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Buchbesprechung: Sally Nicholls „Wünsche sind für Versager“

Cover Sally Nicholls "Wünsche sind für Versager"Lesealter 13+(Hanser-Verlag 2016, 215 Seiten)

Die ersten beiden Bücher von Sally Nicholls habe ich gelesen, ihren letzten Jugendroman „Keiner kommt davon“ allerdings übersprungen. Zeit, also mal wieder ein Buch der britischen Autorin zu besprechen, die mit ihrem Debüt „Wie man unsterblich wird“ im Jahr 2008 sehr bekannt geworden war. Ich erinnere mich noch an die junge, fast unscheinbare Autorin, die damals auf der Frankfurter Buchmesse aus ihrem Erstlingswerk gelesen hat … Einige Zeit ist seitdem vergangen: Am 22. Juni wird Sally Nicholls 33 Jahre alt, und sie sieht auf dem Foto im Buchumschlag auch deutlich älter und reifer als damals aus.

Inhalt:

Olivia ist 11 Jahre alt und hat wohl schon mehr erlebt, als viele alte Menschen – und zwar vor allem schreckliche Dinge. Von einer Pflegefamilie kam sie zur anderen, weil ihre Mutter, eine Alkoholikerin, sich seit Olivia 5 Jahre alt ist, gar nicht mehr um sie kümmern kann. Schon vorher war Olivia aber immer wieder in Pflegefamilien untergebracht worden, und von ihren jüngeren Geschwistern wurde sie bereits vor einigen Jahren getrennt.

Nach einem Aufenthalt in einem Kinderheim, kam Olivia zu ihrer Pflegemutter Liz – die erste Person, die einigermaßen gut mit ihr zurechtkam. Doch Liz ist nur eine Übergangsstation für besonders schlimme Fälle gewesen, und nach eineinhalb Jahren wird sie deswegen in eine neue Familie gesteckt: Jim lebt mit zwei jüngeren Kindern (Daniel und Harriet) sowie einer jungen Mutter mit Säugling auf dem Land, und anfangs gefällt es Olivia dort ganz gut.

Doch es dauert nicht lange, da gehen die Schwierigkeiten wieder los. Es ist vor allem das schreiende Baby, das Olivia nicht aushält und in den Wahnsinn treibt. Gestört fühlt sich Olivia auch von dem Schwarzweißfoto einer alten Frau, die im 19. Jahrhundert in den Haus als Babyfarmerin gelebt hat und angeblich 400 Kinder umgebracht haben soll. Olivia fühlt sich von der Frau verfolgt, kann sie riechen und hören und kommt deswegen nachts gar nicht mehr zur Ruhe. Und zunehmend heftig tritt sie deswegen Jim und den anderen gegenüber auf.

Bewertung:

Was schreibt Sally Nicholls in ihrer Danksagung am Ende des Buchs? Sie danke ihrem wunderbaren Ehemann für Sätze wie „Mir macht es nichts, wenn du nicht viel verdienst“. Sally Nicholls‘ erster Roman „Wie man unsterblich wird“ dürfte sich zumindest recht gut verkauft haben, denn das Buch ging durch alle Feuilletons, hat viele Preise bekommen, während die Romane von Sally Nicholls, die folgten, deutlich sperriger waren. Das ist bei „Wünsche sind für Versager“ (Übersetzung: Beate Schäfer; Originaltitel: „Close Your Pretty Eyes“) nicht anders: Das ist nicht gerade ein eingängiger Jugendroman, sondern ein Buch, das man aushalten muss.

Die Geschichte Olivias erzählt das Mädchen selbst, und das ist einerseits konsequent, wenn man aufzeigen will, wie es einem Mädchen geht, das unter schwierigsten Verhältnisse aufgewachsen ist, das viel Gewalt und Vernachlässigung erfahren hat. Andererseits hängen damit auch einige Bedenken zusammen, die ich dem Roman gegenüber habe. Aber dazu weiter unten mehr …

Es ist schon eine drastische Geschichte, die da erzählt wird. Zum einen wird einem ganz anders, wenn man mitbekommt, welche schlimmen Dinge Olivia erlebt hat. Indem sie immer wieder auf ihre verschiedenen Pflegefamilien (16 an der Zahl in 11 Jahren) zurückblickt und zwischendrin mehrmals von ihrer leiblichen Mutter berichtet, bekommt man nach und nach mit, was dieses Kind alles mitgemacht hat. Zum anderen ist Olivia mit ihren Gedankengängen, ihren Gefühlen und ihrem Verhalten auch schwer auszuhalten. Wenn ihr etwas nicht passt, geht sie hoch. Dass sie ihr Gegenüber anbrüllt, ist da noch harmlos. Anderen Personen wird ins Gesicht gerotzt, es werden gefüllte Müslischalen auf sie geschmissen, etc. Und das passiert gerade auch Personen gegenüber, die es gut mit Olivia meinen.

„Wünsche sind für Versager“ handelt von der schwer beschädigten Seele eines 11-jährigen Mädchens, und was das Buch auf seine Weise radikal macht, ist, dass die 11-Jährige – wie bereits erwähnt – selbst die Geschichte erzählt. Man bekommt dadurch sehr nah mit, wie Olivia tickt, wie sie von ihren Gefühlen überrollt wird, ohne selbst oft zu wissen, was da passiert, und welche Ängste, wieder verlassen zu werden, in ihr hochkommen. Widersprüchlicherweise verhält das Mädchen sich ja genau so, dass ein erneutes Verlassen- und Rausgeschmissenwerden provoziert wird. Das ist schon heftig, weil Olivia immer wieder alles kaputtmacht. Besserung nicht in Sicht – trotz Therapie.

So bewundernswert diese radikale Innensicht Olivias ist, es gab etwas, das mich hier immer wieder irritiert hat: Ich habe beim Lesen des Buchs oft keine 11-Jährige vor Augen gehabt, sondern eher ein 15- oder 16-jähriges Mädchen. Für eine 11-Jährige ist Olivia, finde ich, teilweise zu reflektiert, zu wortgewandt. Und das ist die kleine Schwäche des Buchs: dass der Trick, eine 11-Jährige erzählen zu lassen, nicht so ganz glaubwürdig funktioniert. Oft sind die Äußerungen Olivias angemessen kindlich-naiv, aber vieles kann ein Mädchen in dem Alter so nicht fassen. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum Sally Nicholls ihre Protagonistin nicht einfach ein paar Jahre älter gemacht hat – dann wäre das Problem einfach nicht da gewesen …

Worüber man auch geteilter Meinung sein kann, ist der Teil der Geschichte um Amelia Dyer, eine „Babyfarmerin“ aus dem 19. Jahrhundert, die es wirklich gab und die, statt sich um die ihr anvertrauten Kinder zu kümmern, viele Babys und Kinder ermordet hat. Literarisch ist es vielleicht ein gekonnter Kniff, Amelie Dyer einzuführen, weil dadurch Olivias Ängste und ihr Verfolgungswahn ein Ziel bekommen – für Olivia ist die finster dreinblickende Frau ein Problem, weil sie sich von ihr gerade im Dunkeln und nachts heimgesucht fühlt. Doch was mich daran stört, ist, dass die Geschichte von einem Mädchen, das eine schlimme Kindheit hatte, dadurch mystifiziert wird. Das nimmt dem Buch ein Stück Realität, die es noch radikaler, aber auch authentischer gemacht hätte.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Wünsche sind für Versager“ ist ein gutes Buch, und es ist nicht nur mutig von Sally Nicholls, dieses Buch zu schreiben, sondern es ist auch mutig vom Hanser-Verlag, den Roman im Kinder- und Jugendprogramm zu führen. Sally Nicholls‘ neuer Jugendroman ist schwer zugänglich, er ist radikal, weil er ziemlich gnadenlos in die Sicht eines Mädchens schlüpft, das aufgrund schlimmster Kindheitserlebnisse eigentlich kaum auszuhalten ist. Letztendlich zeigt das Buch nicht nur, wie ein extrem verwahrlostes Kind mit massiven Gewalterfahrungen tickt, es zeigt zugleich auch, dass staatliche Pflegesysteme mit solchen Kindern heillos überfordert sind und dadurch vieles noch schlimmer machen.

Doch nicht mit allem im Buch konnte ich mich anfreunden. Das Alter der Erzählerin passt meiner Meinung nach nicht dazu, wie sie sich und was sie ausdrückt, und mit den leicht mystischen Elementen im Buch hatte ich auch meine Schwierigkeiten – obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass das anderen Lesern nicht so gehen dürfte. Was jedoch trotz meiner kleinen Bedenken bleibt: Ich bewundere Sally Nicholls dafür, dieses sperrige Buch geschrieben zu haben.

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(Ulf Cronenberg, 12.06.2016)

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