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Kurzrezension: Maria Braig „Nennen wir sie Eugenie“

braig_eugenieLesealter 14+(Verlag 3.0 Zsolt Majsai 2014, 131 Seiten)

Immer wieder erreichen mich Anfragen von Autoren mit selbst oder in kleinen Verlagen verlegten Büchern, ob ich ihr Werk besprechen möchte. Darunter sind sehr viele Fantasy-Romane – nicht gerade mein bevorzugtes Metier. Maria Braigs „Nennen wir sie Eugenie“ hat den Weg auch so zu mir gefunden – ein Buch, das nicht in einem der großen Kinder- und Jugendbuchverlage erschienen ist und ein Thema behandelt, das mich seit einigen Jahren interessiert: Es geht um eine Frau, die aus dem Senegal flüchten muss, weil sie dort verfolgt wird. Der Autorin hatte ich versprochen, zumindest in das Buch reinzuschauen, und ich bin hängen geblieben …

Eugenie lebt im Senegal, arbeitet in einem Lebensmittelladen und will so ihr Studium finanzieren. Ihre Familie ist muslimisch, aber gemäßigt. Umso geschockter ist Eugenie, als sie eines Tages nach Hause bestellt wird und dort von ihren Eltern ihren zukünftigen Ehemann, den sie nicht kennt, präsentiert bekommt. Eugenie kann nicht glauben, was da passiert – so etwas hat sie ihren Eltern nicht zugetraut. Erst hinterher erfährt sie von ihrer Mutter, dass die Familie in einer großen finanziellen Notlage ist. Durch die Heirat Eugenies mit einem älteren reichen Bankiersohn hofft man, diese hinter sich zu lassen.

Als Eugenie ihrer Mutter gesteht, dass sie aber schon jemand anderem versprochen ist, kommt es zu Konflikten. Allerdings weiß niemand, dass Eugenie seit Längerem mit Seraba, einer Frau, ein Paar ist, und das darf auch niemand wissen, da Homosexualität im Senegal geächtet ist. Doch Eugenies Brüder bekommen mit, dass ihre Schwester eine Frau liebt, und Eugenie wird von da ab mehrfach bedroht, schließlich sogar, nachdem sie in die nächstgrößere Stadt geflohen ist, polizeilich gesucht. Mit Seraba plant sie schließlich ihre Flucht.

So kommt Eugenie nach Deutschland, wo sie Asyl beantragt – Seraba bleibt noch im Senegal. Die ersten Wochen vergehen für Eugenie wie im Nebel. Als sie schließlich in eine alte und schäbige Kaserne, eine Sammelunterkunft für Asylanten, verlegt wird, und dort Jeff, eine Studentin, die sich um Asylanten kümmert, kennen lernt, beginnt sie langsam wieder zum Leben zurückzufinden. Doch dass Eugenies Asylantrag durchgeht, ist eher unwahrscheinlich …

Eugenies Geschichte, die erzählt wird, ist eine Mischung aus Lebensbericht und Fiktion. Grundlage – das wird im Vorwort des Buchs dargestellt – ist die wahre Lebensgeschichte einer lesbischen Frau aus dem Senegal, die wegen der drohenden Zwangsverheiratung in die Schweiz geflohen ist. Maria Braig hat die Geschichte adaptiert, nach Deutschland verlegt und auch sonst einiges hinzugefügt.

In dem kurzen Buch erfährt man nichts Genaues über die Schauplätze, an denen das Buch spielt – weder im Senegal noch in Deutschland. Doch das ist Absicht und soll die Geschichte universeller machen. Maria Braig will nicht nur ein Einzelschicksal darstellen, sondern darauf aufmerksam machen, dass es viele ähnliche Flüchtlingsschicksale gibt.

Was die Geschichte angeht, war ich insgesamt ein bisschen hin- und hergerissen: Einerseits finde ich es gut und wichtig, dass jemand eine solche Geschichte schreibt und damit auf die Lebenssituation von Flüchtlingen hinweist. Andererseits merkt man dem Buch eben doch an, dass es im Kopf einer Deutschen entstanden ist und sich nicht um den persönlichen Erfahrungsbericht einer Afrikanerin handelt. Es ist meiner Meinung nach die größte Schwäche des Buchs, dass ich immer wieder das Gefühl hatte, hier nicht den authentischen Lebensbericht einer afrikanischen Frau zu lesen. Das Leben von Eugenie in Afrika bleibt in vielem blass, und auch das innere Erleben von Eugenie wirkt in der Darstellung der Gefühle und Ansichten schon oft sehr westlich. Würde eine Afrikanerin vieles nicht ganz anders beschreiben?

Dass in das Buch immer wieder in Kästen mit Hintergrundinformationen zum Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland und zum Asylverfahren eingestreut sind, mag man gut finden oder auch nicht. Es unterstreicht die pädagogische Anlage des Romans: Maria Braig will die Leser über die schwierige Lage und Situation von Flüchtlingen im Ursprungsland wie als Asylanten in Deutschland informieren. Und das gelingt dem Buch auch sehr gut.

Was dem Buch allerdings fehlt, ist wiederholt ein wenig Feinschliff. Ab und zu bin ich über Formulierungen, Sätze und sprachliche Bilder gestolpert, die leicht holpern. Doch um darauf zu stoßen, muss man schon recht gründlich lesen …

Fazit:

4 von 5 Punkten. Natürlich wäre der persönliche Lebensbericht einer flüchtenden Frau authentischer und packender gewesen, aber solche Bücher sind eher Mangelware. Von daher stößt Maria Braigs „Nennen wir sie Eugenie“ in eine Lücke, die zu schließen ein ehrenhaftes Anliegen ist. Es gibt ein paar Jugendbücher, die Flüchtlingsschicksale behandeln, aber ich kenne keinen Jugendroman, der die Situation einer von der Abschiebung bedrohten Asylantin in Deutschland aufgreift.

Das ist auch der Grund, warum „Nennen wir sie Eugenie“ hier vorgestellt wird, auch wenn das Buch die ein oder andere Schwäche hat. Auch Jugendliche sollten etwas über die Schicksale von Asylanten in Deutschland wissen, erfahren, dass sehr häufig auch Menschen in ihr Herkunftsland abgeschoben werden, obwohl sie dort in ihrem Leben bedroht sind. Maria Braig zeigt das am Beispiel einer lesbischen Frau aus dem Senegal sympathisch auf und legt dabei auch den Finger auf die Wunde, was die deutsche Asylpolitik angeht. Eine Ruhmesgeschichte ist der Umgang mit Asylanten in Deutschland nämlich nicht immer …

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(Ulf Cronenberg, 23.07.2015)

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Kommentar (1)

  1. Maria Braig

    Ein weiteres Jugendbuch von mir ist im April 2015 erschienen. Der Roman ist leider heute fast noch aktueller geworden, als beim Erscheinen: „Amra und Amir – Abschiebung in eine unbekannte Heimat“.
    Die in Deutschland aufgewachsene Tochter von Flüchtlingen aus dem Jugoslawienkrieg wird nach ihrem 18. Geburtstag ins Herkunftsland ihrer Eltern abgeschoben.

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