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Buchbesprechung: Jon Walter „Mein Name ist nicht Freitag“

Cover: Jon Walter „Mein Name ist nicht Freitag“Lesealter 13+(Königskinder-Verlag 2017, 436 Seiten)

Als Jon Walter 2015 sein Buch in den USA veröffentlichte, war nicht daran zu denken, dass es heute, zwei Jahre später deutlich mehr Aktualität haben würde – das ist zumindest meine Einschätzung. Einen historischer Jugendroman, der einen jugendlichen Sklaven als Hauptfigur hat, hat heute angesichts von Mauern, die Donald Trump bauen will, angesichts einer politischen Stimmung, die bestimmte Menschengruppen ausschließen will, eine andere Konnotation. Es ist heute eigentlich unvorstellbar, wie schwarze Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts behandelt wurden – und trotzdem leben wir in einer Zeit, in der Vorurteile und Ressentiments bestimmten Bevölkerungsgruppen gegenüber wieder zunehmen.

Inhalt:

Samuel ist 12 Jahre alt und lebt mit seinem jüngeren Bruder Joshua in einem Waisenhaus für schwarze Kinder. Pater Mosely, der das Waisenhaus leitet, führt ein seltsames Regiment: Verständnisvoll und engagiert fördert er einerseits farbige Kinder, die keine Eltern mehr haben, andererseits ist er jedoch auch extrem aufbrausend und streng. Samuel ist Pater Moselys Lieblingsschüler, weil er schnell lernt und gottesfürchtig ist. Anders ist es jedoch mit Joshua, der ständig aneckt und sich nicht zu benehmen weiß.

Als in der Kapelle auf dem Altar ein Kackhaufen gefunden wird, sucht Pater Mosley den Schuldigen. Samuel ahnt, was kommen wird: dass sein Bruder Joshua verdächtigt wird und dieser es vielleicht auch wirklich war. Als der Pater die Kinder befragt, sich vor Joshua aufbaut, behauptet Samuel kurzentschlossen, um seinen Bruder zu schützen, dass der Haufen von ihm stamme. Der Pater ist entsetzt, aber straft, wie er es angekündigt hat: Samuel wird erst einen Tag eingesperrt, dann an einen Sklavenhändler verkauft. Dieser schleppt Samuel zu einer Auktion, wo er unter dem Namen Freitag an eine Familie verkauft wird.

Samuel ist von da an Sklave auf einer Farm, die von Mrs Allen und deren Stiefsohn Gerald geführt wird – Mr Allen ist im Krieg, um gegen die Nordstaatler zu kämpfen. Für Samuel ist das Leben auf der Farm ein großer Schock: Gleich in den ersten Stunden bezieht er vom schwarzen Vorsteher Hubbard Prügel, schnell lernt er sich anzupassen. Ihm ist klar, dass z. B. niemand erfahren darf, dass er lesen und schreiben kann, da das Sklaven nicht erlaubt ist. Immerhin freundet er sich mit Gerald an, der einen Freund sucht und von seinem Vater durchaus freigeistige Gedanken in Bezug auf die Sklaverei vermittelt bekommen hat.

Bewertung:

„Mein Name ist nicht Freitag“ (Übersetzung: Josefine Haubold; amerikanischer Originaltitel „My Name’s Not Friday“) kommt als eher altmodisch erzählte Geschichte daher, die auf den ersten Blick den Eindruck hinterlässt, man hätte vieles davon bereits in Büchern oder Filmen gelesen bzw. gesehen. Wahrscheinlich gilt das allerdings nur für jemanden, der schon etwas älter ist … 13- oder 14-jährige Lesern dürfte das anders gehen – oder noch mehr: Jon Walters Buch bringt ihnen einen Teil der amerikanischen Geschichte näher, der ihnen in Details eher nicht bekannt sein dürfte.

Um den geschichtlichen Hintergrund kurz zu umreißen: Der Sezessionskrieg zwischen 1861 bis 1865 war ein militärischer Konflikt zwischen den Konförderationsstaaten (aus den Vereinigten Staaten ausgetretenen Südstaaten) und den in der Union verbliebenen Nordstaaten (auch Unionsstaaten genannt). Es ging dabei neben wirtschaftlichen und politischen Differenzen insbesondere auch um die Haltung gegenüber der Sklaverei. Während der Norden unter Abraham Lincoln die Sklaverei abschaffen wollte, verteidigten die Südstaaten diese. Am Ende mussten die Konförderationsstaaten sich geschlagen geben, sie wurden aber wieder in die USA aufgenommen. Doch zurück zum Buch …

Dass Jon Walters Roman einen recht schnell in den Bann zieht, liegt vor allem an dessen Ich-Erzähler. Samuel ist ein rechtgläubiger und guter Mensch; er glaubt an einen gerechten Gott – trotz aller Übel, die ihm geschehen, und gelegentlicher Zweifel hält Samuel alias Freitag am Glauben fest; ja, er glaubt irgendwann, dass er einen Auftrag Gottes zu erfüllen hat. Freitag erobert die Herzen der anderen Sklaven auf der Farm nicht im Sturm, aber nach einiger Zeit hat er dort einen guten Stand. Gleiches gilt für die Farmbesitzerin Mrs Allen und deren Sohn Gerald, der Freitag nicht nur mag, sondern auch viel von ihm hält. Ungewöhnlich ist eine solche Freundschaft zwischen einem Sklaven und einem weißen Jungen in der damaligen Zeit ja schon – und hier dürfte das Buch auch sein unrealistischstes Moment haben.

Auch wenn Kleinigkeiten in der Geschichte hier und da zu schön sind, um wahr zu sein: Jon Walter will keine Schmonzette erzählen, und deswegen passieren im Laufe des Buchs schlimme Dinge. So spitzt sich die Ernährungs- und Versorgungslage angesichts des näher kommenden Sezessionskriegs zwischen den Süd- und Nordstaaten der USA immer mehr zu. Das rückt Mrs Allen und die Sklaven allerdings eher zusammen, als dass es zu neuen Konflikten führt. Jedoch kommt es noch wesentlich schlimmer: Als der Krieg wirklich vor der Tür steht, kocht alles hoch. Samuel gerät zwischen die Fronten, und es erwischt ihn ziemlich übel – mehr sei hier nicht verraten.

Was „Mein Name ist nicht Freitag“ auszeichnet, ist neben der spannenden Geschichte vor allem die sehr differenzierte Figurenzeichnung – und zwar sowohl auf Seiten der Weißen als auch der Sklaven. Hubbard, der Vorarbeiter, zum Beispiel ist eine vielschichtige Figur. Er kann seinen Mitsklaven als Vorarbeiter ziemlich gnadenlos gegenübertreten, hat aber auch ein gut verstecktes gutes Herz. Schillernd ist auch Mrs Allen, die durchaus für ihre Sklaven sorgt, selbst mit anpackt, als es brenzlig wird, sich in entscheidenden Momenten dann aber doch nicht von ihren Vorurteilen und Vorstellungen über Sklaven lösen kann. Eine besonders tragische Figur ist Gerald, der zwar gegen die Sklaverei ist, dann aber, als der Krieg vor der Haustür ist, gegen die Unionisten von den Nordstaaten kämpft, und damit gegen die Befreiung der Sklaven.

Was Jon Walter gut gelingt, ist, diese ganzen Widersprüchlichkeiten aufzuzeigen. Da kämpft die alte Denke der vermeintlich gottgewollten Sklaverei gegen eine neue Menschlichkeit und zerreißt manche Menschen innerlich fast. Von der vielleicht etwas übertrieben dargestellten Freundschaft zwischen Samuel und Gerald abgesehen gibt das Buch irgendwelchen Romantisierungen zum Glück wenig Raum, und das ist gut so. Die Sklaverei war für die Schwarzen eine schlimme Zeit, und das wird einem als Leser anhand von Samuels Geschichte klar vor Augen geführt.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Es gibt in Jon Walters Buch viele spannende Stellen, an denen man gar nicht mehr zu lesen aufhören will – das gilt vor allem für die zweite Hälfte des Romans. „Mein Name ist nicht Freitag“ ist mit seinen gut über 400 Seiten nicht gerade ein kurzer Roman, aber das dürfte allen, die es wie ich schaffen, irgendwann darin abzutauchen, spätestens aber der Mitte des Buchs gar nicht mehr auffallen.

Man täte dem Buch jedoch unrecht, wenn man es nur als spannenden Jugendroman ansehen würde. „Mein Name ist nicht Freitag“ ist mehr. Es leuchtet eine Zeit des Umbruchs aus, und stellt dabei dar, was in den Menschen vorgeht. Im Nachwort schreibt Jon Walter, dass es ihm nicht um geschichtliche Genauigkeit ging (das Buch lässt sich entsprechend zeitlich und geografisch nicht genau verorten) – dennoch sind historische Quellen in den Roman mit eingeflossen. Der Rest ist schriftstellerische Freiheit – vielleicht hier und da ein wenig zu sehr durch die Brille unseres heutigen Denkens beeinflusst, aber das sei dem Buch verziehen. Denn wie der Jugendroman die Widersprüchlichkeiten in den Menschen von damals aufzeigt, das ist schon sehr gekonnt. Jon Walters Roman ist packend, er ist erschreckend, aber auch erhellend.

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(Ulf Cronenberg, 13.06.2017)

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