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Kurzrezension: Patrick Ness „Das Morgen ist immer schon jetzt"

Patrick Ness " Das Morgen ist immer schon jetzt"Lesealter 13+(cbj 2016, 317 Seiten)

Es kommt selten vor, dass ich nach dem Lesen eines Buchs im Internet nach Rezensionen oder Bewertungen anderer schaue – aber bei Patrick Ness‘ neuem Jugendroman habe ich es getan. Lange habe ich auch überlegt, ob ich überhaupt eine Buchbesprechung schreiben soll. Der Grund dafür lag darin, dass ich manches in dem Buch einfach nicht verstanden habe – irgendwie peinlich, soll jedoch vorkommen … Am Ende habe ich mich aber doch dazu entschieden, etwas über das Buch zu schreiben.

Eine seltsame Welt ist das, in der „Das Morgen ist immer schon jetzt“ spielt. Da gibt es Vampire, es gibt Untote, es gibt Indie-Kids. Und es passieren seltsame Dinge: Es gibt blaue Lichtblitze, es gibt Indie-Kids, die sterben, aber es gibt auch ganz gewöhnliche Menschen, die ein fast normales Leben wie wir führen.

Mikey, der Ich-Erzähler, steht kurz vor seinem Schulabschluss. Sein bester Freund ist schon seit Ewigkeiten Jared, und der wiederum hat seltsame Fähigkeiten: Man könnte ihn einerseits als Katzenflüsterer bezeichnen, denn er kann mit Katzen kommunizieren, andererseits hat er heilerische Fähigkeiten und kann bei Beschwerden für Linderung sorgen.

Mikey ist schon lange in Henna verliebt, die mit Mel, Mikeys Schwester, und Jared zu Mikeys Viererclique gehört. Doch dann kommt Nathan neu an die Schule. Henna fühlt sich zu ihm hingezogen, Mikey ist eifersüchtig und kann den Neuen gar nicht ausstehen. Die Konflikte in der Clique nehmen deswegen zu …

Es gibt einiges in dem Roman, das man als Elemente einer ganz normalen Geschichte aus unserer Zeit ansehen kann: Schulabschluss, Freunde, Eifersucht, Probleme … Was mich an dem Buch jedoch irritiert hat, waren diese seltsamen Fantasy-Elemente, die eingestreut sind. Zu Beginn jeden Kapitels werden Ausschnitte aus einer Parallelgeschichte erzählt, aus der ich nicht so recht schlau geworden bin. Was wird hier eigentlich berichtet? Was hat es mit dem Rest der Geschichte zu tun? Es bleiben nicht nur hier, auch in der restlichen Geschichte so viele Fragen offen: Wer sind eigentlich die Indie-Kids? Warum ist Jared ein Halbgott? Was ist das für eine Welt, in der das Buch spielt? Sind diese Fantasy-Anleihen nur symbolisch und übertragen gemeint? Ich weiß es nicht … Meine Internetrecherchen haben mir hier nur teilweise weitergeholfen, aber sie haben deutlich gemacht, dass es einige Leser gibt, die das Szenario des Buchs großartig finden.

Mal von diesen für mich irritierenden Momenten abgesehen erzählt „Das Morgen ist immer schon jetzt“ (Übersetzung: Petra Koob-Pawis; Originaltitel: „The Rest of Us Just Live Here“) eine interessante Geschichte über einen Jungen, der nicht zu sich selbst stehen kann. Mikey hält sich für wertlos, glaubt, die anderen geben zwar ihm was, er dagegen kann ihnen nichts bieten. Hinzu kommen die Zwänge, die ihn überrollen: Er muss ständig zählen und kann nicht aufhören, er wäscht sich, bis die Finger bluten. Und er ist in Henna verliebt, kommt damit jedoch gar nicht zurecht, als diese von Nathan fasziniert ist.

Was hinter allem steht, ist, dass Mikey in einer fragilen Familienkonstruktion lebt: Seine Mutter ist Politikerin mit Ambitionen auf hohe Ämter – die Familie muss sich dem unterordnen. Mikeys Vater dagegen ist schon lange dem Alkohol verfallen und eigentlich gar nicht mehr da. Außerdem gibt es noch Mel, Mikeys große Schwester, die eine Essstörung überwunden hat, aber weiterhin gefährdet ist. Nur Meredith, das Nesthäkchen, ist der Sonnenschein der Familie. Diese Familienverhältnisse liegen schon sehr nahe an der Schmerzgrenze der Problemüberladung – aber dennoch: All das hat seinen Reiz, weil es spannend ist, wie Mikey sich in diesem ganzen Wirrwarr verhält und entwickelt.

Fazit:

3 von 5 Punkten. Ich habe lange kein Buch gelesen, das in Teilen einen großen Reiz auf mich ausgeübt hat, mich zugleich aber auch irritiert und etwas ratlos zurückgelassen hat. So gut mir einerseits die Beziehungskonstellationen in „Das Morgen ist immer schon jetzt“ gefallen haben, so interessant ich nicht nur Figur Mikeys, sondern auch von Jared oder Henna fand, so haben mich zugleich die mystischen Elemente des Romans irritiert, ja, gestört, weil ich sie nicht in einen plausiblen Gesamtzusammenhang bringen konnte.

Vielleicht würde sich mir mehr erschließen, wenn ich das Buch ein zweites Mal lesen würde, nicht Seite für Seite, sondern alle Abschnitte der Parallelwelt direkt nacheinander. Aber nein, so faszinierend fand ich Patrick Ness‘ neuen Roman nicht, dass ich das machen werde. Das Fazit bleibt: ein seltsames Buch.

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(Ulf Cronenberg, 04.08.2016)

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