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Buchbesprechung: Harald Rosenløw Eeg „Aber raus bist du noch lange nicht“

eeg_rausLesealter 14+(Gerstenberg-Verlag 2014, 271 Seiten)

Skandinavische Autoren waren vor 20 bis 30 Jahren so etwas wie die Vorreiter in der Jugendliteratur – man denke nur an Autoren wie Peter Pohl oder Mats Wahl, beide aus Schweden. Sie veröffentlichen noch immer Kinder- und Jugendromane, aber dass sie damit so viel Aufsehen wie früher erregen und Aufbruchstimmung verbreiten, kann man nicht sagen. 1970 geboren, kann man den Norweger Harald Rosenløw Eeg nicht unbedingt als Nachwuchsautoren bezeichnen, aber er ist einer der Autoren, der in den letzten Jahren etwas frischen Wind aus Skandinavien nach Deutschland gebracht hat. Sein neuester Roman heißt „Aber raus bist du noch lange nicht“ und ist laut Untertitel ein Thriller.

Inhalt:

Fünf Jugendliche in Oslo, die sich aus der Schule, allerdings eher oberflächlich und flüchtig, kennen, obwohl sie in die gleiche Klasse gehen. Jeder hat sein eigenes Ding laufen: Sherpa ist Kurier bei zweifelhaften Machenschaften – und auch wenn er selbst nicht genau weiß, was er da im Auftrag seines großen Bruder immer abliefert, so liegt die Vermutung nahe, dass es meist Drogen sind. Anjo hat sich in einen muslimischen Jungen verliebt und liest seitdem regelmäßig im Koran, worüber sich ihre Eltern empören. Bruno hat schon lange ein Auge auf Anjo geworfen, scheint aber nicht gut bei dem Mädchen anzukommen. Ida ist für alle anderen eine Streberin und leidet unter Zwangsvorstellungen. Und schließlich ist da noch Albert, der Sohn der Ministerpräsidentin, ein arroganter Junge, der niemanden an sich herankommen lässt.

Als die Klasse vorhat, an einem Schultag – ausgerechnet Anjos Geburtstag – eine Moschee zu besuchen, will Bruno Anjo durch ein Geburstags-Graffiti, das er nachts in der U-Bahn-Station gesprüht hat, beeindrucken. Doch Anjo scheint nicht rechtzeitig da zu sein … Und als sie schließlich kommt, bemerkt sie nichts von dem Graffiti. Dass Sherpa schließlich überhaupt auch in der U-Bahn sitzt, mit der die Klasse fährt, ist Zufall. Eigentlich schwänzt er die Schule, doch der Auftraggeber seiner Lieferung hat darauf bestanden, dass Sherpa die U-Bahn nimmt. Und so sind die fünf Jugendlichen in der U-Bahn versammelt, als darin eine Bombe hochgeht.

Alle fünf Jugendlichen überleben den Anschlag, allerdings zum Teil schwer verletzt. Im Dunkeln warten sie auf die Rettungskräfte – doch das zieht sich hin, und so treten zunehmend Konflikte zwischen Sherpa, Anjo, Ida, Bruno und Albert, deren Nerven blank liegen, auf.

Bewertung:

Ein eigenwilliges Buch ist Harald Rosenløw Eegs Roman „Aber raus bist du noch lange nicht“ (Übersetzung: Christel Hildebrandt) auf jeden Fall. Was oben in der Inhaltszusammenfassung vielleicht etwas seltsam klingt, dass ausgerechnet die fünf Figuren das Attentat überleben, ist darauf zurückzuführen, dass Harald Rosenløw Eeg für sein Buch die fünf Figuren ins Zentrum stellt, die später in der U-Bahn nach dem Anschlag zusammengeführt werden. Bevor die Fünf aufeinandertreffen, erfährt man über jeden von ihnen in zwei oder drei Kapiteln etwas über ihr Leben.

Raffiniert ist das gemacht, und wie man dann, als sich die psychodynamische Situation in der U-Bahn zuspitzt, nach und nach erfährt, welche Charaktere die fünf Jugendlichen haben, welche gemeinsamen, nicht immer positiven Vorerfahrungen sie miteinander haben, hat mir wirklich gut gefallen. Nachdem die Bombe hochgegangen ist, entwickelt sich das Buch tatsächlich zu einem Thriller, der geschickt die Handlungs- und Figurenebene verschränkt.

In der Krisensituation schenken die Fünf sich nichts. Es ist vor allem Albert, der manchen Konflikt anheizt, außerdem vermuten die andere schon bald, dass die Bombe in einer Tasche, die Sherpa dabei gehabt hat, gewesen sein könnte. Selbst diesen Teil des Romans unterbricht Harald Rosenløw Eeg immer wieder durch Rückblenden, in denen man etwas über die Figuren erfährt – z. B. dass Ida und Sherpa deutlich mehr verbindet, als man vorher wusste und ahnte. Was so klingt, als könnte durch die Rückblenden Tempo aus dem Geschehen genommen werden, hat jedoch anderes zur Folge: Durch die neuen Informationen über die Jugendlichen, die eingestreut werden, verdichtet sich Stück für Stück das Netz der Figurenkonstellation – und damit auch die Dramatik der Geschichte. Gekonnt gemacht.

Allerdings kippt in dem Buch dann auf der Zielgeraden etwas – und ich verstehe nach wie vor nicht so ganz, was Harald Rosenløw Eeg da angetrieben hat. Sherpa & Co. werden nach längerem Bangen von Leuten geborgen, doch schon bald stellt sich heraus, dass das unmöglich offizielle Rettungskräfte sein können … Es bleibt im Dunkeln, warum die vermeintlichen Rettungskräfte die Fünf aus der U-Bahn befreien und mitnehmen, aber auch wer die „Befreier“ eigentlich sind – und das ändert sich leider bis zum Ende des Buchs nicht. Gefragt habe ich mich außerdem, warum eigentlich so lange nach der Bombe kein einziger Polizist, kein Sanitäter oder irgendeine offizielle Spezialeinheit auftauchen.

Als Leser wartet man letztendlich eben doch auf eine Auflösung: Man nähert sich dem Ende des Buchs, sieht die verbleibenden Seiten immer weniger werden, aber nichts passiert, was einem Aufschluss geben könnte. Stattdessen passieren im U-Bahn-Tunnel seltsame und mysteriöse Dinge, die ich nicht einordnen konnte, die mir auf doppelter Ebene ein Rätsel geblieben sind: Was war das nun eigentlich, was da passiert ist? Und warum hat Harald Rosenløw Eeg diesen Weg gewählt, das Buch zu Ende zu führen? Ich habe es nicht verstanden … Und das ist schade, denn das vorher so raffiniert angelegte, so gut geschriebene Buch mag da gar nicht zu überzeugen.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Harald Rosenløw Eegs „Aber raus bist du noch lange nicht“ ist ein durchdachter und ausgeklügelter Thriller, der seine Spannung langsam aufbaut, indem anhand von fünf Figuren fünf Erzählfäden, die dann geschickt zusammengeführt werden, ausgelegt werden. Als später in der U-Bahn die Bombe hochgegangen ist, wird das Buch richtig spannend, und die Gruppendynamik zwischen Sherpa, Albert, Bruno, Anjo und Ida im U-Bahn-Wagen verfeinert die Handlungsebene gekonnt mit Psychothriller-Elementen.

Mir hat „Aber raus bist du noch lange nicht“ richtig gut gefallen … – bis ich zu den letzten 50 Seiten gekommen bin, die ich mehr als unbefriedigend fand. Was mich gestört hat, habe ich weiter oben schon in vielem beschrieben. Warum hat Harald Rosenløw Eeg hier auf einmal die realistische Ebene verlassen und warum ist er in mystische Fahrwasser gewechselt, wo nicht aufgeklärt wird, welche seltsamen Leute die fünf Jugendlichen aus der U-Bahn retten? Mich hat es ratlos zurückgelassen, dass man am Ende nicht erfährt, wer der mysteriöse Schlangenmann und die „Befreier“ sind. Mit dem Ende habe ich ziemlich gehadert, denn ansonsten wäre „Aber raus bist du noch lange nicht“ ein 5-Punkte-Buch gewesen …

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(Ulf Cronenberg, 12.01.2015)

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