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Buchbesprechung: Nils Mohl „Zeit für Astronauten“

Cover: Nils Mohl "Zeit für Astronauten"Lesealter 16+(Rowohlt rotfuchs 2016, 423 Seiten)

Ein bisschen Geduld war geboten: Ziemlich genau fünf Jahre nach Band 1 „Es war einmal Indianerland“ ist nun der letzte Teil der Stadtrand-Trilogie von Nils Mohl erschienen: „Zeit für Astronauten“ – von mir heiß ersehnt. Mit „Mogel“ gab es immerhin zwischen Band 2 und 3 einen kleinen Zwischenhappen. Aus etwas mehr als 1450 Seiten besteht die Trilogie übrigens, wenn man alle drei Bände zusammennimmt, und zusammengehalten werden sie davon, dass ihre wechselnden, zum Teil wiederkehrenden Figuren aus einer fiktiven Hochhaussiedlung kommen, die mit dem Hamburger Jenfeld einige Ähnlichkeiten hat.

Inhalt:

Körts, fast 16 Jahre alt, ist schon lange unsterblich in Domino verliebt. Doch die ist knapp fünf Jahre älter und will absolut nichts von ihm wissen. Im Gegenteil: Sie ist hochgradig genervt von seiner aufdringlichen Art. Schon viele Versuche hat Körts gestartet, um Domino zu beeindrucken – und Domino hat langsam wirklich die Nase voll.

Seit kurzem absolviert Körts in einem Reisebüro ein Praktikum; mit gebügeltem Hemd versucht er sich wichtig zu machen, was aber nur so halb gelingt. Doch dann erhält Körts eine besondere Chance, sich zu beweisen. Domino kommt mit einer Postkarte ins Reisebüro und hat ein recht seltsames Anliegen: Sie sucht die auf der Karte abgebildete Bar namens „Shangri-LaBamba“. Bozorg, ihr vor Jahren nach einer großen Krise spurlos verschwundener Mitbewohner, hat die Karte geschickt – ohne zu schreiben, wo genau er sich aufhält. Und Domino will ihn finden.

Körts behauptet zu wissen, wo die Bar sich befindet: in Sinillyk, einem Ort in Süden. Woher Körts das weiß? Erst kurz zuvor hat er mit Tiller, ein bekannter Schauspieler, Bekanntschaft gemacht, und dabei erfahren, dass Tiller in Kürze Urlaub in einem angesehenen Club in Sinillyk machen will. Dass Körts wirklich weiß, wo die Bar liegt, glaubt niemand, dennoch hat Domino keine anderen Hinweise und ist bereit, den Versuch zu wagen. So reist Domino nach Sinillyk, und Körts reist, verrückt und hartnäckig wie er ist, hinterher – er wittert seine Chance bei Domino. Für beide wird es eine Reise mit seltsamen Begegnungen und vielen Überraschungen …

Bewertung:

Ach, reden wir nicht lange um den heißen Brei herum: „Zeit für Astronauten° ist ein geniales Buch, ein würdiger Abschluss der Trilogie, deren erster Band „Es war einmal Indianerland“ verdientermaßen den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommen hat, deren zweiter Band für meinen Geschmack ein wenig zu lang geraten war und leicht geschwächelt hat, dessen dritter Band mich nun von vorne bis hinten überzeugt hat – auch weil er an die alten Tugenden von Band 1 anknüpft.

Den drei Bänden sind – das noch mal als Hintergrundinformation – thematische Überbegriffe zugewiesen. In Band 1 ging es um die Liebe, in Band 2 um den Glauben, und „Zeit für Astronauten“ handelt von der Hoffnung. Ja, Hoffnung worauf eigentlich? Die Hoffnung Körts‘, dass Domino doch noch ihre Liebe zu dem fast fünf Jahre Jüngeren entdeckt? Die Hoffnung Dominos darauf, Bozorg in Sinillyk zu finden? Die Hoffnung Bozorgs, im Leben wieder Fuß zu fassen? Ja, man kann in dem Buch viele solcher Hoffnungsschimmer ausmachen – und es geht dabei auch um Vertrauen: in sich selbst und in andere.

Wer Band 1 und 2 der Trilogie gelesen hat (und das sollte man vorher unbedingt gemacht haben), der wird sich an vielen Stellen in Nils Mohls neuem Buch zu Hause fühlen. Das betrifft nicht nur die Figuren, die man zum Teil schon kennt: Domino war bereits in „Stadtrandritter“ eine prominente Figur, Bozorg kennt man ebenfalls, und Jackie, eine der Hauptfiguren in „Indianerland“, tritt auch irgendwann auf.

Darüber hinaus fühlt man sich heimisch, weil „Zeit für Astronauten“ – ein weiterer Anknüpfungspunkt an die beiden vorherigen Bände – nicht linear erzählt. Die Geschichte springt vor, sie springt zurück, immer markiert mit den entsprechenden Vor- und Rückspulpfeilen sowie Datumsangaben. Das kennt man auch schon: dass man als Leser die Geschichte in seinem Kopf selbst zusammenbasteln muss. Diesmal schaut man sogar in Kurzabsätzen unter der Überschrift „Futur II“ ab und zu in die ferne Zukunft einzelner Figuren – was mir übrigens besonders gut gefallen hat. Diese kurzen Lebensweg-Schlaglichter charakterisieren Domino oder Körts auf eine besonders intensive Art, und sie zeigen, dass das Leben am Ende nicht immer das bietet, was man sich erhofft hat.

Überhaupt sind die Figuren in „Zeit für Astronauten“ schillernde, gut gezeichnete Charaktere. Körts ist ein Aufschneider mit einem guten Kern, ein Kämpfer. Gerne nennt er sich Commander Körts und fragt sich immer wieder sinnbildlich, wie er auf den unterschiedlichen planetaren Oberflächen (wir sind ja im Astronauten-Buch) zurechtkommt. Domino dagegen ist unnahbar und undurchschaubar, manchmal fast zickig; sie hat im Laufe des Buchs so einiges zu bewältigen … Oder Bozorg: Weil er mit dem Leben nach dem Tod seiner große Liebe nicht mehr zurechtgekommen war, ist er, ohne jemandem Bescheid gegeben zu haben, nach Sinillyk geflohen.

Sinillyk? Den Ort wird man auf keiner Landkarte finden. Aber rückwärts gelesen heißt der Ferienort dann Kyllinis – und davon gibt es mehrere in Griechenland. In „Zeit für Astronauten“ wird das Land, in dem der Roman größtenteils spielt, nicht genannt (man liest nur: 3000 km im Süden), aber es gibt andere Ortsnamen wie Soraki (rückwärts Ikaros) sowie einen griechischen Satz im Buch („STO EXÍS, TA PARÁSITA!”, S. 379), was die Sache eigentlich klar macht. Allerdings kamen auch einige Ortsnamen vor, die ich nicht entschlüsseln konnte … Geschenkt, letztendlich ist das für die Geschichte nicht wichtig, auch wenn mein kleiner detektivischer Ehrgeiz dadurch einen kleinen Dämpfer bekommen hat.

Was mir an „Zeit für Astronauten“ gefallen hat, ist dessen Sprache. Glatt gebügelt zum flüssigen Runterlesen und Abtauchen ist sie ganz bestimmt nicht. Nein, Nils Mohl ist jemand, der anders schreiben will, der mit Sprache spielt, ihr Wortneuschöpfungen verpasst, Satzbauregeln immer wieder missachtet. Was dabei entsteht, ist ein eigener Stil, den man nicht nur aus „Indianerland“ und „Stadtrandritter“, sondern auch aus „Mogel“ kennt. („Mogel“, das Nebenprodukt der Trilogie wird in „Zeit für Astronauten“ übrigens auch verankert, indem Mogels Mutter als Chefin von Körts im Reisebüro in Erscheinung tritt.) Nicht jeder wird diesen Stil mögen, aber ich finde ihn reizvoll, anregend, auch wenn er manchmal etwas überdreht wirkt.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Nils Mohl erzählt in „Zeit für Astronauten“ jenseits sprachlicher und dramaturgischer Finessen eine Geschichte, in der viele existentielle Fragen auftauchen – allen voran die Frage, was man mit seinem Leben machen will. Darüber hinaus gibt es viel anderes zu entdecken – die großen Themen des Jungseins: Verliebtsein, das nicht erwidert wird, Liebesgeschichten, die gut beginnen, aber unter keinem guten Stern stehen, Freundschaften, die vor der Zerreißprobe stehen, Familienbande, die mehr als anstrengend sind und so weiter und so fort. In der Welt dieses Romans sind alle Figuren Suchende, und genau das macht sie nicht nur sympathisch, sondern führt dazu, dass man als Leser andocken kann.

Tja, und nun? „Zeit für Astronauten“ (das für mich übrigens das mit Abstand schönste Cover der Stadtrandsaga ziert) ist der dritte Band einer Trilogie – will heißen, dass da nichts mehr kommt. Ich werde Domino, Jackie, den namenlosen Ich-Erzähler aus „Indianerland“, Edda, Bozorg, Körts & Co. vermissen. Nils Mohls Figuren sind mir ans Herz gewachsen, und ich will sie nicht ziehen lassen. Wahrscheinlich muss ich das aber tun … Auf zu neuen Welten also. Ich bin jedenfalls gespannt, was Nils Mohl als Nächstes schreiben wird.

Um noch mal auf die gesamte Trilogie zu gucken und sie zu würdigen: Es gibt für mich aus den letzten fünf Jahren zwei wirklich große Entdeckungen in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur: Die eine ist Finn-Ole Heinrich mit seinen „Maulina“-Büchern. Die andere? Dreimal dürft ihr raten …

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 18.04.2016)

Hier findet ihr übrigens ein Interview mit Nils Mohl, das ich im Dezember 2012 geführt habe.

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