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Buchbesprechung: Kevin Brooks „Born Scared“

Cover: Kevin Brooks „Born scared“Lesealter 14+(dtv 2017, 235 Seiten)

Im Frühjahr 2014 ist Kevin Brooks‘ letzter „richtiger“ Jugendroman „Bunker Diary“ erschienen – dazwischen gab es noch die Travis-Delaney-Reihe (Buchbesprechung von Band 1), die aber einem etwas jüngeren Publikum zuzurechnen ist. Kevin Brooks war immer für gut für anspruchsvolle und packende Jugendthriller, sie hatten eine Eindringlichkeit in der Figurenzeichnung, bei der Handlungs- und Dialogführung, die sonst kaum jemand so hinbekam. „The Road of the Dead“, 2009 auch mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, ist immer noch einer meiner Favoriten des Genres …

Inhalt:

Elliot lebt seit seiner Geburt mit extrem großen Ängsten. Schon die Geburt war dramatisch: eine Frühgeburt, die seine Zwillingsschwester nicht überlebt hat, er selbst nur ganz knapp. Seitdem sitzt er zu Hause, traut sich nicht vor die Tür, will nichts mit anderen zu tun haben; lediglich seine Mutter und Tante Shirley sowie einen Arzt lässt er an sich ran.

Elliots Angstattacken sind schlimm, und nur mit einem Medikament hält er sie unter Kontrolle. Als er eines Wintertags bemerkt, dass in dem neuen Tablettenfläschchen falsche Tabletten sind, wird Elliots Panik groß. Doch seine Mutter verspricht ihm, dass sie rechtzeitig für die neuen Tabletten sorgen wird. Tante Shirley soll sie aus der Apotheke holen und vorbeibringen. Doch dabei geht etwas schief. Die Tante ist Stunden nach der vereinbarten Zeit noch immer nicht da, sie geht weder ans Telefon noch ans Handy. Und so macht sich schließlich Elliots Mutter auf den Weg zu Shirley – für Elliot ist das grenzwertig, seine Angst wird immer schlimmer.

Und dann meldet sich auch seine Mutter nicht mehr und bleibt weg. Elliot weiß nicht, was er tun soll, beschließt aber nach längerem Ringen, dass er sich selbst auf den Weg zu Tante Shirleys Haus macht – seine Zwillingsschwester Ellamay, die ihm immer wieder erscheint und mit ihm spricht, ermuntert ihn dazu. Doch auf dem Weg zu Shirley geht alles schief: Elliot begegnet einem alten Paar, das ihm helfen will, das ihn jedoch in Panik versetzt; er verliert einen Stiefel, er verletzt sich am Fuß – doch das Schlimmste steht ihm noch bevor.

Bewertung:

Die Inhaltszusammenfassung von „Born Scared“ (Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn; englischer Originaltitel „Born Scared“) klingt recht vielversprechend. Doch Kevin Brooks‘ neuer Jugendroman kommt auf den ersten 100 Seiten nicht so recht in Schwung. Richtig in ein Kevin-Brooks-Buch versetzt fühlt man sich eigentlich erst auf den letzten 50 Seiten beim großen Showdown, der natürlich nicht fehlen darf. Doch vorher war ich seltsam irritiert von dem Buch, das mich nicht gepackt hat. Und ich habe mich lange gefragt, woran das liegt – bin ich das von Brooks-Büchern doch so gar nicht gewohnt.

Einer der Gründe ist sicher die Hauptfigur Elliot. Ja, es gibt Menschen, die extrem angstvoll sind, aber wie Kevin Brooks Elliots Ängste schildert, ist es mir zu klischeehaft: Da steht im Raum, dass die Totgeburt der Zwillingsschwester für Elliots Ängste verantwortlich ist, und Ellamay lebt für Elliot als als virtuelle Gesprächspartnerin, die ihm Ratschläge gibt und vieles kommentiert, fort – nicht unbedingt ein neuer Kniff. Muss es außerdem sein, dass die Ängste immer wieder als Biest, das Elliot auflauert, beschrieben werden? Mir ist das alles zu durchsichtig und stereotyp …

Was mich außerdem an „Born Scared“ stört, ist, dass die Geschichte zerfleddert ist. Mehrperspektivisches Erzählen ist ein gutes Mittel, um Abwechslung, Spannung und verschiedene Sichtweisen in eine Geschichte zu bringen – aber hier wird es eindeutig übertrieben. Da springt Kevin Brooks mal eben kurz in die personale Sicht von Nebenfiguren, um sie zwei Seiten später wieder wegzulegen und nie mehr aus deren Perspektive auftreten zu lassen. Das passiert nicht allzu oft und stört gerade deswegen: weil es kein durchgängiges Konzept ist und zu beliebig eingesetzt wird. Klar, es tut dem Buch einerseits gut, dass es erzählerische Abwechslung bekommt, aber andererseits leidet der Erzählfluss darunter.

Von diesen kurzen Episoden abgesehen gibt es zwei Hauptstränge: Elliots Suche nach seiner Mutter macht etwas mehr als die Hälfte des Buchs aus und ist im Gegensatz zu dem Rest des Romans in der Ich-Form und im Präsens geschrieben. Darüber hinaus gibt es noch einen zweiten, deutlich kürzeren Erzählstrang mit dem Bankdirektor Gordon, der mit Halluzinogenen für einen Bankraub willfährig gemacht werden soll. Doch das geht schief. Unter Drogeneinfluss wirft Gordon, übrigens der Sohn von Shirley, sein bisheriges Leben über Bord.

Was zu Kevin Brooks‘ Büchern gehört, ist der Showdown – und den gibt es auch in „Born Scared“. Kevin Brooks wäre nicht Kevin Brooks, wenn hier nicht alle Handlungsstränge gekonnt zusammengeführt würden. Wie hier mit der Doppelperspektive gespielt wird, um die Spannung hochzutreiben, wie die Charaktere des Buchs aufeinandertreffen, einander in die Augen schauen und in Abgründe blicken – das ist das, was ich an Kevin Brooks mag. Schade, dass vorher diese Stärken so wenig präsent sind, weil das Buch so fahrig und klischeehaft ist.

Missfallen hat mir auch, dass einem viele der Figuren nicht so ganz neu vorkommen, wenn man die Bücher von Kevin Brooks kennt. Sie tragen andere Namen, aber sie sind zum Teil Abziehbilder der Figuren früherer Romane. Am besten gefällt mir noch Gordon, der aus seiner bisherigen Lebensrolle fällt, sein gezirkeltes Leben verlässt und bereit ist für einen kurzen Moment von Abenteuer und Lebendigkeit sein Leben zu opfern. Wenn man das eher allegorisch versteht, kann man auch über das Klischeehafte dieser Figurenzeichnung hinwegsehen.

Fazit:

2-einhalb von 5 Punkten. Ich bin irritiert von „Born Scared“ – es ist das erste Buch von Kevin Brooks, bei dem ich mich phasenweise geärgert und gelangweilt habe. Haben sich meine Lesegewohnheiten und meine Ansprüche verändert? Oder ist „Born Scared“ wirklich ein wenig gelungenes Buch? Wahrscheinlich trifft beides zu – es bleibt jedenfalls, dass ich aus verschiedenen Gründen, vom Showdown abgesehen, nicht allzu begeistert von Kevin Brooks‘ neuem Roman bin. Mich stört die fahrige Handlungsführung, die über weite Strecken zu wenig stringent arrangiert ist; mich stören die vielen Stereotypen bei den Figuren; mich stört, dass das Buch sehr lange braucht, um Lust am Weiterlesen zu wecken.

Elliot, und das ist für mich das Hauptproblem an „Born Scared“, ist keine Figur, die einem nahegeht und die man im Gedächtnis behält. Das liegt vor allem an der gekünstelt wirkenden Überkonstruktion in Bezug auf die Ängste, mit denen Elliot zu kämpfen hat. Identifikation ist hier kaum möglich, und das ist etwas, was mir beim Lesen früherer Bücher von Kevin Brooks anders ging. Rubens Ängste und Nöte aus „The Road of the Dead“ kann man nachvollziehen, man leidet mit. Bei Elliot funktioniert das nicht. Und damit bleibt irgendwie die ganze Geschichte leblos. Schade.

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(Ulf Cronenberg, 01.11.2017)

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