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Buchbesprechung: Hilary T. Smith „Hellwach“

Cover Hilary T. Smith "Hellwach"Lesealter 15+(Fischer-Verlag 2015, 367 Seiten)

Ganz taufrisch ist „Hellwach“ nicht mehr, sondern bereits im Frühjahr 2015 erschienen – aber manchmal wird man auf gute Bücher eben erst später aufmerksam. Hilary T. Smith wird im Internet übrigens gerne als Nomad-Autorin gehandelt, weil sie keinen festen Wohnsitz hat, im Camper durch die Welt reist und nur hier und da vorübergehend in Hütten wohnt. „Hellwach“ ist auch unterwegs entstanden, wie man in der Kurzbiografie des Fischer-Verlags erfährt.

Inhalt:

Kiri ist in Lukas verliebt, doch das alles ist ziemlich kompliziert. Als Kiri vor einiger Zeit einmal mit Lukas geknutscht hat, hat dieser sich zurückgezogen und meinte, dass eine Liebesbeziehung zwischen ihnen das gemeinsame Musikmachen beeinträchtige. Gemeinsam haben Kiri und Lukas nämlich ein Bandprojekt laufen: Lukas spielt Schlagzeug, Kiri, die sehr ernsthaft Klavier übt und später ein Klavierstudium anstrebt, ist die Virtuosin am Keyboard. Geplant ist ein Auftritt bei einem Bandwettbewerb, und dafür üben die beiden in den Sommerferien, während Kiris Eltern auf einer Kreuzfahrt sind.

Dann bekommt Kiri einen seltsamen Anruf, in der ein Mann ihr sagt, dass sie die Sachen ihrer vor fünf Jahren verstorbenen Schwester Sukey abholen solle, sonst würden sie beim Abriss des Hauses, in dem Sukey gelebt hat, mit vernichtet werden. Mit etwas Bauchgrimmen macht Kiri sich auf den Weg in das verruchte Viertel von Sukeys ehemaliger Wohnung – und hier erfährt Kiri Dinge, die ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellen.

Durch weitere Nachforschungen findet Kiri heraus, dass Sukey zum einen nicht bei einem Unfall, wie ihre Eltern ihr gegenüber behauptet haben, gestorben ist; zum anderen scheint Sukey nicht das im Großen und Ganzen erfolgreiche Leben als Künstlerin geführt zu haben, von dem Kiri ausgegangen war.

Kiri ist geschockt und wird aus der Bahn geworfen. Mit Lukas verkracht sie sich, sie übt exzessiv Klavier, kommt nicht mehr zu Ruhe und schläft kaum noch. Der große Lichtblick in dieser Zeit ist Skunk, ein junger Mann, den sie kennenlernt, der aber auch einige Probleme mit sich herumschleppt.

Bewertung:

„Hellwach“ (Übersetzung: Jenny Merling) hat mich von den ersten Seiten an in den Bann gezogen. Anfangs erlebt man Kiri und Lukas bei einer Bandprobe und erfährt von Kiris nicht erwiderten Gefühlen Lukas gegenüber. Schon kurz danach nimmt die Geschichte Fahrt auf, weil ein früherer Freund von Sukey, Kiris toter Schwester, anruft und Kiri dadurch mit der dunklen Vergangenheit konfrontiert wird, die ihre Familie umweht. „Hellwach“ ist ein Roman über ein Familiengeheimnis – um die jüngere Tochter zu schützen, haben Kiris Eltern dem Mädchen nie erzählt, wie Sukey wirklich gestorben ist.

Dass Sukey, die von Kiri immer bewundert wurde, ein insgesamt sehr armseliges Leben geführt hat, ist für Kiri ein Schock. Anfangs möchte sie das nicht wahrhaben, aber Kiri stößt auf immer mehr Details, die sie bald nicht mehr ignorieren kann. Die Reise in Sukeys Vergangenheit ist für das Mädchen auch ein Eintauchen in eine völlig andere Welt: weg aus dem behüteten Leben einer ehrgeizigen Klavierschülerin, die ihren Eltern gefallen will. Kiri lernt drogensüchtige, halb obdachlose Menschen kennen, und ihr wird langsam klar, dass Sukey ein ähnliches Leben geführt hat.

Lukas spielt irgendwann in dem Buch nur noch eine Rolle am Rand, und wenn in den Verlagsinformationen zu „Hellwach“ etwas von „Liebesgeschichte“ steht, so bezieht sich das nicht auf Lukas. Schon bei ihrem ersten Streifzug lernt Kiri Skunk kennen: tätowierte Arme, nicht gerade schlank und sehr wortkarg. Er gibt Kiri das Gefühl, dass er seine Ruhe haben will. Doch als Kiri später – es kostet sie einige Überwindung – Skunks Hilfe braucht und sucht, lernen die beiden sich langsam näher kennen, und es entwickelt sich eine für beide, aber auch für den Leser unerwartete Liebesbeziehung.

Da treffen zwei Jugendliche aufeinander, denen es beiden nicht gut geht: Kiri gleitet durch die Entdeckungen in Bezug auf ihre Schwester in eine manische Phase ab, während Skunk – aber das erfährt man wie Kiri erst sehr spät – mit Verfolgungswahn zu kämpfen hat. Kiri, die nicht mehr schlafen kann, hier und da Allmachtsphantasien entwickelt, ständig auf Achse ist, in ihrer manischen Phase zu begleiten, ist ziemlich anstrengend. Man wartet darauf, dass Kiris Welt einstürzt, dass das Mädchen zusammenbricht, und wundert sich, wie lange das alles weitergeht …

Manchmal ist „Hellwach“ fast etwas nervig, aber das ist die logische Konsequenz daraus, dass hier eine manische Person Ich-Erzählerin ist. Dennoch: Vielleicht hätten 50 Seiten weniger dem Buch gut getan. Das Buch verliert sich zu Beginn des letzten Drittels ein bisschen … Was mich außerdem ein wenig gestört hat, war das Ende des Romans – denn es scheint fast so, als könne Kiri (das Buch endet eher offen, aber mit Andeutungen) ihre manische Phase ohne größere Verluste wegstecken. Das wäre zu schön, um wahr zu sein.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Mit „Hellwach“ ist Hilary T. Smith ein beeindruckender Debütroman gelungen, der sehr nah an seiner Ich-Erzählerin bleibt. Man kann „Hellwach“ als Liebesgeschichte lesen, man kann das Buch als Familiendrama auffassen, man kann es aber auch als Geschichte ansehen, die zwei psychisch kranke Protagonisten hat: Kiri in einer manischen Phase, die in einer Lebenskrise auftritt, Skunk mit psychotischen Schüben, die wohl von früheren Drogenerfahrungen herrühren. Mit all dem bietet Hilary T. Smith ihren Lesern sehr viel.

„Hellwach“ ist jedenfalls ein Buch, das auffällt, Leser vielleicht sogar provoziert. Ich kann mir vorstellen, dass mancher Leser den Roman schnell zur Seite legen wird, weil sein überdrehter Ton auf Dauer nervig ist. Aber zugleich ist „Hellwach“ eben ein Buch unserer Zeit, wo viele Menschen ständig auf Achse sind, alles erleben wollen und gar nicht bemerken, wie sie sich überfordern und langsam „verbrennen“. Ich weiß nicht, ob Hilary T. Smith dazu steht: Ist „Hellwach“ eher ein Buch, in dem sie eigene Erfahrungen verarbeitet? Oder ist es ein Roman, der kritisch sein will? Ich vermute eher Ersteres, auch wenn für mich persönlich der zweite Aspekt der wichtigere war. Aber vielleicht ging es ja auch um etwas ganz anderes.

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(Ulf Cronenberg, 18.01.2016)

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