind immer denkt. Aber es gibt große Unterschiede. Sals Vater ist wirklich erwachsen, er ist stark, er ist für andere da – aber zu spüren ist auch, dass er durchaus seine Grenzen hat und am Rande der Selbstüberforderung entlang hangelt. Das Buch ist jedoch auch voll von schwachen Erwachsenen: Sams Mutter, die sich immer noch wie eine Pubertierende benimmt, oder Fitos drogensüchtige Mutter, die sich nicht um ihren Sohn kümmert, ihn stattdessen oft genug um Geld für Drogen anbettelt und irgendwann sogar vor die Tür setzt.

Wie das Buch einen Kosmos an verschiedenen Menschen darstellt, in dem jeder seinen Packen zu tragen hat, wie es zeigt, dass manche im Leben Fragwürdiges machen, andere zerbrechen, wieder andere aber auch bestehen und an den Problemen wachsen – das ist das, was mir an Benjamin Alire Sáenz‘ Roman so gefällt. Das andere große Plus sind – wie schon erwähnt – die tiefgründigen Dialoge des Buchs, die ohne pädagogisch-moralischen Zeigefinger auskommen. Benjamin Alire Sáenz drängt einem nichts auf – er beschreibt, er stellt dar, er fühlt sich in seine Figuren ein und beschenkt den Leser damit.

Der Erzählstil von Benjamin Alire Sáenz ist eigensinnig, mitunter manchmal etwas sperrig. Die Schlaglicht-Technik des Erzählens führt dazu, dass man nie so ganz in die Geschichte abtaucht. Die Kapitel lassen einen als Leser manchmal etwas hängen, denn oft werden Entwicklungen und Ereignisse eingeführt, aber nicht im nächsten Kapitel fortgeführt oder gar abgeschlossen … Doch aus dem Blick verliert Benjamin Alire Sáenz die Themen nicht – irgendwann wird alles weiter- und zusammengeführt.

Damit sind wir auch schon bei dem, womit ich bei dem Buch etwas gehadert habe: dem Ende des Romans. Hier wird es mir ein bisschen zu amerikanisch-rührselig, wenn Salvador am Schluss nach vielen Zweifeln, nach Selbstunsicherheit und Krisen seinen Frieden mit sich schließt und geläutert die Geschichte verlässt. Das Happy End hätte es in dieser Form nun wirklich nicht gebraucht. Nach 490 bravourösen Seiten kann man mit diesen übertrieben rosa 15 Seiten aber leben …

Fazit:

5 von 5 Punkten. Ich bin beeindruckt von Benjamin Alire Sáenz‘ zweitem Jugendroman. „Die unerklärliche Logik meines Lebens“ hat viel Lebenstiefe, es zeigt die ganze Spannbreite menschlichen Lebens auf – von tragischen Erlebnissen über Trauer und Unvorhergesehenes bis hin zu Freuden und Glück. Dass der Roman noch dazu auch vom Aufbau her nicht 0815 ist, sondern eigensinnig im positiven Sinn, hat mich restlos für diese Buch eingenommen. Ich mag Bücher, in denen Menschen darum ringen, ihren Platz in der Welt zu finden, ich mag Bücher, die die Tragik des Lebens thematisieren und nicht nur eine oberflächliche Geschichte erzählen. Und auch der zweite Jugendroman von Benjamin Alire Sáenz zeigt wie der erste, dass der amerikanisch-mexikanische Autor ein begnadeter Schriftsteller ist, wenn es um solche Dinge geht.

Drei Jahre hat es gedauert, dieses Buch zu schreiben – das erwähnt Benjamin Alire Sáenz im Nachwort. Auch führt er an, dass der Tod seiner Mutter ein Anlass war, die Geschichte zu erzählen, ein anderer war, dass er einen Roman über einen schwulen Vater schreiben wollte (Homosexualität – ich vermute, das ist beim Autor biografisch ein Thema – kam auch schon in Sáenz‘ Debütroman vor). Man merkt, dass Benjamin Alire Sáenz lange mit dieser Geschichte gerungen hat, dass er ein Anliegen hatte, diesen Roman zu schreiben. Herausgekommen ist eine Perle, mit der nicht alle Jugendliche etwas anfangen können dürften – dazu widersetzt sich der Roman zu oft den üblichen erzählerischen Gepflogenheiten. Aber wer ein Faible dafür hat, über das Leben nachzudenken, der darf diesen Roman nicht verpassen. Das gilt für Jugendliche ab 14 Jahren wie für Erwachsene.

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(Ulf Cronenberg, 29.01.2018)

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