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Die Preisträger des Deutschen Jugendliteraturpreises 2016: ein persönlicher Bericht von der Preisverleihung

Plakat Deutscher Jugendliteraturpreis 2016

Frankfurt am Main, Congress Center, Freitag 17.30 Uhr, kurz nach Mitte Oktober: Jedes Jahr trifft man Leute, die man ein Jahr lang nicht gesehen hat, weiß, dass man ihnen in ziemlich genau einem Jahr wieder begegnen wird. Die Bühne sieht eigentlich wie immer aus – ob die Farbmuster auf der Bühne genau die gleichen wie im letzten Jahr sind oder leicht abgewandelt wurden, ist nicht ganz klar. In jedem Fall fühlt man sich heimisch, aber eben auch wenig überrascht.

In diesem Jahr fand die Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises übrigens am 21. Oktober statt – das einzig wirklich Neue diesmal: Eine große Geburtstagstorte aus Pappe zierte die Bühne – schließlich wurde dieses Mal nicht nur der Deutsche Jugendliteraturpreis 2016 verliehen, sondern zugleich wurden 60 Jahre Deutscher Jugendliteraturpreis gefeiert. Doch ansonsten: ein „Jährlich grüßt das Murmeltier“-Gefühl … Das ist gar nicht despektierlich gemeint. Jeder, der wiederkehrende Veranstaltungen mit gleicher Zielsetzung plant, kennt den Sog des „Wir machen es wie das letzte Mal“.

Der letzte kleinere Richtungswechsel war vor zwei Jahren passiert, als Marc Langebeck als Moderator durch Vivian Pekovic ersetzt worden war – eine gute Entscheidung. Der sachte Relaunch ist angekommen, man hat sich an die „neue“ Moderation gewöhnt, alles ist eingespielt. Vivian Pekovic, das muss man anerkennend hervorheben, war diesmal nicht nur gut drauf, sie wirkte fachkundig und erledigte die Moderation mit Witz – man könnte sagen: Sie war in Höchstform. Und auch ihr Sparringspartner aus dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der Beamtete Staatsekretär Ralf Kleindiek, der die Moderatorin dieses Jahr das erste Mal vertraut „Vivian“ nennen durfte, der schon mindestens zweimal auf der gleichen Bühne gestanden war, hat seine Sache ordentlich gemacht.

Der suchende Blick nach neuen Modetrends (man erinnere sich, dass irgendwann mal – war es 2012? – fast alle Frauen auf der Bühne rote Stöckelschuhe trugen) führte dieses Jahr zu keinem Ergebnis. Man konnte sich also ganz dem widmen, weswegen man schließlich gekommen war: den ausgezeichneten Autoren und Büchern. Ist ja auch gut so – schließlich handelt es sich bei der Verleihung ja nicht um eine Lifestyle-Veranstaltung.

Sehr schmuck waren in der Präsentationshalle für den Buchmesse-Schwerpunkt Flandern & Niederlande die Bücher (hier Kinder- und Jugendbücher) ausgestellt …

Sehr schmuck waren in der Präsentationshalle für den Buchmesse-Schwerpunkt Flandern & Niederlande die Bücher (hier Kinder- und Jugendbücher) ausgestellt …

Ja, eigentlich war die Preisverleihung eine runde Sache – das kann man festhalten. Ausreichend wurde der Deutsche Jugendliteraturpreis in allen Grußworten gewürdigt und man war sich einig, dass auf die 60 ersten die nächsten 60 Jahren folgen sollen. Staatssekretär Ralf Kleindiek gab für das Ministerium bekannt, dass man die Mittel für den Deutschen Jugendliteraturpreis aufstocken und in Zukunft außerdem Nachwuchstalente im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur zusätzlich fördern wolle. Jedes Jahr soll (immer im Wechsel) ein/e Autor/in, ein/e Illustrator/in oder ein/e Übersetzer/in aus dem deutschen Sprachraum als aufstrebendes Talent mit 10.000 Euro unterstützt und gewürdigt werden. Ob der neue „Talent-Preis“ langfristig das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium, das eine ähnliche Zielsetzung hat, ersetzt, wurde nicht gesagt … Für 2017 ist das Kranichsteiner Stipendium jedenfalls wieder ausgeschrieben.

Sympathisch war an dem Abend auch das Interview mit der Juryvorsitzenden Birgit Müller-Bardorf, die erläuterte, warum von der Kritikerjury die vier Preisbücher jeweils ausgewählt worden waren. Wer es genauer wissen will, kann hier die ausführlichen Begründungen nachlesen.

Eine Sache gab es aber doch, die mir nicht gefallen hat: Nach einer guten Dreiviertelstunde hieß es bereits, dass man 12 Minuten in Verzug sei. Und wohl deswegen schickte man die preisgekrönten Autor/inn/en nach einer gehetzt vorgetragenen Frage plus kurzem Fotografen-Posieren auf die weiße Langcouch. Das geht eigentlich gar nicht, finde ich – schließlich sind die Autor/inn/en, Illustrator/inn/en und Übersetzer/innen ja die geehrten Personen, und ihnen sollte man dann doch etwas mehr Raum geben. Bei der Jugendjury gar wurde überhaupt niemand befragt, warum die Jugendlichen das Preisbuch gewählt hatten.

Apropos Jugendjury: In gewohnter Manier wurden die sechs nominierten Jugendbücher auf der Bühne vorgestellt – das war vielleicht wieder der erfrischendste Teil des Abends, auch wenn das Prinzip der Darstellung jedes Jahr schon sehr ähnlich ist. Und als obligatorische unterhaltsame Einlage war diesmal – passend zum Landesschwerpunkt Flandern und Niederlande der diesjährigen Buchmesse – die Autorin Joke von Leeuwen, die auch als Kabarettistin auftritt, eingeladen worden. Ich bin mir nicht so ganz sicher, wie gut mir der Auftritt gefallen hat. Mit durch ein Nasenloch gespielter Flöte auf die Bühne zu hüpfen, dann humoristisch über sprachliche Unterschiede zwischen dem Deutschen und Niederländischen zu philosophieren – nett und passend, aber auch nicht mehr.

Die Preisträger

Leider war ich diesmal reichlich unvorbereitet eingelaufen: von den sechs Jugendbüchern kannte ich gerade mal zwei (von den anderen Sparten rede ich lieber gar nicht). Eigentlich eine Schande. Und ich muss sagen: Das macht eine solche Preisverleihung deutlich weniger interessant, als wenn man – wie bei mir im letzten Jahr – alle sechs nominierten Titel gelesen hat. Der Vorteil: Man kann die Verleihung recht emotionslos beobachtend verfolgen – ohne Aufregung im positiven wie im negativen Sinn.

Und wer hat nun die Preise bekommen? Hier sind die Preisträger für die einzelnen Sparten:

  • Sachbuch: „Im Eisland (Band 1: Die Franklin-Expedition)“ von Kristina Gehrmann (Text, Illustration) – Hinstorff-Verlag
  • Bilderbuch: „Der Hund, den Nino nicht hatte“ von Edward van de Vendel (Text), Anton van Hertbruggen (Illustration), aus dem Niederländischen übersetzt von Rolf Erdorf – Bohem Press
  • Kinderbuch: „Das Mädchen Wadjda“ von Hayfa Al Mansour (Text), aus dem Englischen übersetzt von Catrin Frischer – cbt-Verlag
  • Jugendbuch: „Mädchenmeute“ von Kirsten Fuchs – Rowohlt rotfuchs
  • Preis der Jugendjury: „Sommer unter schwarzen Flügeln“ von Peer Martin – Oetinger-Verlag

Preis für das Lebenswerk

Von der Sonderjury unter Vorsitz von Regina Pantos, der früheren Vorsitzenden des Arbeitskreises für Jugendliteratur, wurde diesmal der Sonderpreis für das Lebenswerk vergeben, und ihn bekam in diesem Jahr Klaus Kordon. Dass er viel für die Jugendliteratur getan hat, ist unbestritten, von daher geht diese Verneigung vor dem Autor in Ordnung. Ob man aber ganz grundsätzlich Autoren für ihr Werk nicht ehren sollte, während sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere stehen, bleibt eine Frage, die man an solche Lebenswerk-Verleihungen stellen kann (ein Dilemma, das man sich mit dem Literaturnobelpreis teilt). Klaus Kordon sprach das in seiner Dankesrede indirekt übrigens auch an – er selbst wolle nach dieser Auszeichnung jedenfalls nicht abtreten, sondern weitermachen. Gut so.

Zum Schluss – nach den Diskussionen der letzten Jahre – noch der Gender- und Übersetzungs-Check zur Preisverleihung: Ausgezeichnet wurden diesmal, wenn man Illustrator/inn/en und Übersetzer/inn/en mitzählt, vier Männer, vier Frauen plus für den Sonderpreis ein fünfter Mann. Und von den fünf ausgezeichneten Büchern, sind zwei Übersetzungen, drei deutsche Originalausgaben. Ein Lob auf die Kritiker- und die Jugendjury für diese Ausgewogenheit! Da kann man nicht meckern …

Damit man sich auch ein Bild von der Preisverleihung machen kann, hier noch einige Fotos:

(Ulf Cronenberg, 24.10.2016)

P. S.: Eigentlich sollte der Bericht am Samstag, also schon vor zwei Tagen, online gehen, aber leider gab es bei meinem Server-Dienstleister eine langanhaltende Störung, die erst heute Früh behoben wurde.

Kommentare (3)

  1. Walter Mirbeth

    Hallo Ulf,
    nach deiner etwas spöttisch resignierenden Zusammenfassung der Verleihung des DJLP 2016 für die du nach deinen eigenen Worten „reichlich unvorbereitet eingelaufen“ bist, finde ich deinen Gender- und Übersetzungs-Check etwas fragwürdig.
    Es geht bei diesem Preis weder um eine ausgewogene Einhaltung von Mann/Frau noch Deutsch/Ausland sondern um qualitativ wichtige Literatur. Alles andere ist ein seltsamer Nebenschauplatz, der vielleicht bei der BILD-Zeitung etwas zu suchen hat. Dieses Niveau hättest du nicht nötig gehabt.
    Schade.
    liebe Grüße
    Walter

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Lieber Walter,
      dann ist es mir wohl nicht gelungen, meine Ironie in Bezug auf den Übersetzer- und Gendercheck klar genug rüberzubringen. Ich war immer ein vehementer Verfechter der Qualität als einzig wichtigem Kriterium und habe die Diskussionen zu Übersetzungen und Frauenquoten letztendlich für wenig sinnvoll gehalten.
      Spöttisch wollte ich auch weniger sein als unterhaltsam – aber mir ist bewusst, dass ich es etwas übertrieben habe mit meiner kritischen Distanz. Allerdings hab ich natürlich auch in Bezug auf die Preisverleihungszeremonie so meine Vorbehalte.
      Herzliche Grüße
      Ulf

      Antworten
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