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Buchbesprechung: Shane Koyczan „Bis heute“

koyczan_heuteLesealter 14+(Aladin-Verlag 2015, 72 Seiten)

Wo wir bei den letzten beiden Buchbesprechungen gerade beim Thema Mobbing waren: Bettina Obrecht hat in ihrem Jugendroman „Opferland“ sehr genau festgehalten, wie der Weg eines Mobbing-Opfers verläuft, Daniel Höra hat in „Auf dich abgesehen“ gezeigt, wie Mobbing in den Zeiten von Handys und sozialen Netzwerken aussehen kann. Der Kanadier Shane Koyczan hat dagegen einen sehr künstlerischen Zugang zu dem Thema gewählt, und letztendlich ist „Bis heute“ (übrigens von Andreas Steinhöfel übersetzt) Teil eines größeren Projekts.

Shane Koyczan ist Kanadier und war als Kind und Jugendlicher selbst Mobbingopfer, wie man im Gruß- und Nachwort zu dem dünnen Band erfahren kann. Sich selbst bezeichnet Koyczan als Spoken Word Poet, was heißen soll, dass er seine Gedichte zum Vortragen und nicht nur für Bücher schreibt. Inzwischen könnte man „To This Day“ (so heißt „Bis heute“ im Original) als groß angelegte Kunstprojekt bezeichnen, denn irgendwann hat Shane Koyczan das Sprechgedicht mit seiner Band vertont und kurz darauf sogar auf YouTube veröffentlicht (siehe Film am Ende der Besprechung) – bis dato mit fast 16 Millionen Seitenaufrufen! Hierfür haben Trickfilmkünstler aus der ganzen Welt Filmsequenzen bereitgestellt.

Für das Buchprojekt wurde etwas Ähnliches unternommen: 30 Illustratoren aus der ganzen Welt (besonders viele in Kanada und den USA, darunter aber auch eine Deutsche, ein Japaner oder ein Peruaner) haben jeweils ein paar Zeilen des Gedichts zugewiesen bekommen und dazu dann eine Doppelseite gestaltet. Was herausgekommen ist, kann man sich denken: ein bunter Reigen von höchst unterschiedlichen Illustrationsstilen, manche bunt und schrill, manche weniger aufdringlich, eher dezent, aber genauso eindrücklich. Man sieht viele aufgerissene Münder, zahlreiche traurig guckende Menschen, einsam im Schulflur stehenede Schüler einerseits, bedrohlich aufgebaute Jugendliche andererseits. Und man sieht, welche „Dämonen“ die Opfer jagen.

Doppelseite aus Shane Koyczans „Bis heute"

Doppelseite aus Shane Koyczans „Bis heute“

Auch den zugewiesenen Textausschnitt haben die Illustratorinnen und Illustratoren mit auf die Doppelseite gebracht, und auch hier ist keine Doppelseite wie die andere. Verspielte und schnörkellose Schriften wechseln ab. Einzelne Wörter werden herausgehoben, und natürlich hat sich jeder Illustrator Gedanken gemacht, wo und wie er die Schrift auf die Seiten bringt. Man sieht auch hier, dass Künstler am Werk waren …

Doppelseite aus Shane Koyczans „Bis heute"

Doppelseite aus Shane Koyczans „Bis heute“

Ja, und das Gedicht? Shane Koyczan verarbeitet darin anfangs, vermute ich mal, seinen eigenen Weg: Es wird beschrieben, wie das Lyrische Ich aufgrund eines Missverständnisses in die Klauen der (Schul-)Behörden kommt, wie die Mitschüler es nur noch „Schweinerippchen“ nennen, wie es selbst und andere Kinder geschlagen und systematisch ausgegrenzt wurden und werden – und welche seelischen Folgen das vor allem hat:

„Gebrochene Herzen tropften rote Trauer
Als wir leere Hüllen aus uns machten
Um nichts mehr zu fühlen
Und ihr sagt eine gebrochene Nase soll schlimmer sein
Als könnten Ärzte
Den Schmerz aus einem Leben schneiden
Bevor er Metastasen bildet
Denn das tut er“

Das ist natürlich ein etwas melodramatischer Ton, den Shane Koyczan hier anschlägt. Den mag man oder findet ihn übertrieben. Meine Vermutung ist auch, dass der Text allein – nicht gesprochen oder illustriert – vielleicht auch etwas zu viel des Guten wäre. Doch dadurch, dass der Gedichttext (auf die Interpunktion wird übrigens ganz verzichtet) eben für den Vortrag gedacht ist oder mit Illustrationen unterlegt wird, trägt er auch. Für mich war das Buchprojekt alles in allem stimmig – und das liegt vor allem auch daran, dass viele der Illustrationen allein schon das Anschauen und Lesen des Buchs wert sind.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Bis heute“ ist ein interessantes Buchprojekt, und während andere Jugendbücher zum Thema Mobbing den erzählerischen und damit verkopfteren Weg wählen, von den Schikanen für die Opfer zu erzählen, so stellt Shane Koyczans Buch bzw. Gesamtprojekt einen umfassenderen und ganzheitlichen Zugang zu dem Thema dar. „Bis heute“ ist damit eine gekonnte Ergänzung zu Mobbing-Romanen, ein sehr hübsch gestaltetes Buch, das gekonnt eben auch künstlerisch Furcht und Elend, das Mobbingopfern widerfährt, beschreibt.

Ich würde mir wünschen, dass einige Doppelseiten der Buchs den Weg in Schulbücher finden oder im Unterricht besprochen werden – auch wenn man sich nicht der Illusion hingeben darf, dass man daduch Mobbing in der Schule verhindern können wird. Doch thematisiert gehört das Thema in jedem Fall, was man außerdem braucht, sind engagierte Pädagogen und Psychologen, die sich des Themas annehmen. „To This Day“ in seinen vielen Facetten, also nicht nur als Buchprojekt, zeigt, dass zu viele Leute wegschauen und hilflos, gar falsch agieren, und darunter leiden nicht wenige Jugendliche (und Erwachsene). Shane Koyczans eindrückliches Buch und Projekt hilft hoffentlich, dass sich etwas tut.

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(Ulf Cronenberg, 13.04.2015) „"

(Die beiden Illustrationen wurden mir mit freundlicher Genehmigung vom Aladin-Verlag für diese Buchbesprechung zur Verfügung gestellt. Danke!)

Und hier noch das oben erwähnte Video – das Gedicht gelesen vom Autor, die Tricksequenzen von zahlreichen Künstlern aus der ganzen Welt:

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Kommentar (1)

  1. Carola Meyer

    Vielen Dank für diese Besprechung und die Verknüpfung mit dem Video! Ein tolles Projekt, das unbedingt beachtet gehört. Als ehemaliges Opfer habe ich mich zum ersten Mal wirklich verstanden gefühlt. Habe auch das Buch direkt bestellt, allerdings in der Originalfassung. Wobei es wunderbar ist, dass es eine Übersetzung gibt. Viel zu selten finden solche Projekte den Weg auf den deutschen Markt.

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