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Buchbesprechung: Dorit Linke „Jenseits der blauen Grenze“

linke_grenzeLesealter 14+(Magellan-Verlag 2014, 299 Seiten)

Jedes Jahr werden im März auf der Leipziger Buchmesse sechs Jugendromane, die im Vorjahr erstmals auf Deutsch erschienen sind, für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Von den sechs in diesem Frühjahr nominierten Titeln hatte ich immerhin vier gelesen und besprochen – es gab schon Jahre, wo ich weniger der ausgewählten Bücher kannte. Ein Weilchen habe ich gezögert, nun aber doch beschlossen, mir die beiden fehlenden Jugendromane noch anzuschauen, und begonnen habe ich mit Dorit Linkes Roman „Jenseits der blauen Grenze“, einem Roman, der davon handelt, dass zwei Jugendliche aus der DDR fliehen wollen.

Inhalt:

Die 80er Jahre vor dem Mauerfall waren für Jugendliche, die sich nicht anpassten, keine einfache Zeit in der Deutschen Demokratischen Republik. Hanna ist eine gute Schülerin, die Leistungsschwimmen betreibt, allerdings auch immer wieder aneckt. Einer ihrer zwei besten Freunde, Andreas, fällt noch häufiger auf: Er kann einfach seinen Mund nicht halten, und mit seinen kritischen Äußerungen der DDR und ihrem politischen System gegenüber steht er in der Schule bald im Abseits.

Hannas zweiter guter Freund ist Sachsen-Jensi. Als er mit seinem sächsischen Dialekt nach Rostock gezogen ist, fiel er gleich auf und es schien so, als würde er in der neuen Umgebung zum Außenseiter. Doch Hanna und Andreas freundeten sich mit ihm an. Auch Sachsen-Jensi hat ein lockeres Mundwerk. Ständig erzählt er Witze über die DDR oder muss Lehrern gegenüber flapsig-freche Bemerkungen machen.

Vor allem für Andreas spitzt sich alles zu, so dass er die Schule verlassen muss und schließlich auf einem Jugendwerkhof landet. Die Zeit dort ist für ihn schlimm. Als er wieder nach Hause kommt, sieht er in seinem Leben keinen Sinn mehr und überlegt, ob er sich umbringen soll. Doch mit Hanna, die schließlich wegen einer unbedachten Aktion ihres unbelehrbaren Opas auch von der Schule fliegt, schmiedet er einen Plan: Sie wollen schwimmend über die Ostsee aus der DDR fliehen.

Bewertung:

Die chronologische Zusammenfassung des Buches täuscht einen ein wenig, denn „Jenseits der blauen Grenze“ ist ganz anders aufgebaut als hier dargestellt. Das Buch beginnt damit, dass Andreas und Hanna sich nachts an der Ostsee-Küste aufhalten und auf einen geeigneten Moment warten, um in der Ostsee ihre Flucht zu starten. Von da an handelt jedes zweite Kapitel davon, wie es den beiden auf der Flucht ergeht. In den Zwischenkapiteln dagegen geht es um die Zeit vorher in der DDR – in Schlaglichtern werden wichtige Stationen erzählt, die dazu geführt haben, dass Hanna und Andreas fliehen wollen.

Die Dramatik ihrer Flucht haben die beiden gründlich unterschätzt, und so stolpern sie nicht nur von einer brenzlichen Situation in die andere, sondern je länger ihre Flucht dauert, desto größer wird die Gefahr, dass sie sie nicht überleben. Gefahr droht lange von Booten der DDR-Küstenwache, später sorgen das lebensfeindliche Meer und die zur Neige gehenden Vorräte für immer bedrohlichere Situationen. Und als Andreas und Hanna in internationalen Gewässern sind, treffen sie nicht – wie erhofft – auf Boote, die sie aufnehmen können.

Die Flucht über die Ostsee ist natürlich dramatisch, aber letztendlich sind diese Kapitel der Teil des Romans, der mir schlechter als die Zwischenkapitel über das Leben in der DDR gefallen hat. Warum? Für mich wird die Flucht zu sehr in die Länge gezogen, man merkt, dass sich hier Beschreibungen und Gedanken (z. B. ans Aufgeben) wiederholen, dass der Roman etwas eintönig wird. Man mag dem entgegnen, dass das genau der Monotonie der Flucht entspricht, und ihre Gefährlichkeit wird einem gut vor Augen gehalten – aber für meinen Geschmack sind die Fluchtkapitel etwas zu ausgedehnt. Vielleicht hätte es nicht jedes zweite Kapitel sein müssen? Ich hätte mir jedenfalls einen etwas lockereren Aufbau gewünscht.

Die anfangs noch eher harmlos wirkenden Kapitel über das Leben in der DDR dagegen gewinnen mit zunehmender Lesedauer an Dramatik. Geht es zu Beginn eher um die kleinen Nickligkeiten im Alltag, so spitzt sich für Hanna, Sachsen-Jensi und vor allem Andreas alles nach und nach zu. Es bleibt nicht dabei, dass Lehrer und Schulleitung die Drei immer wieder tadeln und bestrafen, weil sie angeblich aufsässig sind und sich nicht unterordnen wollen. Hanna und Andreas wird schließlich das Abitur verwehrt, stattdessen müssen sie in Fabriken strafarbeiten, und Andreas wird schließlich zur Erziehung in einen Jugendwerkhof gesteckt.

Dass Dorit Linke alles – von den subtilen bis hin zu den schlimmen Strafen, insbesondere aber auch den Alltag in der DDR – sehr gekonnt und detailliert schildert, dürfte daran liegen, dass sie selbst in den 80er Jahren (wie Hanna & Co. in Rostock) aufgewachsen ist. „Jenseits der blauen Grenze“ ist eben kein historischer Roman, wo sich eine Autorin etwas angelesen hat, sondern ist in vielem wahrscheinlich ein nachträglicher Augenzeugenbericht. Hier kann das Buch ohne Zweifel punkten. Die Flucht über die Ostsee hat die Autorin übrigens sicher auch bewusst gewählt: Nicht, dass sie es selbst versucht hat, aber Dorit Linke war selbst Leistungs- und Rettungsschwimmerin und kennt sich von daher mit dem Thema gut aus.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. „Jenseits der blauen Grenze“ ist ein sehr authentisch wirkender Roman, der das Leben Jugendlicher in der DDR detailliert aus der Sicht Jugendlicher beschreibt. Ja, das Buch ist so etwas wie eine anschauliche Geschichtsstunde, die keine Daten rezitiert, sondern den Alltag wiedergibt. Der Teil des Romans über das Leben in der DDR ist ohne Zweifel „urst stark“ (wer wissen will, was das heißt, muss wohl in der DDR gelebt haben oder das Buch gelesen haben – auch wenn man es sich natürlich erschließen kann). Der einzige Kritikpunkt meinerseits an dem Jugendroman ist, dass die Kapitel mit der Ostseeflucht dagegen hier und da etwas zu ausgedehnt sind. Das hat immer wieder mal dazu geführt, dass die Geschichte ihren Zug verloren hat.

Dennoch seien „Jenseits der blauen Grenze” möglichst viele Leser gewünscht. Jugendliche von heute kennen das, was damals in der DDR passiert ist, nur noch aus Geschichtsbüchern (sofern sie es nicht von Eltern oder Großeltern erzählt bekommen haben), und Dorit Linkes Roman lässt für jugendliche Leser eine für viele problematische Zeit plastisch auferstehen, ohne dass man das Gefühl hat, hier doziert jemand.

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(Ulf Cronenberg, 07.05.2015)

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Lektüretipp für Lehrer!

In der Buchbesprechung war es ja schon benannt: Dorit Linkes Roman ist eine willkommene Ergänzung bei der Behandlung des Themas DDR im Geschichtsunterricht – sei es in Form eines buchvorstellenden Referats, in Auszügen, durch die die Situation Jugendlicher in der DDR verdeutlicht wird, oder als Ganzschrift. Der Charme des Buches liegt darin, dass sehr genau die kleinen Nickligkeiten des Alltags beschrieben werden. Ja, man könnte auf dem Buch sogar ein fächerübergreifendes Projekt aufbauen – mit dem Jugendroman als Baustein oder als Ausgangspunkt, von dem aus man sich mit verschiedenen politischen, gesellschaftlichen und geschichtlichen Themen mit der DDR auseinandersetzt.

Kommentare (2)

  1. Pingback: Bücher | Vienna News

  2. Zellerhoff, Rita

    Ein Buch, das sich mit der nahezu aussichtslosen Situation von zwei jungen Menschen befasst, die sich von dem unmenschlichen System der Deutschen Demokratischen Republik nicht unterkriegen lassen wollen. Dass es nur das Mädchen schafft, sich über die Ostsee aus dem totalitären System mit letzter Kraft zu befreien, ist tragisch und regt zum Nachdenken auch über die jetzigen Umstände von Flüchtenden an. Schon 2003 wurde mit Klaus Kordons Buch „Krokodil im Nacken“ von der Jugendjury ein Werk prämiert, das die Flucht aus dem Unrechtsstaat thematisiert (vgl. Zellerhoff, 2016). Dass auch in diesem Jahr mit Peer Martins Buch „Sommer unter schwarzen Flügeln“ ein Buch über die Situation von geflüchteten Menschen mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis gewürdigt wurde, lässt hoffen, dass junge Leser sich ernsthaft mit politischen Bedingungen für ein menschenwürdiges Zusammenleben befassen und nicht auf Hassprediger hereinzufallen.

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