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Buchbesprechung: Dirk Reinhardt „Train Kids“

reinhardt_trainLesealter 13+(Gerstenberg-Verlag 2015, 311 Seiten)

Es ist ein Drama, was sich jeden Tag an der Grenze zwischen Mexiko und den USA abspielt. Tausende Menschen wollen ins „gelobte Land“, um Geld zu verdienen – nur die wenigstens schaffen es, die meisten werden gefangen genommen (wenn sie nicht sogar dabei sterben) und wieder in ihr Heimatland abgeschoben. Dass dahinter nicht nur ein Tag, sondern oft eine wochen- oder monatelange Tragödie steht, zeigt Dirk Reinhardts Jugendroman. In dem Buch wird nämlich der lange und beschwerliche Weg beschrieben, wie fünf Jugendliche aus Guatemala (das südlich von Mexiko liegt) illegal in die USA kommen wollen. Kein Sachbuch, aber ein Roman, dem einige Recherchen zugrunde liegen. Aber dazu später mehr.

Inhalt:

Miguels Mutter ist schon vor vielen Jahren in die USA gegangen, um Geld zu verdienen, und hat ihren Sohn und seine jüngere Schwester Juana in Guatemala zurückgelassen. Seitdem verspricht sie, ihre beiden Kinder bald zu sich zu holen, aber nach mehreren Jahren leerer Versprechungen glaubt Miguel nicht mehr daran. So beschließt er schließlich, selbst in die USA zu fliehen, um dort seine Mutter zu suchen. Worauf er sich einlässt, weiß er nicht.

Die illegale Reise in die USA ist beschwerlich, kaum jemand kommt wirklich dort an. Jugendliche und junge Erwachsene springen verbotenerweise auf Züge auf und wollen so durch Mexiko gelangen. Schon gleich zu Beginn lernt Miguel vier weitere Jugendliche kennen, mit den er sich verbündet, um gemeinsam voranzukommen. Da ist Fernando, der schon mehrmals, aber immer vergeblich versucht hat, in die USA zu kommen; da ist Jaz, ein Mädchen, das sich mit kurzgeschorenen Haaren als Junge ausgibt; da sind außerdem Emilio und Ángel.

Die erste große Hürde, über die Grenze nach Mexiko zu kommen, bewältigen sie – doch es wird nicht einfacher. Die Züge werden immer wieder von Polizisten kontrolliert, außerdem gibt es organisierte Banden, die die Flüchtlinge ausnehmen oder sogar gefangen nehmen, um die Angehörigen zu erpressen. Mit viel Glück bleibt den Fünf einige Zeit all das erspart, doch irgendwann landen auch Miguel und Co. in den Fängen von Ganoven, weil sie zu leichtgläubig einem anderen Flüchtling geglaubt haben …

Bewertung:

Ein brisantes Thema hat Dirk Reinhardt da aufgegriffen. Er ist dafür nach Mexiko gereist und hat viele der jungen Flüchtlinge gesprochen, ihre Geschichten gesammelt und dann vieles davon in seinem Jugendroman untergebracht. Die Situation ist tragisch: Die Menschen in den Ländern südlich von Mexiko (Guatemala, Honduras, El Salvador und Nicaragua) sind größtenteils sehr arm, und ihre einzige Chance sehen sie darin, illegal in den USA zu arbeiten. So versuchen das viele Mütter, die in den USA als billige Haushaltshilfen beliebt sind, aber zurück bleiben zahllose Kinder, die dann als Jugendliche selbst nicht selten den Weg in den Norden suchen.

In seinem Nachwort schreibt Dirk Reinhardt, dass geschätzt 300.000 Menschen pro Jahr über die südliche Grenze nach Mexiko flüchten; und man geht davon aus, dass 50.000 Jugendliche ständig in Mexiko unterwegs sind und einen Versuch nach dem anderen wagen, um in die USA zu kommen – meist vergeblich. Viele sterben dabei: Sie geraten unter die Räder von Zügen, sie werden von organisierten Kartellen ausgeraubt, gefangen genommen oder getötet.

Was Dirk Reinhardt aus dem ernsten Thema gemacht hat, ist sehr gelungen. „Train Kids“ ist ein von Anfang bis zum Ende spannender Abenteuerroman, den man allerdings immer mit dem faden Geschmack im Mund liest, dass hier eine für viele Jugendliche üble Realität geschildert wird. Entziehen kann man sich der Geschichte jedenfalls nicht und fiebert von den ersten Seite an mit Miguel und seinen Freunden mit.

Natürlich kennt das Buch ein paar Zugeständnisse an jugendliche Leser – hier und da scheinen mir die fünf Freunde etwas sehr reflektiert dargestellt, dass ein Mädchen als Junge verkleidet dabei ist, ist sicher auch der Dramatik geschuldet – das Buch kennt so auch eine zarte Liebesgeschichte … Aber all diese dramaturgischen Elemente stören trotzdem in keinster Weise: weil sie bewusst und dezent gesetzt sind.

Zu den Stärken des Buchs gehört die Gruppendynamik zwischen Miguel, Fernando, Emilio, Jaz und Ángel. Fernando ist der Erfahrene, der die Reise auf den Zügen schon mehrmals gewagt hat, der den Ton angibt, immer allem kritisch gegenübersteht. Jaz dagegen ist die gute Seele, die sich wiederholt in andere einfühlt und so verhindert, dass Fernandos gnadenlose Art und Weise sich immer durchsetzt. Und zwischen diesen beiden Polen bewegen sich die anderen Drei.

Es sind viele üble Erfahrungen, die sie mitmachen: Sie werden betrogen, ausgenutzt, aber hin und wieder gibt es auch Momente, wo sie unerwarteterweise auf Hilfe stoßen – z. B. als sie vor Polizisten in eine Kirche flüchten. Ein bisschen Hoffnung gibt es also auch in dem Roman, und das ist letztendlich auch gut so. Dass die Geschichte nicht für alle gut ausgeht (was heißt das schon?), ist folgerichtig – aber mehr sei hier nicht verraten …

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Train Kids“ ist ein packendes Buch, das man Jungen wie Mädchen ab einem Alter von 13 Jahren empfehlen kann – und zwar aus literarischer Sicht, weil Dirk Reinhardt es versteht, einen gekonnten Abenteuerroman vorzulegen, zugleich aber auch Wissen über etwas, das sich unserer satten Lebenswelt entzieht, vermittelt. Mich hat „Train Kids“ wirklich begeistert. Schon nach wenigen Seiten will man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die schlimmen Erfahrungen, die Miguel & Co. machen, sind heftig, aber so dosiert, dass man sie Lesern ab 13 Jahren zumuten kann.

Dirk Reinhardts Jugendroman ist dank der durchgehenden Spannung gerade auch ein Buch, das man Lesemuffeln in die Hände legen kann. Selten gibt es eine so gekonnte Mischung aus Fiktion und Realitätsnähe – das hebt das Buch von vielen anderen Jugendromanen ab. Ich würde mir jedenfalls mehr solcher Bücher wünschen, die so bravourös auf die Missstände in der Welt aufmerksam machen …

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(Ulf Cronenberg, 20.04.2015)

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Lektüretipp für Lehrer!

Für eine Schullektüre ist „Train Kids“ recht lang, aber ich glaube, dass man mit diesem spannenden Jugendroman die meisten Schülerinnen und Schüler (bevorzugt in der 7. oder 8. Jahrgangsstufe) erreichen würde. Am besten bettet man das Ganze in ein Projekt ein. Da könnte es um die Lebenssituation von Jugendlichen in anderen Erdteilen gehen (in Kombination mit anderen Jugendbüchern), und zusammen mit dem Fach Geografie ließe sich auch einiges Wissen vermitteln.

Weitere Informationen zum Buch (darunter ein Interview mit dem Autor) sowie Unterrichtsmaterialien findet man übrigens hier auf der Seite des Gerstenberg-Verlags.

Kommentare (2)

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