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Buchbesprechung: Angie Thomas „The Hate U Give“

Cover: Angie Thomas „The Hate U Give“Lesealter 14+(cbt 2017, 497 Seiten)

Ich bin etwas spät dran – Angie Thomas‘ Debütroman hat schon einige sehr gute (man könnte auch sagen: überschwängliche) Rezensionen bekommen … Aber lesen wollte ich „The Hate U Give“ trotzdem noch, auch wenn ich zurzeit wegen meiner begrenzten Lesezeit vor 500-Seiten-Romanen etwas zurückschrecke. Ein brisantes Thema hat das Buch in jedem Fall: Die gesetzliche Gleichstellung der farbigen und weißen Bevölkerung wurde in den USA zwar 1964 im Civil Rights Act endlich vollzogen, aber der Rassismus ist seitdem in dem Land nicht Vergangenheit – selbst wenn es inzwischen einen farbigen Präsidenten gab. Von diesem Rassismus handelt der Jugendroman …

Inhalt:

Starr ist 16 Jahre alt und farbig, sie lebt mit ihren Eltern und Geschwistern im Problemviertel einer Großstadt. Weil ihre Eltern ihr ein besseres Leben ermöglichen wollen, geht sie wie ihre Brüder auf eine Privatschule, auf der sonst fast ausschließlich Weiße sind. Das führt dazu, dass Starr ein Leben in zwei Welten führt.

Auf einer Party trifft das Mädchen Khalil, einen früheren sehr guten Freund von ihr, den sie etwas aus den Augen verloren hat. Doch Khalil scheint sich verändert zu haben, er trägt Klamotten, die darauf hinweisen, dass er Geld hat, und Starr befürchtet, dass er sich das Geld mit dem Verkauf von Drogen verdient. Als auf der Party eine Schlägerei beginnt und schließlich Schüsse fallen, nimmt Khalil Starr in seinem Auto mit. Auf der Fahrt werden sie von einem Polizeiauto angehalten.

Starr weiß genau, wie man sich einem Polizisten gegenüber verhalten muss, um sich nicht zu gefährden – ihre Eltern haben es ihr oft genug eingetrichtert. Doch Khalil tritt vorlaut auf, muss schließlich aus dem Auto und wird durchsucht. Während der weiße Polizist Khalils Papiere durchsieht, öffnet Khalil die Tür, beugt sich herunter und fragt Starr, ob alles in Ordnung sei. Kurz darauf fällt ein Schuss und Khalil stirbt vor Starrs Augen.

Starr ist geschockt und traumatisiert, sie kann nicht glauben, dass ein Polizist einfach so auf jemand schießen kann. In den Medien heißt es, dass Khalil sich bewegt und die Tür geöffnet hätte. In der Tür sei etwas im Ablagefach gewesen, was wie eine Waffe ausgesehen habe – deswegen habe der Polizist geschossen. Doch Khalil war unbewaffnet, im Ablagefach lag lediglich eine Haarbürste. Auch wenn Starr große Angst hat: Sie macht eine Zeugenaussage gegen den Polizisten, und danach ist für Starr nichts mehr, wie es war.

Bewertung:

Ist man in die Story von „The Hate U Give“ (Übersetzung: Henriette Zeltner; amerikanischer Originaltitel: „The Hate U Give“) einmal eingetaucht, so lässt sie einen nicht mehr los. Und es dauert nicht lange, bis man der Geschichte verfällt, denn Starrs schreckliche Situation wird auf den ersten 50 Seiten aufgebaut: Das Mädchen steigt schon kurz nach Buchbeginn mit Khalil ins Auto und damit nimmt alles seinen Lauf …

Leser/innen auf 500 Seiten bei der Stange zu halten, das gelingt nicht so ohne Weiteres, aber für Angie Thomas ist es kein Problem. Das liegt daran, dass in die Geschichte viele autobiografische Erlebnisse mit eingeflossen sind, die das Buch wahrhaftig machen. Angie Thomas weiß, wie man sich als Farbige fühlt, sie weiß, was Diskriminierung, was Rassismus ist und wie sich beide anfühlen, und sie weiß, wie es sich in einem Farbigenviertel lebt, in der sich Gangs bekriegen.

Es gab in den letzten Jahren oder Jahrzehnten einige Vorfälle, wo weißhäutige Polizisten schwarze Amerikaner so gut wie grundlos erschossen haben, und man weiß auch, dass viele Polizisten nicht dafür belangt wurden – genau das ist die Handlungsschablone für „The Hate U Give“. Geschickt ist die Geschichte aufgebaut, weil sie als Hauptfigur ein liebenswertes Mädchen hat, das mit ansehen muss, wie ihr Freund, der zwar etwas auf die schiefe Bahn geraten ist, völlig grundlos getötet wird. Für Starr ist das nicht die erste Gewalt- und Diskriminierungserfahrung: Ihr Vater war nach ihrer Geburt schon einmal drei Jahre im Gefängnis und eine ihrer Freundinnen wurde ebenfalls erschossen.

In was Starr da reingezogen wird, ist letztendlich so etwas wie ein Albtraum. Sie will am liebsten ihre Ruhe, kommt nicht über Khalils Tod hinweg, sie weiß aber auch, dass sie nicht schweigen darf. Es dauert deswegen auch länger, bis sie bereit ist, als Zeugin auszusagen. Die Wochen nach der Ermordung Khalils sind für Starr eine emotionale Achterbahnfahrt, aber letztendlich auch für ihre Familie, in der auch nicht alles heile Welt ist. Ihr Vater hat einen Sohn von einer anderen Frau, er war außerdem früher Mitglied in einer Gang, die das Viertel nach wie vor drangsaliert, hat sich jedoch davon losgesagt.

Starrs Vater ist nur eine der vielen Personen im Buch, die ziemlich explosiv sind. Als er zum Beispiel erfährt, dass Starr einen weißen Freund hat, geht er an die Decke, und auch sonst ist er nicht gerade leicht zu nehmen. Aber er hat auch viele gute und fürsorgliche Seiten, lässt sich nach anfänglicher vehementer Abwehr auch von anderen Ansichten überzeugen – meist von seiner Frau. Ja, in Starrs Vater brodelt es – wie in vielen anderen Figuren im Buch, und sie alle geben der Geschichte ein Feuer, das einen das Buch nicht weglegen lässt. Dazu passt, was Starr von ihrem Vater berichtet:

„Daddy hat mir mal gesagt, dass jeder Schwarze den Zorn seiner Vorfahren erbt. Der in dem Moment entstanden ist, als diese nicht verhindern konnten, dass die Sklavenhalter ihren Familien Leid zufügten. Daddy hat auch gesagt, es gibt nichts Gefährlicheres, als diesen Zorn anzufachen.“ (S. 225)

Es sind darüber hinaus viele kleine Szenen, die einen als Leser erschrecken und die einem zeigen, wie Rassismus im Alltag aussieht: wenn es darum geht, wie groß das Misstrauen zwischen den Menschen ist, wenn man mitbekommt, wie Starr von einer weißen Mitschülerin behandelt wird, wenn man sehen muss, wie Starrs Zeugenaussagen letztendlich nutzlos sind.

Woher das Buch übrigens seinen Titel hat? Schwarze Drogendealer werden häufig Thug genannt. Der 1996 im Alter von 25 Jahren erschossene Rapper Tupac hat das Wort umgedeutet und erweitert: „Thug life“ steht für ihn als Abkürzung für „The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody“ (frei übersetzt: „Der Hass, den du kleinen Kindern gibst, fällt auf alle zurück.“). Und das ist genau das, was Angie Thomas zeigen will: Solange Kinder in schwierigen und rassistischen Verhältnissen aufwachsen, ist es verdammt schwer, ein besseres und gewaltfreies Leben zu führen.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „The Hate U Give“ ist ein Buch, das angesichts rassistischer Gewalt in den USA ein wichtiges Thema aufgreift. Man könnte denken, dass es Mut macht, wenn ein Buch wie „The Hate U Give“ in den USA längere Zeit auf dem ersten Platz der Bestsellerlisten steht. Aber man darf sich nicht täuschen lassen: Ändern wird das wenig bis nichts – denn in den USA lebt man wie in anderen Ländern auch in Parallelgesellschaften. Im Gegenteil: In den USA passieren seit Beginn der letzten Präsidentschaftswahlen Dinge, die man nicht so recht für möglich gehalten hätte. Aber wer nun nur in Richtung USA schielt: „The Hate U Give ist durchaus auch für Europa ein relevantes Buch, denn wir leben in einer Zeit, in der Vorurteile und Ressentiments bestimmten Bevölkerungsgruppen gegenüber wieder salonfähiger werden.

Aber lässt man mal die politische Brille weg – Angie Thomas‘ Debütroman hat alles, was ein guter Jugendroman braucht: eine differenziert gezeichnete Ich-Erzählerin, die in etwas Schlimmes hineingezogen wird, dabei unterzugehen droht, sich aber bewährt und am Ende großen Mut zeigt; eine erschreckende Story, die packend von Beginn bis zum Ende ist; außerdem Figuren, die bis zu den kleinen Nebenfiguren hin, lebensnah angelegt sind. Es ist schlimm, dass Bücher solche gegenwartsnahe Geschichten erzählen müssen, es ist gut, dass sie es tun, es wäre zu wünschen, dass sie helfen, Rassismus und Vorurteile zu verringern. Wenn Angie Thomas‘ engagiertes Buch dazu ein Minimosaiksteinchen beiträgt, dann wäre das ja schon mal was … Aber abgesehen von solchen Überlegung – was ich sagen will: Lest das Buch einfach!

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(Ulf Cronenberg, 22.10.2017)

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