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Buchbesprechung: Mårten Melin „Viel mehr als ein Kuss“ / „Etwas mehr als Kuscheln“

Cover: Mårten Melin „Viel mehr als ein Kuss“Lesealter 13+(Klett Kinderbuch 2017 bzw. 2016, 139 bzw. 148 Seiten)

Die ersten Erfahrungen mit Sexualität und in Beziehungen werden in Jugendromanen immer wieder thematisiert, aber dass Bücher das zum Hauptthema machen, kommt nicht so oft vor. Dabei ist das wirklich ein Thema, das viele Jugendliche ab einem Alter von 12 oder 13 Jahren sehr drängend zu beschäftigen beginnt … Der schwedische Autor Mårten Melin hat sich daran gemacht, das zu ändern: Aufklärungsbücher in Romanform könnte man zu den beiden Bänden, die er veröffentlicht hat, sagen. Die Frage ist, ob der Plot in den Romanen mithalten kann …

Isa ist 13, Manne wird es gerade. Beide entdecken sexuelle Wünsche, Fantasien und ihr Interesse am anderen Geschlecht. Und beide sind verliebt – Isa in Manne, doch Manne kapiert das irgendwie nicht. Manne, der in seiner Kindheit viel Zeit mit Isa verbracht hat, dagegen ist in Aya verliebt, doch die schlägt sein „Willst du mit mir gehen?“ ab – ihre gestrengen Eltern sind dagegen. Und als die fast 15-jährige Amanda ihm den Kopf verdreht, ist Aya fast vergessen …

Ja, das ist schon eine verrückte Zeit, wenn man 12 oder 13 ist: Der eigene Körper verändert sich, auf einmal denkt man ständig an einen Jungen oder an ein Mädchen, man schaut anderen auf den Po, auf die Brüste und wer weiß wohin, stellt sich ihn oder sie nackt vor, erkundet den eigenen Körper, während man Fantasien in seinem Kopf herumwandern lässt …

Cover: Mårten Melin „Etwas mehr als kuscheln“Zwei Bände hat Mårten Melin geschrieben (beide von Stefan Pluschkat aus dem Schwedischen übersetzt): Das blaue „Etwas mehr als Kuscheln“ erzählt, was Manne mit seinen gerade mal 13 Jahren in Bezug auf Mädchen und Sexualität erlebt; das altrosa-lila „Viel mehr als ein Kuss“ berichtet von Isa und ihren Sehnsüchten, Wünschen und ersten sexuellen Erfahrungen.

Mir gefällt eigentlich so gut wie alles an beiden Bänden: Hier wird, was Themen wie Selbstbefriedigung, sexuelle Fantasien, erste Erfahrungen angeht, kein Blatt vor den Mund genommen. Zugleich wird alles ehrlich und keineswegs voyeuristisch dargestellt. Ja, man zuckt vielleicht bei der ein oder anderen Formulierung zusammen – doch das liegt daran, dass jeder Mensch andere Begriffe für Geschlechtsteile oder sexuelle Praktiken verwendet und hier und da mal einen Begriff leicht anstößig findet, der für andere ganz normal ist. Dennoch: Die Sprachwahl des Buches ist sehr einfühlsam. (Nur am Rande: Über ein paar unvollständige, nicht so ganz in den Zusammenhang passende Sätze bin ich allerdings gestolpert – ob da seltsame Formulierungen aus dem Original übernommen wurden oder ob das Schwächen von Lektorat und Übersetzung sind, kann ich nicht so recht beurteilen …)

„Viel mehr als ein Kuss“ und „Etwas mehr als Kuscheln“ zeichnet darüber hinaus aus, dass sie beschreiben, wie kompliziert die ersten Beziehungsversuche sein können – es geht beileibe also nicht nur um Sex. Mannes Interesse an Aya wird nicht erwidert; Isa hat sich in Manne verguckt, doch der hat andere Mädchen im Blick; als Manne dann doch Isa küsst, eine etwas seltsame Beziehung beginnt und beide irgendwann zusammen in seinem Zimmer übernachten, machen die Eltern Stress, und dem fällt dann die Beziehung zum Opfer; und Manne und Amanda, das ist eine ganz schwierige Geschichte – nicht nur wegen des Altersunterschieds … Und überhaupt: Darf man anderen eigentlich von seinen ersten sexuellen Erfahrungen erzählen? Manne erlebt, dass er sich besser nicht seinem Freund anvertrauen hätte sollen, weil dieser nicht dichthält.

Diese ganzen Verwicklungen, diese Irrwege, die keine sind, sondern Erfahrungen, an denen man wächst, führen auch dazu, dass der Plot beider Bücher stimmt. Es tut sich was, Langeweile kommt nicht auf – und das liegt nicht nur daran, weil man von dem Thema Sexualität angefixt wird. Mårten Melin macht das schon ganz richtig: Man hat jedenfalls nie das Gefühl, ein Aufklärungsbuch zu lesen, sondern richtige Jugendromane, die noch dazu die passende Länge haben: kurz und würzig, aber doch ausführlich genug.

Nebenbei werden auch noch ein paar andere Themen angedeutet – das Buch lässt immer wieder Leerstellen: Da wird z. B. ein Klassenkamerad rot, als er in der Sportumkleide Mannes Ständer unter dessen Sporthose sieht … Oder da ist Moa, Mannes Schwester, die eifersüchtig auf Amanda ist, ohne dass man genau erfährt warum. Ist es, weil sie ihren Bruder nicht teilen will? Oder empfindet sie gar etwas für Amanda? Manche Fragen bleiben offen, und das ist gut so.

Die Eltern von Manne und Isa sind übrigens im Großen und Ganzen verständnisvoll, aber ab und zu auch verschlossen und ängstlich, wenn es um die erwachende Sexualität in ihren Kindern geht. Auch ein interessantes Thema: Wie gehen Eltern mit ihren Kindern dann um? Manne und Isa können manchmal mit ihren Eltern über ihre Nöte und Probleme sprechen, vieles verheimlichen sie jedoch vor ihnen.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Ich habe die beiden Bücher von Mårten Melin ziemlich lange auf meinen Bücherstapeln liegen lassen – so richtig hat das, was ich über die Bücher wusste, bei mir erst mal nicht gezogen. Doch ich habe es ganz und gar nicht bereut, „Viel mehr als ein Kuss“, die Geschichte Isas, gelesen zu haben – im Gegenteil: Ich habe gleich noch das ältere Buch („Etwas mehr als Kuscheln“) hinterhergeschoben, um auch die Sicht eines Jungen kennenzulernen.

Mårten Melin hat, finde ich, alles richtig gemacht. Beide Bände über die aufkeimende Sexualität, über die ersten Beziehungsgehversuche, über das Gefühlswirrwarr, wenn man das Kindsein hinter sich lässt, sind ohne Wenn und Aber gelungen – einfühlsam und behutsam, aber auch geradeheraus und unverblümt geschrieben.

Wir leben in einer Welt, in der ganz unterschiedlich mit Sexualität umgegangen wird. Nicht weniges ist tabuisiert; manche Eltern sind freizügig und vertrauensvoll, andere wollen das Thema möglichst lange von ihren Kindern fernhalten, obwohl unsere ganze Kultur von Sex aufgeladen ist (man schaue nur Musikvideos und Werbung an). Wer seine Kinder ab 13 Jahren, die gerade zu Jugendlichen werden, behutsam, aber offen an die Themen Sexualität und erste Beziehung heranführen will, der kann ihnen meiner Meinung nach die beiden Bücher von Mårten Melin geben (und – das würde ich anraten – sie vorher vielleicht erst mal selbst lesen, um einzuschätzen, ob das schon etwas für das eigene Kind ist). Ja, ich würde wirklich beide Bücher für Jungen wie für Mädchen empfehlen, nicht nur das blaue für Jungen, das altrosa für Mädchen. Allerdings – das wäre mein Tipp – sollte man erst mit dem Buch über das eigene Geschlecht anfangen. Und dann vielleicht auch mal in das andere hineinschnuppern …

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 17.07.2017)

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