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Buchbesprechung: David Levithan „Two boys kissing“

Cover David Levithan "Two Boys Kissing"Lesealter 14+(Fischer-Verlag 2015, 279 Seiten)

„Two boys kissing“ kam genau zur rechten Zeit heraus: Kurz bevor David Levithan für „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ von der Jugendjury mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, stand der Folgeroman des amerikanischen Autors bereits in den Bücherregalen. Um was es in „Two boys kissing“ geht, kann man bei dem Titel schon erahnen: um Jungen, die schwul sind; allerdings handelt der Roman, anders als der Titel suggeriert, von mehr als zwei Jungen und ihren Erfahrungen.

Inhalt:

Harry und Craig haben Großes vor: Sie wollen den Rekord im Dauerküssen brechen. Doch bei ihnen hat das Ganze noch eine Besonderheit: Da sie beide Jungen sind, wollen sie auf diese Weise etwas für die Rechte Homosexueller tun – dass Schwule und Lesben nach wie vor in vielem benachteiligt sind und Repressionen erfahren, wissen sie aus eigener Erfahrung.

Das Event – der bisherige Dauerküssrekord liegt bei etwas über 32 Stunden – soll in der Nähe ihrer Schule stattfinden, und Harry und Craig haben einen Unterstützerkreis, der sich um günstige Rahmenbedingungen kümmert. So soll der Rekordversuch auch per Livestream im Internet zu verfolgen sein. Dass Harry und Craig gar nicht mehr zusammen sind, weiß kaum jemand – verbunden fühlen sie sich einander trotzdem noch immer.

Die Aktion nimmt anfangs gemächlich ihren Lauf, doch nach und nach erregt das Event immer mehr Aufsehen – positiv wie negativ. Verfolgt wird es natürlich vor allem von anderen Homosexuellen, und so kommen im Laufe der Zeit aus der Umgebung mehrere Schwule hinzu, die alle ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse haben. Aber auch Kritiker mit Anfeindungen treten auf den Plan und drohen den Rekordversuch zu kippen …

Bewertung:

„Two boys kissing“ (Übersetzung: Martina Tichy) ist – das bemerkt man nicht erst, wenn man in David Levithans Nachwort die Entstehungsgeschichte des Romans kennenlernt – ein Jugendroman, der mit viel Herzblut geschrieben ist. Anlass für die Geschichte bot ein Dauerküssrekord zweier männlicher Jugendlicher, der wirklich in den USA stattgefunden hat. Das, was in dem Buch beschrieben wird, ist ansonsten aber rein fiktiv und hat nichts mit den Personen aus der Wirklichkeit zu tun.

Die Inhaltsangabe lockt einen leicht auf die falsche Fährte, weil ich hier nur einen Teil der Geschichte herausgenommen habe. Das Buch erzählt nämlich parallel von mehreren homosexuellen Jugendlichen und ihren Erlebnissen während der Zeit von Craigs und Harrys Rekordversuch. Da ist Cooper, dessen Eltern auf wenig angenehme Weise erfahren, dass sie einen schwulen Sohn haben – Cooper haut Hals über Kopf ab und steckt in einer schweren Lebenskrise. Avery und Ryan lernen sich auf einer Tanzveranstaltung kennen und werden magisch voneinander angezogen. Sie treffen sich am nächsten Tag wieder. Neil und Peter dagegen sind schon lange ein Paar, aber davon bedroht, sich im Alltag zu langweilen und zu verlieren. Darüber hinaus gibt es noch weitere Nebenfiguren.

Das Besondere an „Two boys kissing“ ist der ungewöhnliche Erzählstil des Buchs. Erzählt werden die Erlebnisse der Figuren von einem fiktiven auktorialen Wir-Erzähler, dessen Stimme einen anfangs befremdet und dessen Herkunft man erst einmal ausmachen muss. Das klingt, um den Buchanfang zu zitieren, so:

„Ihr könnt nicht wissen, wie es jetzt für uns ist – da werdet ihr immer einen Schritt hinterher sein.
Seid dankbar dafür. Ihr könnt nicht wissen, wie es damals für uns war – da werdet ihr immer einen Schritt voraus sein.“

Man benötigt einige Lesezeit, bis man so einigermaßen ahnt, wer hier eigentlich spricht – ich will es hier aber nicht vorwegnehmen. Fast etwas verstörend ist dieser Erzählstil, aber irgendwann kann man ihm auch einen gewissen Reiz abgewinnen.

Was „Two boys kissing“ ohne Zweifel leistet, ist, dass es von den vielfältigen Erfahrungen schwuler Jugendlicher berichtet. Man erfährt, wie das gut gehütete Geheimnis von Eltern, die wenig Verständnis haben, gelüftet wird, man lernt ein Paar kennen, das gut aufeinander eingespielt ist, man erfährt vom Kitzel, aber auch von der Ungewissheit, wenn zwei Jungen sich kennen lernen und umeinander kreisen. Und David Levithan lässt einen teilhaben an den Erfahrungen von Harry und Craig mit ihrem Rekordversuch, der bei beiden einiges in Gang setzt.

„Two boys kissing“ ist ein außergewöhnliches Buch, an dem ich mich allerdings auch hier und da ein bisschen gerieben habe, ja, von dem ich ab und an auch leicht genervt war. Das lag vor allem daran, dass der fiktive Wir-Erzähler immer wieder überlebensklug daher kommt und sich sich manche, vor Kitsch triefende Gedanken und Gefühle leistet. Das ist immer mal wieder zu viel des Guten …

Fazit:

4 von 5 Punkten. David Levithan ist auch auch mit „Two boys kissing“ ein besonderes Buch gelungen. War die Seelenwanderungsgeschichte von „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ exotisch und außergewöhnlich und erlaubte dem Leser, an etwas Besonderem teilzuhaben, so ist es diesmal der eigenwillige Erzählstil, der David Levithans Roman aus der Masse der Jugendbücher hervorhebt. Dass ich wiederholt ein wenig über den Erzähler gestolpert bin, weil er den Leser vor allem am Anfang sehr auf Distanz hält, mag dem Wagnis dieses Erzählexperiments geschuldet sein, vielleicht aber auch an der amerikanischen Herkunft des Romans liegen. Ein bisschen zu viel Pathos durchweht das Buch in jedem Fall.

Ansonsten erzählt David Levithan jedoch sehr differenziert, was jugendlichen Schwulen alles widerfährt – beglückende wie verstörend-negative Erfahrungen werden in dem Buch abgebildet. „Two boys kissing“ präsentiert ein kaleidoskopisches Spiegelbild von Erfahrungen schwuler Jungen. David Levithans Jugendroman ist damit ein Mut machendes Buch für Jungen, die homosexuell sind, es ist außerdem ein Buch, das beim Leser für Verständnis und Anerkennung werben will.

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(Ulf Cronenberg, 02.01.2016)

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