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Buchbesprechung: Susan Kreller „Schneeriese“

kreller_schneerieseLesealter 13+(Carlsen-Verlag 2014, 206 Seiten)

Elefanten sieht man nicht“, der erste Jugendroman von Susan Kreller, war ein einfühlsames Buch über familiäre Gewalt, das aus der Sicht eines Mädchens erzählt ist. Nun liegt ein zweiter Jugendroman der in Bielefeld lebenden Autorin vor: „Schneeriese“. Es geht diesmal um einen Jungen, der erleben muss, wie das Mädchen, in das er verliebt ist, eine Beziehung mit einem anderen Jungen beginnt …

Inhalt:

Adrian ist 14 Jahre alt und für sein Alter mit 1,94 Metern ungewöhnlich groß. Seine Mutter will ihn dazu bringen, sich einer Hormontherapie zu unterziehen, um sein Wachstum zu stoppen – doch Adrian will das nicht. Mit Stella, der gleichaltrigen Nachbarstochter verbindet ihn seit vielen Jahren eine innige Freundschaft, seit langem verbringen sie viel Zeit auf einer Hollywood-Schaukel – oft von Miss Elderly, Stellas Großmutter, die in Stellas Familie lebt, umgeben.

In den letzten beiden Jahren hat sich zwischen Adrian und Stella jedoch etwas verändert: Ohne es sich richtig einzugestehen, hat Adrian sich in Stella verliebt … Doch ausgesprochen wurde das bisher nicht, und Adrian ist zu schüchtern und hat Angst, dass Stella seine Liebe nicht erwidern könnte.

Als im Nachbarhaus – das den furchteinflößenden Namen „Dreitotenhaus“ trägt – in einer Nacht-und-Neben-Aktion eine Familie einzieht, nimmt das Schicksal seinen Lauf: Stella und Adrian vermuten zunächst, dass hier eine Familie einzieht, die eine Leiche in das Haus schafft, und beschließen, der Sache auf den Grund zu gehen. Doch dann lernen sie die Familie, die aus Georgien geflohen ist, kennen. Während für Adrian die Familie weiterhin rätselhaft bleibt, freundet sich Stella schon bald mit dem Sohn der Familie namens Dato an.

Adrian spürt, dass das zwischen Stella und Dato mehr als nur eine Freundschaft ist – und das zieht ihm den Boden unter den Füßen weg. Er zieht sich völlig von Stella zurück und beginnt an sich zu zweifeln. Zu gar nichts mehr hat er Lust und gerät in eine große Krise, bei der er in einer Winternacht fast sein Leben verliert …

Bewertung:

Susan Kreller hat schon mit „Elefanten sieht man nicht“ bewiesen, dass sie einfühlsame Geschichten mit poetischer Sprachgewalt schreiben kann – Stärken, die auch das neue Buch auszeichnen. So hat mich die Geschichte um Adrian und Stella auch von den ersten Seiten an in den Bann gezogen. Die Geschichte beginnt sehr gefühlsintensiv, und man spürt das Knistern zwischen Adrian und Stella, wobei es mehr – und das bewahrheitet sich später – von Adrian auszugehen scheint.

Sprachlich ist „Schneeriese“ ein im positiven Sinn eigenwilliges Buch, das sehr ausgefeilt und sprachbewusst geschrieben ist. Man trifft immer wieder auf Formulierungen, die etwas ganz Besonderes sind und für die man Susan Kreller bewundern muss. Die Weihnachtszeit wird, um daraus nur einen Satz zu zitieren, z. B. auf Seite 107 so beschrieben:

Leute aus dem Ort schickten Glühweineinladungen an Adrians Eltern, und von den ärgsten Wackelkontakten aus dem Adressbuch kamen auf einmal feierliche Freundschaftsbekundungen.

Ja, „Wackelkontakte“ – ist das nicht eine herrliche Formulierung, bei der einem bekannten Wort eine neue Bedeutung gegeben wird? Ähnlich gut be- und geschriebene Stellen findet man in dem Buch zuhauf.

Was Susan Kreller auch gut gelingt, ist, die zunehmende Not, die Adrian fühlt, zu beschreiben. Als Stella immer mehr Zeit mit Dato verbringt, spürt man, wie Adrian das in seinem ganzen Wesen beeinträchtigt. Was er vorher gut akzeptieren konnte, seine ungewöhnliche Körpergröße, weil er sich geliebt und von Stella angenommen gefühlt hat, beginnt auf einmal ein Makel für ihn zu werden: Adrian glaubt, dass unter anderem seine Größe damit zu tun hat, dass Stella sich dem viel kleineren Dato zuwendet. Irgendwann ging mir die Schau in die beschädigte Seele Adrians allerdings mal kurz ein bisschen zu weit – in der Mitte wird das Buch für meine Begriffe ein wenig zu weitschweifig.

Dass Adrian infolge fast in eine Art Selbstmordsituation hineinkommt (ja, ich beschreibe das bewusst so), ist eine logische Folge aus Adrians Krise, die jedoch zugleich auch im Buch einiges verändert. Es geht nun darum, wie Adrian langsam wieder Tritt im Leben fasst – dazu benötigt er allerlei Helfer: Seine Familie und die wunderbar schrullige Miss Elderly, eine sperrige, aber tolle Figur, spielen hier die Hauptrollen.

Am Ende schlägt das Buch einen weiteren Haken, den ich so nicht erwartet habe. Die Geschichte kommt auf das Geheimnis des Dreitotenhauses – im Buch lange nicht mehr angesprochen – zurück: Adrian entdeckt durch Zufall, dass die georgische Familie keine Leiche im Keller hat, aber ein anderes Geheimnis hütet. Ich war von dieser Wendung erst mal überrascht, ja, sie hat mich anfangs etwas gestört – aber schließlich rundet das, was Adrian im Dreitotenhaus erlebt, das Heilwerden von Adrian ab.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. „Schneeriese“ ist ein literarisches, ein poetisch geschriebenes Buch, in dessen Geschichte viele wiederkehrende Motive (darunter insbesondere das Schnee- und Riesenmotiv, die ja auch den Titel bilden) eingearbeitet sind. Auch die Figuren werden gut gezeichnet und als Leser kommt man nicht umhin, Adrian und Miss Elderly zu mögen, erlebt aber auch bei anderen Figuren (darunter Stella) ein gewisses Hin und Her in Bezug auf die Sympathie.

Die Geschichte von „Schneeriese“ hat viele Stärken – aber ab und zu war mir das Buch thematisch ein bisschen zu inkonsequent: Das Buch beinhaltet Momente von Schauergeschichten, es ist eine tragische Liebesgeschichte und zugleich ein Entwicklungsroman, in dem ein Junge eine Krise zu bewältigen versucht, außerdem erzählt es zudem noch von den Nöten von Flüchtlingen. Das mag man natürlich so zusammenfügen, aber die Geschichte verliert z. B. die Schauerelemente in der Mitte lange aus dem Blick.

Auch wenn mir außerdem die Innenschau von Adrian in der Mitte des Buch ein wenig zu ausführlich betrieben wurde (nur am Rande: hier hätten die wiederaufgegriffenen Schauerelemente ja vielleicht die Geschichte etwas vorangetrieben): „Schneeriese“ ist alles in allem ein gelungenes Buch, das mit etwas mehr erzählerischer Dichte vielleicht noch ein wenig mehr Magie versprühen hätte können. Aber das sind kleine Kritikpunkte eines mäkeligen Lesers, die nicht aussagen sollen, dass Susan Kreller da kein gutes Buch geschrieben hat. Nur, „Elefanten sieht man nicht“ war für meinen Geschmack noch ein wenig stimmiger.

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(Ulf Cronenberg, 06.11.2014)

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Kommentare (2)

  1. Pingback: „And the winner is …“ – Bericht von der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2015 | Jugendbuchtipps.de

  2. Max Andersmann

    Meiner Meinung nach ist das Buch sehr gut und hat das erfüllt, was mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis versprochen wurde. Es hat nicht umsonst die Auszeichnung für das beste Jugendbuch 2015 bekommen. Ich stimme der Bewertung oben völlig zu. Ich empfehle jedem im Alter zwischen 12 und 16 Jahren das Buch.
    Viel Spaß beim Lesen.

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