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Buchbesprechung: Christoph Wortberg „Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“

wortberg_ernstLesealter 14+(Beltz & Gelberg-Verlag 2014, 190 Seiten)

Ein stilvolles Cover, ein lustiger Titel, ein ernstes Buch. Lange habe ich darauf gewartet, dass Christoph Wortberg, dessen letztes Jugendbuch „Dieser eine Moment“ mir gut gefallen hat, einen neuen Jugendroman veröffentlicht. Vier Jahre nach dem letzten Buch ist nun „Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“ bei Beltz & Gelberg erschienen. Christoph Wortberg hat den Verlag gewechselt. Ob das der Grund für die lange Veröffentlichungspause war? Keine Ahnung …

Inhalt:

Lenny ist 16 Jahre alt, sein zwei Jahre älterer Bruder Jakob liegt im Krankenhaus im Koma und wird künstlich am Leben gehalten. Die Ärzte haben keine Hoffnung mehr, dass Jakob gesund wird, und so beschließt die Familie, dass bei Jakob die lebenserhaltenden Geräte abgeschaltet werden sollen. Ein schlimmer Moment ist das, bei dem Lenny und seine Eltern anwesend sind, und er läutet schwere Tage für die Familie ein.

Lenny hat seinen Bruder immer bewundert. Während Lenny im Leben schon immer eher etwas geschwommen ist, war Jakob zielstrebig – jahrgangsbester Schüler, ohne ein Streber zu sein. Selbst die Eltern waren von ihrem großen Sohn angetan. Er sollte nach einem Pharmazie-Studium die Apotheke des Vaters übernehmen.

Weil Lenny nicht begreifen kann, wie es zu dem Unfall Jakobs, der ein geübter Bergsteiger war, an der Zugspitze kommen konnte, beschließt er, die Stelle, an der Jakob in eine Schlucht gestürzt ist, aufzusuchen. Angetrieben wird Lenny auch davon, dass Jakob sonst nie alleine in den Bergen unterwegs war und seinen Eltern auch diesmal gesagt hat, er würde mit Freunden zum Klettern gehen – doch Jakobs Freunde waren, wie Lenny erfährt, nicht dabei. Lenny ahnt, dass etwas nicht stimmt, und der Gedanke kommt auf, dass Jakob Selbstmord begangen haben könnte; dem möchte Lenny nachgehen …

Bewertung:

Ein recht klassisches Jugendbuch ist „Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“ – die Geschichte wird chronologisch, nur von einigen Rückblenden unterbrochen, aus der Sicht von Lenny in der Ich-Perspektive erzählt. Das ungewöhnliche Szenario des Anfangs, als Lenny und seine Eltern Jakobs lebenserhaltende Geräte abschalten lassen, weicht bald einer leicht detektivisch angehauchten Spurensuche. Lenny ahnt, dass Jakob nicht der geradlinige Jugendliche ohne Zweifel war, für den er ihn immer gehalten hat. Und so möchte Lenny mehr über Jakob herausfinden …

Christoph Wortbergs Buch ist zugleich das Psychogramm einer Familie: Lennys Mutter ist tablettenabhängig, ihr Mann schiebt ihr als Apotheker die Medikamente zu – beide scheinen ihr Arrangement mit dieser Situation gefunden zu haben, weil sie eigentlich nicht glücklich miteinander sind. Jakob dagegen war eine Projektionsfigur für die Eltern: erfolgreich, selbstbewusst, geachtet.

Im Laufe des Buchs wird jedoch klar, was der Preis für die hohen elterlichen Erwartungen ist: ein Leben mit hochgezogener Fassade, hinter die Jakob niemanden blicken ließ. Jakob hatte gelernt, angepasst zu sein, nicht einmal Lenny hat er sein wahres Ich gezeigt, und was dem Buch die innere Spannung gibt, ist, dass Lenny bei seiner Spurensuche an dieser Fassade kratzt. Schon recht bald ahnt und befürchtet Lenny, dass Jakob Selbstmord begangen haben könnte, und erfährt Dinge, die niemand von seinem Bruder wusste. Klar, Lennys Eltern schieben den Gedanken an den Selbstmord, den Lenny ihnen gegenüber äußert, vehement zur Seite – sie verharren in ihrem Wunschbild vom großen Sohn.

„Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“ ist ein subtiles Buch, das nicht nur seine Figuren und ihre Verstrickungen einfühlsam fassbar macht, sondern darüber hinaus eine feinsinnige Spannung aufbaut, der ich mich nicht entziehen konnte. Ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn ich wieder zu Christoph Wortbergs Buch greifen konnte – und es waren die Tage der Buchmesse, wo ich kaum Zeit zum Lesen gefunden habe.

Für Lenny – das bleibt festzuhalten – ist die Suche nach dem wahren Ich seines Bruders alles andere als einfach, aber er stellt sich ihr trotzdem, und das ist gut so. „Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“ zeigt, dass es wichtig ist, Familiengeheimnisse und Tabus nicht einfach stehen zu lassen, sondern sich stattdessen mit ihnen auseinanderzusetzen, um nach einem so tragischen Ereignis wieder zum Leben zu finden. Das ernste Thema hat so letztendlich eine positive Botschaft.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Es ist nicht schwer, zu bemerken, dass mir Christoph Wortbergs „Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“ ausnehmend gut gefallen hat. Das Buch konzentriert sich auf das Wesentliche, es kennt keine erzählerischen Sperenzchen, sondern erzählt sehr geschickt und passend seine Geschichte, nimmt außerdem am Ende eine unerwartete Wendung, die den Leser überrascht. Die Stärke von Christoph Wortberg liegt darin, dass er seine Figuren psychologisch dicht und die Psychodynamik in Lennys Familie sehr pointiert und glaubwürdig portraitiert.

Der neue Roman von Christoph Wortberg ist ein Buch, durch das man angeregt wird, über den Sinn des Lebens nachzudenken, und es ist ein Buch über Selbstmord, das das Thema sehr behutsam aufgreift und sicher nicht als Nachahmungsbuch in Frage kommt, weil es letztendlich ein Plädoyer fürs Leben ist.

Bleibt zu hoffen, dass das nächste Buch von Christoph Wortberg nicht wieder gut vier Jahre auf sich warten lässt … Allerdings gilt natürlich: lieber alle vier Jahre ein tolles Buch, als jedes Jahr ein mittelmäßiges.

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(Ulf Cronenberg, 21.10.2014)

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Kommentar (1)

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