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Buchbesprechung: Sjoerd Kuyper „Erst wirst du verrückt und dann ein Schmetterling“

kuyper_schmetterlingLesealter 12+(Gabriel-Verlag 2015, 250 Seiten)

Einen verrückten Titel hat das Buch des Niederländers Sjoerd Kuyper in jedem Fall – trotzdem kann man sich nicht so recht vorstellen, worum es darin geht. Am ehesten denkt man an eine Liebesgeschichte („Schmetterlinge im Bauch“) – und das stimmt ja auch zum Teil. Auf Niederländisch heißt der Jugendroman übrigens „Hotel De grote L“ (dt. „Hotel Das große L“), was einen auch nicht viel weiterbringt. Sei’s drum, über das Buch war von anderer Seite schon Lobendes zu vernehmen, und auch wenn das Buch nicht mehr ganz taufrisch ist, so wollte ich mir selbst ein Bild machen …

Inhalt:

Kos führt Tagebuch; für einen Jungen – wie er selbst findet – ein seltsames, fast peinliches Unterfangen. Es ist kein normales Tagebuch, sondern er spricht in einer Zeit, in der alles drunter und drüber geht, seine Erlebnisse auf ein Tonband. Den Kassettenrekorder hat er von Walput, dem Koch im Hotel, das sein Vater führt, bekommen. Und der erste Tag mit den Aufzeichnung hat es gleich in sich.

Kos ist beim Fußball ein hervorragender Stürmer, und seine Mannschaft kann an dem Tag die Meisterschaft besiegeln, wenn sie das letzte Spiel gewinnt. Doch das Spiel läuft nicht gut, es fällt lange kein Tor. Kurz vor Schluss kommt es jedoch zu einem Foul, und Kos tritt zum Elfmeter an. Beim Anlaufen sieht er allerdings, wie sein Vater, der beim Tor steht, zusammenbricht – Kos‘ Anlauf verzögert sich dadurch, der Torwart hechtet schon in eine Ecke und der schwach getretene Ball kullert ins Tor.

Die Freude von Kos hält jedoch nicht lange an, denn sein Vater hat einen Herzinfarkt erlitten und wird ins Krankenhaus gebracht. Plötzlich müssen Kos mit seinen 13 Jahren, seine jüngere Schwester Pel und seine älteren Schwestern Briek und Libbie das Hotel am Laufen halten, obwohl sie davon keine Ahnung haben. Doch es kommt noch schlimmer: Sie erfahren, dass das Hotel dick im Minus steht und ein Gläubiger innerhalb einer Woche 7000 Euro von ihnen möchte. Sonst, droht er, wird das Hotel dichtgemacht.

Und dann ist da noch Isabel, das nette Mädchen, in das Kos schon seit Langem verliebt ist – was auf Gegenseitigkeit zu beruhen scheint. Doch auch hier geht alles schief, und das Chaos in und um Kos wird immer größer …

Bewertung:

Ja, „Erst wirst du verrückt und dann ein Schmetterling“ (Übersetzung: Eva Schweikart) erzählt eine verrückte Geschichte – von daher passt der Titel gut zu dem Buch. Was Kos mit seinen Schwestern im Laufe einer Woche erlebt, ist schon ziemlich abgefahren: Von einem Moment auf den anderen zerbricht die bisher so heil wirkende Welt, in der ein alleinerziehender Vater (Kos‘ Mutter ist vor einigen Jahren an Krebs gestorben) alles im Griff zu haben schien.

Sjoerd Kuypers Jugendroman ist ein Buch mit Witz und Humor. Kos als Tagebuchschreiber berichtet von all den Dingen, die um ihn herum passieren, fast ohne Scham und er lässt die Fettnäpfchen, in die er getreten ist, nie beiseite. Das macht das Buch nicht nur erfrischend, sondern es zeigt einem zugleich – das ist der Kniff des Romans –, wie nahe Freude und Trauer, Spaß und Ernst oft beieinander liegen. Der Witz ist in dem Roman kein Selbstzweck, der nur für Unterhaltung sorgt, sondern er ist ein Vehikel, damit viele tragische Situationen ohne Bleischwere dargestellt werden können.

Einen kleinen Kunstgriff (er hätte für meinen Geschmack noch öfter eingesetzt werden können) hat Sjoerd Kuyper außerdem parat, um Kos‘ Aufzeichnungen aufzulockern. Isabel durfte die Aufzeichnungen nach der Fertigstellung anhören, hat sie niedergeschrieben und in kursiver Schrift hier und da ihre Sicht der Dinge mit eingestreut. Isabels Kommentare sind eher selten, aber wenn sie kommen, gut gesetzt, auch wenn sie mir im Vergleich zum sonstigen Text fast etwas zu brav sind.

Was „Erst wirst du verrückt und dann ein Schmetterling“ ansonsten unterhaltsam macht, sind die Figuren im Buch – das gilt insbesondere für Kos‘ Schwestern: Pel als Neunjährige ist oft ganz schön abgeklärt und lebensschlau; Briek ist in einer großen pubertären Krise, läuft stets in schwarzen Klamotten und stark geschminkt herum, ist außerdem höchst launisch; und Libbie versucht als Älteste mit ihren 19 Jahren den Laden zusammenzuhalten, was ihr aber nur begrenzt gelingt, auch wenn sie das bevorstehende Abitur schon bald gedanklich abhakt hat. Doch auch die Nebenfiguren – wie z. B. Walput, der Hotelkoch – sind skurrile Persönlichkeiten, die mir gefallen haben und das Buch bereichern.

Wie der Roman enden dürfte, ahnt man ziemlich bald, Isabels Kommentare zeigen außerdem nach kurzer Zeit, dass Kos und sie am Ende zusammenkommen werden. Ich bin eigentlich kein großer Freund von Happy Ends, doch in diesem Fall hat mich der wohlgefällige Schluss kein bisschen gestört. Das Buch lebt nicht von der Spannung, wie es wohl ausgehen wird, sondern davon, was und wie alles auf dem Weg dorthin passiert. Und da warten doch viele unerwartete zusätzliche Verwicklungen auf den Leser …

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Erst wirst du verrückt und dann ein Schmetterling“ ist ein sehr unterhaltsames Buch, das jedoch nicht nur Slapstick bietet, sondern darüber hinaus zeigt, wie viel Tragik das Leben haben kann. Kos schildert nicht nur, wie er von einer peinlichen Situation in die nächste stolpert, sondern es wird zum Beispiel auch deutlich, welche Lücke die gestorbene Mutter hinterlassen hat. Die Mischung aus Humor und Tiefe ist es, die mich für dieses Buch eingenommen hat – Sjoerd Kuypers Buch hat viel von einem Schelmenroman.

Wer auf Bücher mit Spannung und Action steht, der wird mit „Erst wirst du verrückt und dann ein Schmetterling“ nicht glücklich werden. Kuypers Roman ist eher etwas für Leser, die Alltagsgeschichten mögen. Erzählt wird darin eine Geschichte, die in manchem aus dem Leben gegriffen ist, in anderem durch die maßlose Übertreibung dem Leben entrückt zu sein scheint. Was daraus entsteht, ist eine große Leichtigkeit, die man in dieser Form nicht allzu oft in der Kinder- und Jugendliteratur antrifft.

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(Ulf Cronenberg, 16.07.2015)

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Kommentare (2)

  1. Britta Kiersch

    Lieber Ulf, hier spricht „die andere Seite“: Freut mich, dass Du diesen Titel ebenso hoch einschätzt. Ich denke allerdings, dass gerade die sparsam eingesetzten Kommentare von Isabel das Salz in der Suppe sind und der Autor genau das richtig Maß gefunden hat. Schöne Grüße, Britta

    Antworten
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