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Buchbesprechung: Endre Lund Eriksen „Der Sommer, in dem alle durchdrehten (außer mir!)“

Cover: Erik Lund Eriksen „Der Sommer, in dem alle durchdrehten“Lesealter 12+(Kosmos-Verlag 2017, 219 Seiten)

Die Zeit, in der man das Kindsein verlässt und langsam ein Jugendlicher bzw. eine Jugendliche wird – das ist schon eine aufregende, mitunter verwirrende und nicht immer gerade einfache Zeit. Endre Lund Eriksen, der aus Norwegen kommt, hat genau darüber ein Buch geschrieben; und die Hauptfigur in dem Buch, ein 12-jähriger Junge, erlebt nicht nur das eigene Gefühlswirrwarr, sondern muss auch sonst noch einiges mitmachen. Klar, dass man sich da gerne versteckt, wenn alles zu viel wird – in diesem Fall an einem recht ungewöhnlichen Ort.

Inhalt:

Mit seinem Papa hat es Arvid während der Sommerferien in den einsamen Norden Norwegens verschlagen. Viel los ist da nicht. Neben dem Wohnwagen der beiden wohnt noch ein anderer Vater mit seiner Tochter, die Indiane heißt; außerdem leben in der weiteren Umgebung noch ein paar andere Menschen – das ist es dann aber schon. Arvids Eltern haben sich vor nicht allzu langer Zeit getrennt, seine Mutter hat wieder eine neue Beziehung, Arvids Vater dagegen war die letzten Monate eher niedergeschlagen und antriebslos.

In Nordfjordbotn, wie der Ort heißt, in dem sie sind, hofft sein Arvids Vater Ruhe zu finden, doch was ihn wieder lebensfroh macht, ist etwas anderes: Er lernt Roger, den Vater Indianes kennen – die beiden freunden sich an und unternehmen viel, aber Arvid bemerkt bald mit Schrecken, dass das mehr als eine Freundschaft ist. Das will Arvid absolut nicht wahrhaben, und so versucht er die Treffen von Roger und seinem Vater zu stören, wo immer es geht.

Doch damit nicht genug. Außerdem ist da noch Indiane, die ziemlich aufdringlich ist. Arvid als schüchternem Jungen sind Indianes Annäherungsversuche unangenehm, aber Indiane lässt einfach nicht locker – im Gegenteil sie wird immer unverschämter und tut alles, um alleine Zeit mit Arvid zu verbringen. Es ist offensichtlich, dass sie in Arvid verliebt ist, und das passt ihm überhaupt nicht. Und was macht Arvid in seiner Not? Er zieht sich aufs Plumpsklo zurück, wo er sich verbarrikadiert und Tagebuch über die verrückten Dinge, die in Nordfjordbotn passieren, schreibt.

Bewertung:

Es kommt nicht oft vor, dass mich Bücher lauthals zum Lachen bringen, aber bei „Der Sommer, in dem alle durchdrehten (außer mir!)“ (Übersetzung: Maike Dörries; norwegischer Originaltitel: „Den sommeren papa ble homo“) saß ich mehrmals in meinem Lesesessel und musste losprusten. Wie Arvid, der mit vollem Namen Arvidsjaur heißt und nach dem Ort, in dem er gezeugt wurde, benannt wurde, in seinem Tagebuch alle Peinlichkeiten, die er erlebt, festhält, hat viel Komik. Selten habe ich so bei einem Buch gelacht.

Endre Lund Eriksen findet – das muss man anerkennen – eine kongeniale Erzählform für ein Buch, in dem es um etwas geht, das der norwegische Originaltitel genauer benennt: „Der Sommer, in dem Papa schwul wurde“. Ja, was löst es aus, wenn ein 12-Jähriger feststellt, dass sein Vater sich nach dem Scheitern der Ehe in einen Mann verliebt? Ziemlich viel. Schwierig ist das vor allem auch, weil es in einer Zeit geschieht, in der Arvid selbst kurz vor der Pubertät steht.

Richtig angelangt ist Arvid in der Pubertät allerdings noch nicht, er ist eher Kind als Jugendlicher. Während sein Freund Frank ständig von Mädchen spricht, an nichts anderes mehr denkt und im Internet Pornobilder anschaut, interessiert Arvid das nicht nur nicht, sondern das Thema ist ihm peinlich. Als Indiane ihn bezirzt und umgarnt, weiß er fast gar nichts damit anzufangen. Es ist ihm unangenehm – nur ganz tief versteckt im Innern schmeichelt und interessiert es ihn irgendwo doch. Wie Endre Lund Eriksen dieses Gefühlswirrwarr beschreibt, das ist herzerfrischend und dennoch von großer Ernsthaftigkeit.

Arvid versteht jedenfalls die Welt nicht mehr – sein bisheriges Weltbild ist auf den Kopf gestellt:

„Da sitz ich jetzt mit rotem Kopf und heißen Ohren auf dem Plumpsklo und schreibe in das Buch. […] Das ist alles ganz schön peinlich. Papa schleicht sich nachts aus dem Wohnwagen und ich finde ihn schnarchend in Roger Bergs Schlafzimmer. Lisbeth [eine Nachbarin] schwimmt nackt in der Gegend rum. Waldo [Arvids Hund] will sich noch öfter als normal paaren und Indiane guckt am helllichten Vormittag Pornos. Bin ich der einzig Normale weit und breit?“ (S. 97f)

Arvid, der sowieso schon durch die Trennung seiner Eltern einiges mitgemacht hat, wird noch mehr strapaziert. Durch die Begegnung mit Indianes Vater Roger ist Arvids Vater auf einmal ein ganz anderer Mensch: Er trinkt Wein, er setzt sich aufs Rennrad, zieht dafür ein lächerliches Radlerkostüm an – alles Dinge, die er vorher vermieden und abgelehnt hat. Arvid kann sich nicht mit seinem Vater, der auf einmal wieder lacht und Lebensmut hat, freuen – verständlich irgendwie.

Langweilig wird das Buch eigentlich nie – auch wenn der witzige Ton, das Slapstickhafte, sich in der zweiten Hälfte des Buchs leider ein wenig verliert. Nur einmal ist die Geschichte kurz davor, ein bisschen auf der Stelle zu treten – doch da steht plötzlich Frank, Arvids hochpubertierender Freund, vor der Wohnwagentür und wirbelt alles durcheinander. Man ahnt, was kommen mag: dass Frank sich zum einen für Indiane interessiert und zum Konkurrenten wird, dass er zum anderen mitbekommt, dass Arvids Vater sich zu einem anderen Mann hingezogen fühlt. Das alles bringt für Arvid das Fass zum Überlaufen. Und wer wissen will, wie Arvid damit umgeht – tut mir leid –, dem wird hier nicht geholfen, der muss das Buch schon selbst lesen …

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Schade, dass die zweite Hälfte des Buchs nicht ganz so witzig ist wie die erste. Doch abgesehen von diesem einen kleinen Kritikpunkt, kann man nur bewundernd sagen: Endre Lund Eriksen ist mit „Der Sommer, in dem alle durchdrehten (außer mir!)“ ein witzig-wahrhaftiges Buch mit herrlich-skurriler Situationskomik gelungen. Hat man jemals ein Buch gelesen, dessen Erzähler seine Geschichte auf dem Plumpsklo schreibt? Auf die Seiten des Gästebuchs? Es gibt im Leben Situationen, wegen derer man sich zurückziehen muss, weil einen das Leben überfordert. Genau das passiert Arvid, als er mitbekommt, dass sein Vater sich in einen Mann verliebt hat. Blöd, wenn für den Rückzug nur ein stilles Örtchen zur Verfügung steht …

Letztendlich geht es in Endre Lund Eriksens Kinder-/Jugendroman um das Erwachen der Sexualität – und das funktioniert bei verschiedenen Menschen unterschiedlich, selbst bei Erwachsenen ist nicht alles fertig. Bei Arvids Vater heißt das, dass er sich erstmals zu einem Mann hingezogen fühlt, während Indianes Vater schon länger schwul ist, aber gerade eine Beziehung in den Sand gesetzt hat. Bei Indiane ist es so, dass sie vieles ausprobieren will: Jungen küssen und sich ihnen nahefühlen; Arvid selbst dagegen ist für erste Beziehungserfahrungen noch nicht bereit, auch wenn das alle von einem 12-Jährigen erwarten. All das wird beschrieben. Es ist der Kampf, zu sich selbst zu finden, und der ist mitunter höllisch schwer. Aber irgendwie schafft Arvid es am Ende doch. Gottseidank.

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(Ulf Cronenberg, 26.10.2017)

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