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Buchbesprechung: Que Du Luu „Im Jahr des Affen“

Cover: Que Du Luu "Im Jahr des Affen"Lesealter 14+(Königskinder-Verlag 2016, 285 Seiten)

Fünf Jahre ist es her, dass der letzte (Jugend-)Roman von Que Du Luu erschienen ist. „Vielleicht will ich alles“ war ein Buch, das mir damals richtig gut gefallen hat. Als vor zwei Wochen das neue Buch der in Deutschland lebenden, in Vietnam als Chinesin geborenen Autorin ausgeliefert wurde, wollte ich es mir sofort anschauen. „Im Jahr des Affen“ ist – das vorab – ein Buch, in das Que Du Luu wahrscheinlich auch einiges Persönliche aufgenommen hat.

Inhalt:

Minh Thi ist im Kindesalter mit ihrem Vater zusammen von Vietnam, wo sie zum chinesischen Teil der Bevölkerung gehörten, nach Deutschland gekommen – nach einer dramatischen Flucht, die anfangs über das Meer ging. In Herford, wo die beiden in einem nicht gerade attraktiven Hochhaus leben, führt ihr Vater ein chinesisches Restaurant, das jedoch eher mäßig läuft.

In Deutschland wird Minh Thi von allen nur Mini genannt, und Mini geht noch aufs Gymnasium, während ihr Vater jeden Tag von früh bis abends im Restaurant verbringt. Nicht mal einen Ruhetag gibt es. Ab und zu hilft Mini dort auch aus. Doch dann bricht ihr Vater zusammen und hat einen Herzinfarkt. Mini versucht, das Restaurant (die Sommerferien stehen bevor) am Laufen zu halten, was jedoch nicht einfach ist, auch wenn es mit Ling und Bao zwei Chinesen gibt, die als Kellner und Koch dort arbeiten.

Ausgerechnet in dieser Zeit kommt auch noch Onkel Wu, der Bruder von Minh This Vater, der seit vielen Jahren mit seiner Familie in Australien lebt, zu Besuch. Weil es Minis Vater nach wie vor nicht besser geht (er bricht ein zweites Mal zusammen), mischt sich Onkel Wu in einige Angelegenheiten ein. Mini ist nicht gerade begeistert davon, weil sie mit ihm nur begrenzt gut auskommt. Doch der Besuch von Onkel Wu führt auch dazu, dass sie vieles über ihren Vater und sein früheres Leben erfährt, von dem sie bisher nichts wusste …

Bewertung:

Wenn man die Kurzbiografie von Que Du Luu auf ihrer Webseite liest, dann wird einem klar, dass in „Im Jahr des Affen“ einiges Autobiografische stecken dürfte. Ob es allerdings Onkel Wu wie manch anderes in dem Buch wirklich gab oder gibt, ist nicht bekannt. Und während Mini keine Mutter mehr hat, scheinen Que Du Luus Eltern zusammen ein Restaurant geführt zu haben. Auch wenn es einige Unterschiede geben mag, so gehe ich davon aus, dass in Mini so einiges an Gedanken und Gefühlen steckt, das Que Du Luu selbst so erlebt und empfunden hat.

Man könnte „Im Jahr des Affen“ angesichts der derzeitigen Flüchtlingswelle, obwohl es Anfang der 1990er Jahre spielen dürfte, fast ein aktuelles Buch nennen, denn es handelt von einem Mädchen, das als kleines Kind geflohen war. Die Flucht selbst wird nur am Rande thematisiert (da Mini damals vier Jahre alt war, hat sie ja auch kaum Erinnerungen daran), aber es geht letztendlich in dem Buch darum, wie Mini sich in Deutschland fühlt. Minis Onkel Wu bringt es einmal provozierend auf folgenden Nenner: Mini sei wie eine Banane, außen gelb, innen weiß – also vom Aussehen her Chinesin, von der Persönlichkeit her eher eine Deutsche.

Das ist letztendlich auch das, worum es in dem Buch jenseits der Handlung vor allem geht: um Fragen der Identität. Als Onkel Wu, eine ziemlich schillernde und sperrige Persönlichkeit, zu Besuch kommt, wird Mini auf ihre Herkunft gestoßen und stellt dabei fest, dass ihr der chinesische Onkel in so vielem fremd ist. Das geht damit los, dass er Mini unerzogen findet, weil er andere Vorstellungen von Erziehung hat, das geht damit weiter, dass er die Familie über alles stellt – und wenn er irgendwann im Halbschlaf an einer Stelle auf die Frage, worauf es im Leben eigentlich ankommt, mit „Reichtum und Kinder“ antwortet, so merkt Mini, dass sie in einer anderen Welt lebt. Und dennoch lernt sie durch Onkel Wu – anfangs eher widerwillig – einiges über sich und schließt mit ihrer inneren, oft nicht eingestandenen Abwehrhaltung vielem Chinesischen gegenüber irgendwann doch einen Friedenspakt.

Erzählt wird die Geschichte Minis eher unaufgeregt – so würde ich das nennen. Es passiert nicht übermäßig viel in dem Roman, es geht eher um die innere Handlung als um den Plot. Man könnte „Im Jahr des Affen“ deswegen fast ein altmodisches Buch nennen, eines, das sich dem Trend, alles actionreich und witzig erzählen zu müssen, entzieht. Aber so ganz gerecht wird man dem Jugendroman damit nicht. Denn Witz zumindest kennt das Buch sehr wohl, einen subtilen Witz, der sich einem aber nicht aufdrängt.

Mini kann besser Deutsch als Chinesisch, und als Erzählerin merkt sie immer wieder an, dass sie ihren chinesischen Landsleuten gegenüber in Sprachnot kommt. Davon angetrieben denkt sie wiederholt über das Chinesische nach, und das ist für mich ein besonderer Fundus in dem Buch gewesen – etwas, wo ich vieles gelernt habe. „Hast du heute schon Reis gegessen?“ – so heißt die chinesische Begrüßungsformel, die ihr Vater immer verwendet, wörtlich übersetzt … Witzig. Oder es gibt ein großes und ein kleines Danke im Chinesischen. Solche Dinge erfährt man in dem Buch, und durch die Darstellung dieser sprachlichen Unterschiede, bekommt man einerseits eine Ahnung davon, wie unterschiedlich die Mentalität zwischen Deutschen und Chinesen in vielem ist, andererseits versteht man auch, wie schwer es für Flüchtlinge ist, sich in Europa einzuleben, weil Sprache und Denken in unterschiedlichen Kulturkreisen so verschieden sind.

Sympathisch ist auf jeden Fall, wie Mini dargestellt wird – ein Mädchen, dessen Zweifel viel auch mit seiner doppelten nationalen Identität zu tun haben. Mini merkt im Laufe des Buchs auch, dass sie ihren Vater letztendlich gar nicht richtig kennt, und durch Onkel Wu kommt sie ihm und damit ihrer Herkunft näher. Hier ist das Buch letztendlich auch ein Entwicklungsroman.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Im Jahr des Affen“ ist ein Buch, bei dem es etwas gedauert hat, bis ich hineingefunden habe, was daran liegt, dass es ein Buch der leisen Töne ist. Doch irgendwann hat mich der Roman gepackt, weil er sehr authentisch von einem Mädchen, das als junges Kind nach Deutschland gekommen ist, erzählt. Wie schon bei „Vielleicht will ich alles“ gelingt es Que Du Luu interessante und vielschichtige Charaktere zu entwerfen – sei es Minis Vater, ihr Onkel Wu oder Bao, der Koch.

Gefallen hat mir auch, dass da mal wieder ein Buch ist, in dem ein wenig über Sprache philosophiert wird, und indem das Chinesische immer wieder mit dem Deutschen verglichen wird, hat das seinen ganz besonderen Reiz. Ansonsten geht es in „Im Jahr des Affen“ um Herkunft, um Familienbande, aber auch um Freundschaft und Identität – eigentlich um fast alles, was Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren interessiert. Auch eine Liebesgeschichte erzählt der Roman am Rande. Que Du Luu brennt kein Action-Feuerwerk ab, sondern hat ein nachdenkliches Buch geschrieben, dessen Gedanken, Stimmungen und Gefühle einem einige Zeit nachgehen.

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(Ulf Cronenberg, 02.04.2016)

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Kommentare (2)

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