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Buchbesprechung: Ruta Sepetys „Ein Glück für immer“

sepetys_glueckLesealter 14+(Königskinder-Verlag 2014, 378 Seiten)

Gut drei Jahre war von Ruta Sepetys auf Deutsch kein neues Buch zu lesen – dabei war ihr Erstlingsroman „Und in mir der unbesiegbare Sommer“, der während des Dritten Reiches spielte, ein gelungener, aber auch gnadenloser Roman. Es ging in dem Buch um die Deportation einer litauischen Familie in ein russisches Arbeitslager und die schlimmen Zustände dort. „Ein Glück für immer“ könnte man auch als Geschichtsroman bezeichnen: Der Jugendroman spielt in den 50er Jahren in New Orleans.

Inhalt:

Josie Moraine musste sich schon von Kindesbeinen an in Selbständigkeit üben – inzwischen ist sie fast erwachsen. Ihre Mutter, die als Prostituierte ihr Geld verdient, hat sich nie richtig um sie gekümmert, so dass Josie ihr Leben selbst in die Hand nehmen musste. Als großes Glück hat das Mädchen es empfunden, dass sie von einem Schriftsteller, der mit seinem Sohn Patrick einen Buchladen führt, aufgenommen wurde und bei ihm ein Zimmer bekommen hat. Seitdem arbeitet sie immer wieder im Buchladen.

Josie ist ganz anders als ihre Mutter: Sie liebt Bücher und will rechtschaffen sein; und sie will nicht den Weg ihrer Mutter einschlagen, auch wenn sie in dem Bordell, in dem ihre Mutter anschafft, arbeitet. Jeden Vormittag räumt Josie dort auf, außerdem kümmert sie sich um Willie, die Bordellbesitzerin, eine sehr eigensinnige Frau mit Geschäftssinn. Willie scheint Josie auch vor dem Schicksal ihrer Mutter bewahren zu wollen und möchte, dass Josie aufs College geht.

Als Josies Mutter, wie schon einmal früher, mit einem Kleinkriminellen namens Cincinatti anbandelt, wird es für Josie immer unerträglicher. Ihre Mutter zeigt sich noch weniger verlässlich als sowieso schon. Als ein ehemaliger Footballspieler, der zuvor noch im Buchladen bei Josie Bücher gekauft hat, in der Silvesternacht stirbt wird, gerät Josies Mutter in Verdacht, ihn umgebracht zu haben. Und dann findet Josie die Uhr des Baseballspielers, die sie im Buchladen noch bewundert hat, im Zimmer ihrer Mutter … Josie weiß nicht, was sie tun soll.

Bewertung:

Ja, New Orleans in den 50er Jahren – das war wohl ein ganz besonderes Pflaster. Es gab die Reichen, die High Society, die aber durchaus in schmutzige Machenschaften verwickelt war, und es gab die Armen, die wie Josie im verkommenen Quarter aufgewachsen sind. „Ein Glück für immer“ (Übersetzung: Henning Ahrens) erzählt von dieser Zeit, und Ruta Sepetys entwirft ein glaubwürdiges Sittenbild dieser Jahre.

„Meine Mutter ist eine Prostituierte.“ Das ist der erste Satz des Buchs, ein gut gewählter Satz, mit dem man auch gleich in die Geschichte hineingezogen wird. Schon bald bekommt man mit, dass zwischen Josie, der Erzählerin, und ihrer Mutter Welten liegen. Während die Mutter auf einem dünnen Grat wandert, von Glamour und Ruhm träumt und dabei nicht merkt, wie schäbig sie ist, hat Josie ihr Herz auf dem richtigen Fleck, will ehrlich und verlässlich sein.

Gepackt hat mich Ruta Sepetys’ neuer Roman von der ersten Seite an, und das liegt daran, dass die Autorin mit ihrer jugendlichen Erzählerin eine ganz besondere Hauptfigur geschaffen hat. Es ist der Ton, der dieses Buch durchweht, der mich beeindruckt hat. Josie kennt eine große Bandbreite an Gefühlen: von Abscheu und Widerwillen gegen die Machenschaften ihrer Mutter, über Zuneigung und Liebe für Charlie, den Buchladenbesitzer, und seinen Sohn, bis hin zu Zweifeln und Orientierungslosigkeit. Angesichts ihrer Lebensumstände weiß Josie oft nicht, was sie machen, wie sie sich verhalten soll, und trifft dabei hier und da falsche, folgenreiche Entscheidungen.

Doch es ist nicht nur die Hauptfigur, die dieses Buch ausmacht – der Roman ist bevölkert von vielen eindrucksvollen Persönlichkeiten: Da gibt es Willie, die Bordellbesitzerin, eine oft raubeinige Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt, die aber – warum auch immer – zugleich eine schützende Hand über Josie hält. Da gibt es Cookie, den Fahrer Willies, bei dem Josie sich immer gut aufgehoben und wohl fühlt. Und da gibt es Jesse, einen jungen Mann, der stets zu Josie hält, auch wenn sie es ihm nicht gerade leicht macht.

Als nach nicht einmal 50 Seiten Forrest Hearne, ein wohlhabender ehemaliger Footballspieler, tot ist, ahnt man, dass „Ein Glück für immer“ zu einem Kriminalroman werden könnte. Ein reißerischer Krimi wird Ruta Sepetys’ Buch jedoch nicht, auch wenn der Tod von Forrest Hearne immer wieder ein Rolle spielt. Nein, es geht eher darum, welche Folgen der Tod Hearnes für Josie hat, wie sie dadurch in etwas hineingezogen wird, das ihre eigenen Kräfte übersteigt, dem sie ausgeliefert ist. Der Spannungsbogen des Romans ist dennoch das, was mich vielleicht am ehesten an dem Buch gestört hat: In der Mitte war mir das Buch ein wenig zu weitschweifig, der Roman tritt etwas auf der Stelle. Doch das verliert sich irgendwann wieder …

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. „Ein Glück für immer“ ist ein stimmungsvoller, ein gelungener Jugendroman, mit dem man in eine andere Welt abtauchen kann: ins New Orleans der 50er Jahre, in dem das Leben alles andere als ein Zuckerschlecken ist. Alles in allem hat mich Ruta Sepetys’ Roman gefesselt – lediglich in der Mitte hätte Ruta Sepetys vielleicht auf 50 Seiten verzichten können. Doch angesichts der guten Figurenzeichnung kann man das dem Buch verzeihen.

Ruta Sepetys‘ Roman handelt davon, wie ein Mädchen sich aus den widrigen Umständen, in denen es aufwächst, befreien will und erlebt, wie schwer das ist. Es ist ein Buch über schwer erfüllbare Träume, für deren Verwirklichung man hart arbeiten muss. Als Tochter einer Prostituierten hat Josie es nicht leicht, ihr Ursprungsmilieu hinter sich zu lassen. Ihre Beharrlichkeit, es weiterhin zu versuchen (darum kommt man als Leser nicht umhin), muss man bewundern.

Wenn man mich fragen würde: „Ein Glück für immer“ ist wohl eher ein Buch für Mädchen – der weiblichen Hauptfigur wegen. Aber auch Jungen und Erwachsene könnten das Buch mögen …

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(Ulf Cronenberg, 25.04.2015)

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