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Buchbesprechung: Jesse Browner „Alles geschieht heute"

browner_heuteLesealter 16+(Verlag Freies Geistesleben 2014, 249 Seiten)

„Alles geschieht heute“ ist nicht Jesse Browners erstes Buch, aber – wenn ich richtig recherchiert habe – sein erster Roman, der auf Deutsch erschienen ist. Das Buch des in New York lebenden Autors ist eine Art Kammerspiel-Roman, denn die Handlung vollzieht sich an einem einzigen Tag, an dem die Hauptfigur in eine große Lebenskrise gerät – und die will natürlich bewältigt werden. Ja, ein eigenwilliges Buch, ein nicht gerade zugängliches zudem – aber davon gleich mehr …

Inhalt:

Wes kehrt spät nachts nach Hause zurück und kann selbst nicht fassen, was er getan hat: Statt mit der seit einem Jahr angehimmelten Delia eine Beziehung zu beginnen, hat er sich in der Nacht auf einer Party von einem anderen Mädchen verführen lassen und damit seine Ideale verraten. Dass das Mädchen ausgerechnet Lucy ist, ein Mädchen, das im Ruf steht, schon mit vielen Jungen etwas gehabt zu haben, macht alles nicht leichter. Wes fragt sich, wie ihm das passieren konnte, zumal Delia auch auf der Party war.

Das erste Mal mit einem Mädchen zu schlafen, hat sich Wes jedenfalls anders vorgestellt, und so steht er erst mal vor der heimatlichen Haustür und lässt seinen Tränen freien Lauf. Doch der Tag geht weiter, und Wes kommt nicht darum herum, die Nacht immer wieder an seinen Augen vorbeiziehen zu lassen.

Allerdings gibt es verdammt viel anderes zu tun. Eine Literatur-Hausarbeit muss bis zum übermorgigen Tag völlig neu geschrieben werden, seine kleine Schwester Nora möchte etwas mit ihm unternehmen, und schließlich ist da noch Wes’ Mutter, die Multiple Sklerose hat und versorgt werden muss, weil sein Vater sich nicht darum kümmert und nur in seiner eigenen erbärmlichen Welt lebt. Übermüdet ist Wes zudem völlig …

Bewertung:

„Alles geschieht heute“ (Übersetzung: Anne Brauner) ist kein Buch, das es seinem Leser leicht macht, und so wird diesem Buch wohl nicht jeder etwas abgewinnen können. Das Szenario an sich hat mir persönlich jedoch von Anfang an gefallen: dass Wes nach Hause kommt und sich fragt, warum er „seine Unschuld“ ausgerechnet an Lucy, in die er gar nicht verliebt war, verloren hat. Seit einem Jahr schwärmt Wes eigentlich für Delia, ein reifes und intellektuelles Mädchen: Buddhistin, integer und ein ganz besonderer Mensch. Allerdings war und ist Wes sich nicht sicher, ob Delia seine Gefühle erwidert …

Was Jesse Browners Buch nicht gerade zur leichten Lektüre macht, sind nicht nur dessen immer wieder komplizierten Sätze und Gedankengänge, es sind darüber hinaus die vielen Bezüge, die in dem Buch stecken. Wes setzt sich u. a. mit Figuren aus „Krieg und Frieden“, Tolstois über 1000 Seiten dicken Wälzer, und dessen Figuren auseinander, er philosophiert über das Leben und stellt vieles infrage. Wes‘ intellektuelle Gedankengänge sind nicht ganz ohne und werden manchen Leser abschrecken.

Was genau an dem Party-Abend passiert ist, wird zudem nur scheibchenweise berichtet – immer wieder unterbrochen von dem, was Wes gerade denkt oder tut. Selbst das Kochen, eine von Wes‘ Aufgaben in der Familie, ist für ihn Anlass über Menschen und das Leben nachzudenken. Doch auch wenn das alles ziemlich anspruchsvoll wirkt: Der Roman über einen entscheidenden Tag in Wes’ Leben hat mich nach anfänglichen Mühen, hineinzukommen, irgendwann so richtig gepackt: weil die Gedankengänge darin recht eindrücklich zeigen, wie ein Jugendlicher, der sich mit seiner Umwelt auseinandersetzt, seinen eigenen Weg sucht.

Für Wes ist dieser Tag, so könnte man das zusammenfassen, fast so etwas wie das Schmoren in der Vorhölle – ein Tag, nach dem nichts mehr so ist, wie es vorher war. Und dennoch: Im Laufe der 24 Stunden passiert auch so einiges, was Wes eine neue Orientierung gibt. Er stellt manches, was bisher sein Leben ausgemacht hat, infrage – darunter sein Schwärmen für Delia. Schuld daran ist Lucy, die später im Buch nicht nur als Erinnerung, sondern als erneut auftretende Figur eine Rolle spielt … Mehr sei hier aber nicht verraten.

Neben Delia und Lucy spielen, abgesehen von Wes’ Mutter, zwei weitere Figuren eine wichtige Rolle: Für seine kleine Schwester Nora empfindet Wes eine große Liebe, die jedoch hauptsächlich von Sorge geprägt ist. Wes fragt sich, wie es der 13-Jährigen später gehen wird, welche schlimmen Erfahrungen sie machen wird, ob er sie davor bewahren kann … Einen Negativspiegel hält ihm dagegen sein Vater vor, der vor vielen Jahren einen Roman veröffentlicht hat, seitdem jedoch eher ein gescheitertes Leben als Dozent für Kreatives Schreiben führt: Seine Ehe hat er schon lange aufgegeben, im Gartenhäuschen verführt er Studentinnen, und um seine Frau kümmern sich Wes und Nora, nicht er. Beide, Schwester und Vater, stehen letztendlich zugleich auch für Persönlichkeitsanteile in Wes: das unschuldige Kind, der gescheiterte Erwachsene – durch die Nacht, das befürchtet Wes, hat er sich selbst von dem einen in den anderen verwandelt.

Nur noch am Rande: Dass Delia und Lucy diese Namen tragen, ist sicher kein Zufall. „Delia“ ist ein anderer Name für die Göttin Artemis, die dafür bekannt war, ihre Jungfräulichkeit aufzubewahren, so wie Delia Wes lange auf Distanz hält. Und bei Lucy muss man einerseits an Luzifer denken, andererseits an etwas, das Licht bringt. Genau das spiegelt Lucys Entwicklung in dem Buch wider: vom angeblich männerverführenden Vamp zur heilbringenden Figur.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Ja, man kann „Alles geschieht heute“ einiges vorwerfen: Dass das Buch manchmal weitschweifig ist, dass es mit seinem assoziativen Schreibstil, der abzubilden versucht, was in Wes vorgeht, und sich nicht stringent an der Handlung orientiert, durchaus anstrengend ist. Dennoch hat mich Jesse Browners Roman alles in allem überzeugt. Selten liest man so auf die Spitze getrieben, so intensiv darüber, wie etwas, in das ein Jugendlicher hineingestolpert ist, dazu führt, dass die bisherigen Lebensmauern abgerissen werden und danach wieder neu aufgebaut werden müssen.

Wes ist eine empfindsame Figur, eine Person, die man seiner radikal ehrlichen Ansichten und Zweifel wegen ins Herz schließt, der mit sich und der Welt ringt, der intellektuell zu begreifen versucht, was um ihn herum und in ihm selbst geschieht. Aber auch die anderen Figuren in dem Buch sind gut gezeichnet: Wes’ desillusionierter Vater, seine Schwester, eine gute Seele, und schließlich sogar Lucy, die anfangs fast als Schlampe gehandelt wird, sich später als deutlich integrer erweist, als man das vermutet hat.

„Alles geschieht heute“ ist kein Buch, das man allen Lesern empfehlen kann, aber ein Buch, das man nachdrücklich Lesern (ab 16 Jahren, würde ich sagen) in die Hände legen kann, die wie Wes auf der Suche nach ihrer eigenen Rolle im Leben sind und es sich selbst nicht immer leicht machen. Ein eloquentes wie intelligentes Buch zum Mehrfachlesen.

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(Ulf Cronenberg, 04.12.2014) „"

P. S.: Ein interessantes Kurzinterview mit Jesse Browner über „Das geschieht heute“ findet ihr auf Ulrike Schimmings Letteraturen-Webseite. Darüber bin ich übrigens auch zu dem Buch gekommen …

P. P. S.: „Seine Unschuld verlieren“: Wer sich über die Anführungszeichen in der Buchbesprechung wundert. Ja, das ist eine schöne antiquierte Redewendung, aber irgendwie steht das auch für eine alte Moral … Das konnte ich nicht schreiben, ohne auch eine gewisse Distanz erkennen zu lassen …

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Kommentare (2)

  1. ulrike

    Danke fürs Verlinken auf das Interview von Tabea Brauner! Gruß Ulrike

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg

      Gern geschehen … Der Dank geht zurück für den Hinweis auf dieses Buch!

      Antworten

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