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Buchbesprechung: Davide Morosinotto „Die Mississippi-Bande"

Cover: Davide Mososinotto „Die Mississippi-Bande"Lesealter 10+(Thienemann-Verlag 2017, 361 Seiten)

Ich weiß nicht, ob ich das Buch gelesen hätte, wenn ich nicht begeisterte Meinungen darüber gelesen hätte. Das Buchcover hat mich mit seiner altertümlichen Machart jedenfalls nicht angesprochen, auch wenn es – das kann ich nun nach dem Lesen sagen – zu dem klassischen Abenteuerbuch, das es ist, passt. Ein Buch, das am Mississippi spielt, würde man ja eigentlich einem Amerikaner als Autor zuschreiben – aber Davide Morosinotto ist ein waschechter Italiener. Ob er zur Recherche an den Mississippi gereist ist, würde mich ja mal interessieren …

Inhalt:

Te Trois, Eddie, Julie und deren kleiner Bruder Tit leben in Louisiana in den Sumpfgebieten des Mississippi. Es ist eine ziemlich ärmliche Gegend, und bis auf Eddie, dessen Vater Arzt ist, stammen die anderen Drei aus ärmlichen Verhältnissen. Im Bayou, wie die Sumpfgebiete genannt werden, angeln die Vier in einem selbstgebauten Einbaumkanu – doch statt Fischen ziehen sie eine Blechdose aus dem Wasser, die drei Dollar enthält. Für die Kinder ein Vermögen.

Lange überlegen sie, was sie mit dem Geld machen wollen. Te Trois hat schließlich die Idee, dass sie im Versandhauskatalog der Firma Walker & Dawn etwas bestellen könnten, und schließlich einigen sie sich darauf, einen Revolver zu kaufen. Lange müssen sie auf diesen warten, doch statt eines Revolvers kommt schließlich in dem Paket des Versandhauses eine Taschenuhr, die noch dazu kaputt ist. Te Trois, Eddie, Julie und Tit sind enttäuscht, können sich keinen Reim darauf machen und überlegen, wie sie die Uhr umtauschen können.

Kurz darauf begegnen sie einem Vertreter von Walker & Dawn, der sich für kürzlich ausgelieferte Pakete der Firma interessiert und der nach einer versehentlich versandten Uhr sucht. Die Kinder staunen nicht schlecht, als ihnen schließlich 50 Dollar geboten werden, wenn sie die Uhr zurückgeben. Bei der Übergabe nachts (die Eltern der Vier sollen ja nichts davon mitbekommen), läuft jedoch etwas schief. Der Vertreter zückt eine Pistole, Te Trois, Eddie, Julie und Tit gelingt gerade so die Flucht, während der Vertreter in einem Sumpfloch versinkt und von einem Alligator getötet wird.

In der Brieftasche des Vertreters, die sie stehlen, finden sie einen Brief, in dem dem Finder der Uhr 4000 Dollar versprochen werden, wenn er die Uhr zu Mr. Walker, dem Besitzer des Versandhauses, zurückbringt. Te Trois, Eddie, Julie und Tit beschließen, sich zu Mr Walker nach Chicago aufzumachen …

Bewertung:

Wer das Cover genauer studiert, der ahnt bereits, dass Davide Morosinottos „Die Mississippi-Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden“ (Übersetzung: Cornelia Panzacchi; italienischer Originaltitel: „Il rinomato catalogo Walker & Dawn”) ein klassisches Abenteuerbuch ist, das bewusst auf Mark Twains Abenteuer mit Tom Sawyer und Huckleberry Finn anspielt. Dass ein Italiener einen solchen Roman schreibt, erwartet man ja nur bedingt; ich war jedenfalls etwas überrascht, als ich in den Autoreninformationen nicht auf einen amerikanischen Verfasser mit italienischen Wurzeln, sondern auf einen Schriftsteller, der in Bologna lebt, gestoßen bin. Stören tut das jedoch in keiner Weise, denn „Die Mississippi-Bande“ kommt durchaus glaubwürdig daher – man hat nicht das Gefühl, dass da jemand ein Buch über eine Zeit (Anfang des 20. Jahrhunderts) und Gegend geschrieben hat, von der er nichts versteht.

Te Trois, Eddie, Julie und Tit sind erfrischende Hauptfiguren: Te Trois ist zappelig und unruhig, aber geschäftstüchtig, Eddie ist ein kluger, manchmal etwas umständlich denkender Kopf, Julie handelt pragmatisch, versucht sich trotz traumatischer Erfahrungen durchs Leben zu schlagen und vor allem auf ihren dunkelhäutigen kleinen Bruder Tit, der autistische Züge hat und kaum spricht, aufzupassen. Dass diese Figurenmischung wie geschaffen für ein gemeinsames Abenteuer ist, kann man sich vorstellen …

Was die Vier auf dem Weg nach Chicago alles mitmachen, hält den Leser bei der Stange: Das Buch erzählt vom Traum, das beschwerliche Leben hinter sich zu lassen und ein Abenteuer zu erleben. Te Trois, Eddie, Julie und Tit reisen illegal in Eisenbahnwaggons mit, sie fahren mit einem Schaufelraddampfer den Mississippi entlang, sie kommen in große Städte, deren Größe und Umtriebigkeit sie als Bewohner einer ländlischen Gegend nicht mal im entferntesten erahnen konnten. Klar, dass das wenige Geld aus der Brieftasche des Vertreters gestohlen wird, weil sie leichtgläubig und naiv sind und sich ausrauben lassen.

Was Davide Morosinotto übrigens sehr geschickt macht, ist, die Geschichte einzubetten und ihr einen plausiblen Erzählanlass zu geben. Im letzten Kapitel stehen drei der vier Hauptfiguren im hohen Alter und schauen auf ihr gemeinsames Abenteuer zurück. Hier kommt dann auch der schweigsame Tit zu Wort, der die Geschichte, die vorher in drei großen Abschnitten von Te Trois, Eddie und schließlich Julie erzählt wird, zu Ende führt. Dieser Aufbau zeigt, dass Davide Morosinotto viel Arbeit in die Geschichte gesteckt hat.

Wenn man besserwisserisch an das Buch herangeht, kann man natürlich hier und da über kleine Klischees stolpern, ebenso über kleinere Ungereimtheiten (warum z. B. wird der Tod des Vertreters von niemandem mehr weiterverfolgt?). Aber geschenkt. „Die Mississippi-Bande“ ist eine Verbeugung vor dem klassischen amerikanischen Abenteuerroman, das Buch ist zugleich eine gekonnte Detektivgeschichten, denn hinter der Taschenuhr verbirgt sich natürlich ein Geheimnis, das gelüftet werden will. Und es erzählt eine Variante des amerikanischen Traums: vom armen Tellerwäscher zum Millionär.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Ab und zu ist es schön, in die etwas altmodische Welt des klassischen Abenteuerromans abtauchen zu können – zumindest, wenn es sich dabei nicht um einen billigen Abklatsch handelt, sondern wenn eine Geschichte intelligent aufgebaut ist. Man mag es nicht glauben: dass ein Italiener eine Hommage an Mark Twain und seine Buchhelden schreibt, die den Leser ziemlich glaubwürdig in die Welt dieses verflossenen Literaturgenres schickt. Natürlich ist der klassische Abenteuerroman eine Kunstform, die nichts mit dem wirklichen Leben in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu tun hat – aber Wahrhaftigkeit ist ja auch nicht die Intention eines solchen Buchs.

Davide Morosinotto ist es jedenfalls gelungen, eine rasante und kurzweilige Geschichte zu erzählen: mit sympathischen Hauptfiguren, mit Bösewichten, die Übles im Schilde führen, mit unvorhergesehenen positiven wie negativen Wendungen. Damit kann man – da bin ich mir sicher – Jungen und Mädchen ab 10 Jahren locken, die gut unterhalten werden wollen: mit einer Detektivgeschichte, bei der drei Jungen und ein Mädchen sich in ein großes Abenteuer stürzen, das eigentlich eine Nummer zu groß für sie ist, an dem sie aber wachsen und das sie am Ende aus ihrer bisherigen Welt herauskatapultiert.

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(Ulf Cronenberg, 14.05.2017)

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