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Buchbesprechung: Pacale Maret „Mich kriegt ihr nicht“

maret_kriegtLesealter 12+(Mixtvision-Verlag 2014, 219 Seiten)

„[…] basierend auf dem wahren Leben des Colton Harris-Moore.“ Dass ein Buch oder Film auf einer wahren beruht, ist ein beliebtes Prädikat. Ob das dann auch die besten Filme oder Bücher sind? Die Französin Pascale Maret reist viel in der Welt herum und schreibt gerne Abenteuerromane, die an Orten spielen, die sie besucht hat. Zu „Mich kriegt ihr nicht“ angeregt wurde die Autorin durch zahlreiche Artikel über einen berühmten jugendlichen Dieb, der lange Zeit im Staate Washington (USA) sein Unwesen getrieben hat. Die Personen im Buch sind im Gegensatz zur Hauptfigur jedoch frei erfunden, wie die Autorin im Nachwort betont.

Inhalt:

Harrison Travis sitzt im Gefängnis, und weil er mit seinen Beutezügen große Aufmerksamkeit bekommen hat, gibt es einige Interessenten, die seine Lebensgeschichte gerne aufgeschrieben sähen. Harrison vermutet jedoch, dass dahinter seine Mutter steckt, die das Geld für seine Lebensgeschichte gut gebrauchen könnte. Da er sich im Gefängnis langweilt, beschließt er, selbst seine Geschichte zu erzählen, bevor dies jemand anderes tut, der es mit der Wahrheit vielleicht nicht so genau nimmt.

Dass er sich als Dieb und Gauner schon als junger Jugendlicher durchs Leben schlagen musste, hat seinen Grund: Harrisons Mutter ist eine Alkoholikerin, die sich mit schlechten Männern umgibt und die sich so gut wie gar nicht um ihren Sohn kümmert. Weil Harrison immer wieder die Schnauze von seiner Mutter voll hat, haut er oft ab und schlägt sich alleine durchs Leben. Doch dazu muss er in Ferienhäuser einbrechen, in denen er teilweise wochenlang lebt, er lässt Dinge der Hausbesitzer mitgehen, stiehlt auch sonst in Geschäften alles, was er zum Lebensunterhalt braucht. Doch die Polizei ist ihm immer wieder auf der Spur, und oft muss er sich lange Zeit im Wald verstecken.

Harrisons großer Traum ist es zu fliegen. Auf Computern und Konsolen in den Ferienhäusern übt er auf Flugsimulatoren, doch irgendwann reicht ihm das nicht mehr aus. So beginnt er Flugplätze zu beobachten, und irgendwann ist sein Drang so groß, dass er sich eine kleine Cessna schnappt und damit eine Runde dreht … Der Start klappt vergleichsweise gut, doch beim Landen geht einiges schief, so dass er das Flugzeug schrottet. Zum Glück entkommt er nur leicht verletzt – doch durch diese Aktion gerät er endgültig ins Visier der Polizei. Dennoch, auch bei späterer Gelegenheit kann er die Finger nicht vom Fliegen lassen …

Bewertung:

„Mich kriegt ihr nicht“ (Übersetzung: Anna Taube) handelt von einem verwahrlosten Jungen, der auf die schiefe Bahn gerät – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ihm angesichts seiner Lebensumstände nichts anderes übrig bleibt. Seine Geschichte erzählt Harrison rückblickend selbst, als er mit 19 Jahren im Gefängnis sitzt, und Pacale Maret bemüht sich, alles authentisch erscheinen zu lassen. Das gelingt ihr auch ziemlich gut: Die Sprache des Buchs ist eher einfach gehalten, Harrison reflektiert das, was er anstellt, so, wie das ein junger Mann ohne Bildungshintergrund tun würde.

Man könnte „Mich kriegt ihr nicht“ fast einen modernen Flegelroman nennen: Harrison muss sich mit Tricks und Gaunereien durchs Leben schlagen, will zugleich aber wenigstens seinen einen großen Traum verwirklichen: das Fliegen. Übelnehmen kann man Harrison das alles nicht – auch weil er bei seiner Geschichte nichts beschönigt und sich zugleich gegen Mitleid angesichts seiner Lebensumstände verwehrt. Man spürt, dass er eigentlich ein netter Kerl ist, der niemandem etwas Böses will, der aber in üblen Umständen aufwächst und aus Not zum Dieb geworden ist.

Die Schwäche des Buchs ist am ehesten, dass es eine gewisse Gleichförmigkeit besitzt – zu viele Begebenheiten wiederholen sich. Das gilt nicht nur für die zahlreichen Flugversuche von Harrison, sondern auch für die Flucht vor der Polizei, die regelmäßige Rückkehr zu seiner Mutter oder das Leben in der Wildnis bzw. in fremden Ferienhäusern. Man hat den Eindruck, alles passiert mehrmals unter nur leicht geänderten Vorzeichen. Eine Episode immerhin, die meiner Meinung nach beste des Buchs, sticht da jedoch hervor: als Harrison von Jim, einem alten Indianer, dessen Kinder bereits aus dem Haus sind, für mehrere Monate aufgenommen wird. Harrison lernt hier, dass es auch ein geordnetes Leben geben, dass man sich umeinander kümmern kann.

Dennoch fehlt dem Buch alles in allem ein ansteigender Spannungsbogen. Die Rahmenhandlung, die in Bezug auf die Glaubwürdigkeit der Geschichte eine wichtige Rolle spielt und bei der es darum geht, dass Harrison im Gefängnis auf sein Leben zurückblickt, ist da zugleich eine Hypothek: denn als Leser kennt man das Ende der Geschichte von Anfang an.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Mich kriegt ihr nicht“ ist ein Abenteuerroman und gehört damit zu einer Jugendroman-Gattung, bei der man derzeit nicht gerade oft bedient wird. Der große Pluspunkt des Buchs ist, dass es sehr authentisch erzählt ist, als hätte Colton Harris-Moore (alias Harrison Travis) selbst zur Feder gegriffen. Der Jugendroman wird in kleinen Episoden von vier bis fünfzehn Seiten erzählt, die immer eine besondere Begebenheit oder einen Lebensabschnitt von Harrison thematisieren und lässt sich gut in kleineren Abschnitten lesen.

Die Gaunereien von Harrison haben etwas Spitzbübisch-Sympathisches, nie geht es um Gewalt, sondern Harrison klaut, um zu überleben oder um seinen einen Traum zu leben. Trotz all der Dinge, die der Junge anstellt, mag man ihn. Die einzige Schwäche des Romans wurde oben schon benannt: Die Gleichförmigkeit der Erlebnisse führt dazu, dass man nicht unbedingt immer zum Weiterlesen angehalten wird; das Buch plätschert ab und zu ein wenig dahin. Doch ansonsten ist „Mich kriegt ihr nicht“ ein Abenteuerbuch, das durchaus zu gefallen weiß.

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(Ulf Cronenberg, 18.01.2015)

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Kommentar (1)

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