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Buchbesprechung: Bonnie-Sue Hitchcock „Der Geruch von Häusern anderer Leute“

Cover Bonnie-Sue Hitchcock "Der Geruch von Häusern anderer Leute"Lesealter 13+(Königskinder-Verlag 2016, 315 Seiten)

Was eine Exklave ist? Ich kannte den Begriff bisher nicht … In der Wikipedia wird Exklave im einleitenden Satz wie folgt erklärt: „Teil […] eines politischen Gebietes (Mutterland), das vom Rest des Gebietes durch Grenzen räumlich abgetrennt ist und ausschließlich über fremdes Gebiet zu erreichen ist.“ Alaska ist seit 1959 der 49. Bundesstaat der USA (übrigens der größte) und auf dem Landweg nur über Kanada zu erreichen, und dort spielt der Debütroman von Bonnie-Sue Hitchcock, die selbst in Alaska aufgewachsen ist.

Inhalt:

Alaska, Ende der 1960er Jahre. Ruth wächst mit ihrer jüngeren Schwester bei ihrer Großmutter auf, nachdem ihr Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist. Ruths Mutter hat den Tod ihres Mannes nie verkraftet, sie ist seitdem psychisch krank und kann sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern. Mit Gran, wie Ruth und ihre Schwester die Großmutter nennen, haben sie es jedoch nicht einfach – diese ist streng und kontrollsüchtig. Als Ruth ungewollt schwanger wird, wird das totgeschwiegen …

Auch Dora hat es nicht leicht: der Vater im Gefängnis, die Mutter eine Säuferin. Für Dora ist es ein Segen, als sie von Dumplings Familie aufgenommen wird. Doch die Angst, dort wieder wegzumüssen, bleibt. Hank und seinen zwei jüngeren Brüdern Sam und Jack geht es nicht viel besser. Sie halten es mit dem neuen Freund der Mutter nicht aus und beschließen abzuhauen. Sie schmuggeln sich auf ein Fährschiff. Doch dann ist Sam plötzlich verschwunden. Hank und Jack befürchten, dass er über Bord gegangen ist …

Alyce schließlich möchte gerne nach ihrem Schulabschluss auf eine Ballettschule. Doch die Aufnahmeprüfung liegt genau in dem Zeitraum, während sie wie jedes Jahr mit ihrem Vater auf dessen Boot Lachse fängt. Weil sie weiß, wie wichtig ihrem Vater die gemeinsamen Wochen auf dem Boot sind, traut sie sich nicht zu fragen, ob sie vorzeitig für die Aufnahmeprüfung abreisen darf.

Bewertung:

„Der Geruch von Häusern anderer Leute“ (Übersetzung: Sonja Finck; Originaltitel: „The Smell of other People’s Houses“) ist ein Roman, in dem man Jugendliche ein Stück ihres Weges begleitet. Jedes Kapitel wechselt der Ich-Erzähler, und mal abgesehen davon, dass Ruth mit einem Einleitungs- und Abschlusskapitel das Buch einrahmt, ist die Reihenfolge der Erzähler immer die gleiche: Ruth, Dora, Hank und Alyce.

Das Buch spielt in Alaska, das turbulente Jahre hinter sich hat. Es gab lange Proteste gegen die Eingliederung als Bundesstaat in die USA, doch diese sind erfolglos geblieben. Die Folgen – darunter auch der Umgang mit den Ureinwohnern – tauchen in dem Buch auf, doch sie sind eher ein mitlaufender Hintergrund als wesentlicher Bestandteil der Geschichte – es geht im Wesentlichen um die Schicksale von mehreren Jugendlichen, die es nicht leicht haben.

Beim Lesen dauert es nicht lange, bis man bemerkt, dass die Schicksale der vier Hauptfiguren miteinander verschränkt sind: Dora und Ruth zum Beispiel kennen sich und später spielt Dumpling, in deren Familie Dora kommt, auch in Ruths Leben eine wichtige Rolle. Und, nicht nur Hank und Ruth begegnen sich (allerdings fast am Ende des Buchs), das Gleiche gilt auch für Alyce und Sam, der, nachdem er vom Fährschiff ins Wasser gesprungen ist, aus dem Meer gefischt werden kann. Sehr gut hat es mir gefallen, dass und wie die Einzelschicksale miteinander verflochten werden: teils lose und sachte, teils intensiver.

Der Titel des Romans ist etwas ungewöhnlich. Den Figuren im Buch ist gemeinsam, dass sie nirgends so richtig zu Hause sind: Ruth und ihre Schwester müssen bei ihrer Großmutter einziehen, Dora kommt in eine Pflegefamilie, Hank und seine Brüder suchen ein neues Zuhause, und Alyce, deren Eltern geschieden sind, lebt im Haus ihrer Mutter und im Sommer aber mehrere Wochen auf dem Boot ihres Vaters. Ja, und überall riecht es anders. Subtil wird das thematisiert und ist so etwas wie ein poetischer roter Faden, der sich durch das Buch zieht.

Was mich an diesem Buch außerdem begeistert hat, war die Intensität mit der erzählt wird. Ruth, Dora, Hank und Alyce, ihre Gedanke und Gefühle, ihre Erinnerungen an früher Geschehenes, ihre Wahrnehmung dessen, was passiert – all das macht die Figuren für den Leser lebendig. Das Buch richtet dabei den Blick im Wesentlichen auf das Innere, und das sehr gekonnt. Ich hätte mir jedoch gewünscht, dass jenseits der Gerüche auch die Landschaft in Alaska etwas eindrücklicher dargestellt wird. Denn während das für Bonnie-Sue Hitchcock, die dort aufgewachsen ist und lebt, selbstverständlich ist, kann man sich als Leser in Mitteleuropa vieles gar nicht so recht vorstellen. Aber als richtigen Kritikpunkt kann man das nicht ansehen …

Fazit:

5 von 5 Punkten. Königskinder ist ein Unter-Verlag von Carlsen, der mit besonderen Büchern und besonderen Covern aufwartet – bisher jedes Halbjahr mit einem anderen Konzept. Im Frühjahr waren es (siehe z. B. auch Que Du Luus „Im Jahr des Affen“) die Cover mit den verzierten Gesichtern – auffällig, aber nicht gerade anheimelnd. Auch wenn mir die Cover nicht allzu gut gefallen: Bonnie-Sue Hitchcocks „Der Geruch von Häusern anderer Leute“ ist das zweite herausragende Königskinder-Buch des Frühjahrs. Ein besonderes Buch, weil es in einer Region spielt, die wir kaum kennen, weil den Roman ein fast poetischer Schreibstil auszeichnet und weil das Buch dem Leser sehr intensiv vier Jugendliche nahebringt.

Nicht nur die Umwelt in Alaska ist rau, auch die Schicksale der Menschen scheint ein rauer Wind zu umwehen – nicht gerade zimperlich geht man hier miteinander um. Das haben Ruth, Dora, Hank und Alyce alle auf unterschiedliche Art und Weise erfahren, aber sie alle schaffen es, sich aufzurappeln, die Anfänge eines Wegs in ein positiveres Leben einzuschlagen, auch wenn das beschwerlich ist. Davon erzählt „Der Geruch von Häusern anderer Leute“ einfühlsam und meisterhaft. Und deswegen kann man den geschickt aufgebauten Jugendroman nur dringend weiterempfehlen: für Leser von 13 bis 99 Jahren.

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(Ulf Cronenberg, 18.08.2016)

Kommentare (6)

  1. Manfred Stenz

    Ein aus meiner Sicht fantastisches Buch! Vielen Dank für diesen Lesetipp. Mir ist in den letzten Monaten kein so stimmiges, ruhiges und intensives Buch in die Hände gekommen. Ich kann nur empfehlen: ab in die Buchhandlung! Der Lesespaß ist im Kaufpreis inbegriffen. Aber Achtung: Das ist kein Action-Roman, sondern eine Erzählung, die wie ein Fluss in der Weite Alaskas mäandert. Mal schneller, mal langsamer, mal breiter, mal schmaler, mal einen neuen Weg suchend, aber immer wieder vereinend. Großartig!

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    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Schön, dass wir diesmal gleicher Meinung sind, nachdem das bei Mats Wahls „Sturmland“ ja anders war … 😉

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  2. Beate Widmann

    Sie müssen unbedingt „Salz für die See“ von Ruta Septys aus dem Königskinder Herbstprogramm lesen. Eine tolle Autorin, die sich auch in diesem Buch wieder in die Vergangenheit begibt und die Flucht von vier Jugendlichen erzählt, die am Ende der 2.Weltkrieges unter unheimlich großen Strapazen die Wilhelm Gustloff erreichen … Mehr verrate ich nicht! Aber ich werde als Buchhändlerin versuchen, es so vielen Jugendlichen und Lehrern wie möglich zu empfehlen, weil es sehr sehr gut vermittelt, was Krieg, Flucht, Gewalt, Hunger, Angst … mit Menschen macht und dass Kinder und Jugenliche immer die Verlierer in solchen Zeiten sind, was heute leider nicht anders ist, wie vor 80 Jahren.
    Herzliche Sonntagsgrüße vom Lesesofa
    Beate Widmann

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    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Das Buch liegt schon auf meinem Lesestapel. Ich habe die bisherigen Bücher von Ruta Septys gelesen und das soll auch so bleiben … Nach der Empfehlung bin ich jetzt aber noch mehr gespannt. Danke!

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