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Buchbesprechung: John Green „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“

Cover: John Green „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“Lesealter 14+(Hanser-Verlag 2017, 281 Seiten)

Etwas über 5 Jahren hat uns John Green auf seinen neuen Roman warten lassen – schade, dass es so lange gedauert hat, haben die Bücher des amerikanischen Autors doch fast so etwas wie einen Kultstatus. Ich mag John Greens Bücher vor allem auch, weil sie einen unaufdringlichen philosophischen Tiefgang haben – auch wenn die meisten seiner Jugendromane bisher immer auch leichte Schwächen (meist Passagen mit Längen) hatten. „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ ist übrigens ein hübscher Titel – allerdings gänzlich losgelöst von dem englischen Originaltitel „Turtles All The Way Down“.

Inhalt:

Aza ist 16 Jahre alt und hat ein großes Problem: Sie hat eine riesengroße Angst vor den Bakterien und Viren anderer Menschen. Ständig stellt sie sich vor, dass sich lebensgefährliche Bakterien in ihr einnisten und sie krankmachen könnten, und obwohl Aza seit vielen Jahren in Therapie ist, haben sich ihre Ängste nicht verringert. Kommen solche Angstgedanken in ihr auf, so werden sie immer schlimmer, Aza gerät in eine Denkspirale, aus der sie nicht aussteigen kann und die dann verhindert, dass sie mit anderen in Kontakt bleiben kann.

Azas Freundin Daisy ist genau das Gegenteil: Lebensfroh und ständig auf der Suche nach neuen Erfahrungen kann sie quasseln, was das Zeug hält, während Aza wenig sagt und sich und ihr Verhalten nicht erklären kann. Als Daisy mitbekommt, dass der Milliardär Russell Pickett spurlos verschwunden ist und eine Belohnung von 100.000 Dollar für Hinweise zu seinem Auffinden ausgeschrieben sind, überzeugt sie Aza, den Milliardär zu suchen. Aza war vor vielen Jahren nämlich mit dessen Sohn Davis befreundet.

Die beiden schleichen sich auf das Anwesen des Milliardärs, werden dort vom Sicherheitsdienst aufgespürt und zu Davis gebracht, der nach dem Verschwinden des Vaters mit seinem Bruder Noah und Bediensteten alleine in der Villa lebt. Davis‘ Mutter ist wie Azas Vater schon vor vielen Jahren gestorben. Davis und Aza, die sich länger nicht gesehen haben, verstehen sich gut und treffen sich in den nächsten Tagen immer wieder. Doch nachdem Aza Davis geküsst hat, gerät sie wieder in schlimme Angstspiralen …

Bewertung:

Die Erwartungen an ein neues Buch von John Green sind natürlich hoch. Man denke nur an den fulminanten Beginn von „Margos Spuren“, wo Quentin bei Margos heimlichem Rachefeldzug mitmacht. „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ (Übersetzung: Sophie Zeitz; englischer Originaltitel: „Turtles All The Way Down“) fängt vergleichsweise bedächtig an – ich habe jedenfalls etwas länger gebraucht, bis ich mich in der Geschichte heimisch gefühlt habe. Ein Buch mit Tempo wird John Greens neuer Roman auch später nicht – aber das muss ja auch nicht sein.

Was mich für das Buch nach der Eingewöhnungszeit bald eingenommen hat, ist die Ich-Erzählerin Aza mit ihren psychischen Problemen. John Green kriecht förmlich in seine Hauptfigur hinein, hat man das Gefühl; und man bekommt einen Eindruck davon, wie es sich anfühlen muss, mit einer Bakterienphobie und den damit verbundenen Zwängen zu leben. Wie John Green beschreibt, wenn sich Azas Gedankenspiralen aufbauen und kein Ende finden, das ist schon eine ganz besondere Leistung. Man fragt sich, wie John Green da recherchiert hat, und wenn man sich ein bisschen im Netz umschaut, dann kommt man bald darauf, dass der amerikanische Autor selbst unter einer Angststörung mit Zwangsgedanken leidet und somit sicher manch Autobiografisches verarbeitet hat (vgl. Interview in Die Zeit und Video-Blog mit Bruder Hank).

Aza erklärt ihre Angst- und Zwangsgedanken im Buch einmal so:

„Mein Gehirn sagt mir, Küssen ist eins von einer Reihe von Dingen, die mich am Ende umbringen. Buchstäblich umbringen. Aber es geht nicht mal wirklich ums Sterben – ich meine, selbst wenn ich wüsste, dass ich im Sterben liege und ich würde dir einen Abschiedskuss geben, hätte ich keine Angst vor dem Tod, sondern vor den 80 Millionen Bazillen, die wir gerade ausgetauscht haben. Ich weiß, dass ich mich nicht mit einer Krankheit angesteckt habe, als wir uns eben berührt haben, zumindest wahrscheinlich nicht. O Gott, ich kann es nicht mal aussprechen, weil ich so panische Angst davor habe. Ich kann es nicht in Worte fassen, verstehst du? Ich kann einfach nicht.“ (S. 249f; Hervorhebung im Buch)

Was mir an „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ außerdem besonders gut gefällt – wie bei den früheren Büchern John Greens –, das sind die Dialoge. Seien es Aza und Davis oder Aza und Daisy – es geht in den Gesprächen oft sehr philosophisch zu, da ringen Jugendliche um ihr Bild von der Welt, darum, dass sie sich einerseits oft verstehen, andererseits aber auch vieles unterschiedlich sehen. Einmal kommt es dabei – nicht nur sinnbildlich (mehr sei nicht verraten) – zum großen Knall, als Daisy und Aza aneinandergeraten. Es ist Daisy, die ihrer Freundin während einer Autofahrt vorwirft, immer nur um sich selbst zu kreisen, gar nichts von ihr wissen zu wollen und sich immer nur egozentrisch zu verhalten. Und als Leser kann man beide verstehen: Daisy, die sich darüber beschwert, dass Aza sich wenig mit dem schwierigen Leben ihrer Freundin auseinandersetzt, und Aza, weil sie von ihren Ängsten und Zwängen bestimmt wird und nie einfach mal freudig aufs Leben schauen kann.

Was John Green jenseits der Bakterienphobie auch noch erzählt, ist eine sachte Liebesgeschichte, die aber von Anfang an unter keinem richtig guten Stern steht; dazu ist zwischen Davis und Aza vieles zu kompliziert. Davis ist gebeutelt von der Verantwortung für seinen Bruder, nachdem sein Vater verschwunden ist. Aza kommt mit Körperkontakt überhaupt nicht zurecht. Als Leser mag man sich natürlich wünschen, dass alles ein Happy End findet – aber weil das zu schön ist, um wahr zu sein, versagt sich John Green das smoothe Ende ganz zurecht. Nein, „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ ist keine Geschichte, die rührselig endet, kein Buch, das Lesererwartungen erfüllt, sondern es zeigt bis zum Ende, dass das Leben kompliziert ist und kompliziert bleibt. Oder wie der amerikanische Dichter Robert Frost es in seinem mehrmals im Roman zitierten Bonmot ausdrückt: „Ich kann mit drei Worten alles zusammenfassen, was ich über das Leben gelernt habe: Es geht weiter.“ (S. 184)

„Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ wäre kein Buch von John Green, wenn es nicht ein paar skurrile Situationen beinhalten würde – und die gibt es durchaus wieder. Allem voran ist da eine Echse zu nennen, die Davis‘ Vater gehört. Da vermacht ein Milliardär – Davis‘ Vater – seinen Reichtum laut Testament doch glatt nicht seinen beiden Söhnen, sondern einer Echse. Klingt verrückt, ist verrückt. Ein bisschen plausibler mag das erscheinen, wenn man im Buch die Gründe dahinter erfährt – aber skurril bleibt es trotzdem.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ ist nicht das fulminanteste, es ist nicht das packendste Buch von John Green – das lässt sich zusammenfassend sagen –, aber es ist wohl der empathischste Roman, den er geschrieben hat. Dass es in John Greens Büchern immer um Jugendliche geht, die vom Leben gebeutelt werden und die ihren Platz in der Welt suchen, gilt auch für das neue Buch. Aber Aza, so scheint es mir, ist er als Figur näher gekommen, als jeder anderer seiner Hauptfiguren. Was herausgekommen ist, ist eine Beschreibung der Lebenssituation eines Mädchens, die einen nicht loslässt. Man versteht Aza, und man versteht sie gleichzeitig irgendwie auch nicht (zumindest wenn man selbst keine Angststörung kennt) – aber am Ende hat man zumindest kapiert, dass es wohl Menschen gibt, die sich nicht einfach über ihre schwierigen Gedanken hinwegsetzen und sie ändern können.

Dass John Green seine Geschichte einmal mehr mit intelligenten und philosophischen Dialogen zu erzählen weiß, wurde schon gesagt – allein schon die Gespräche der Figuren machen den Roman lesenswert; und das ist auch wichtig, denn die Story lebt nicht von einem großen Spannungsbogen, sondern von ihrer Wahrhaftigkeit. John Green hätte aus der Idee mit dem Verschwinden des Milliardärs einen packenden Thriller oder Detektivroman entwickeln können – aber genau das hat er eben nicht getan. Das Verschwinden von Davis‘ Vater dient nicht als Hauptplot, es versinnbildlicht vielmehr, dass Jugendliche in vielem auf sich gestellt sind. Ja, Erwachsene sind oft ganz schön weit weg … Und ich hoffe, dass nicht wieder über 5 Jahre vergehen, bis uns John Green mit einem neuen Roman beglückt.

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(Ulf Cronenberg, 24.11.2017)

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