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Buchbesprechung: Anthony McCarten „funny girl“

mccarten_funny_girlLesealter 16+(Diogenes-Verlag 2014, 375 Seiten)

Seit dem genialen „Superhero“ verfolge ich die Bücher von Anthony McCarten und gucke, ob sie auch etwas für jugendliche Leser sind. „funny girl“, der neue Roman des Neuseeländers, der in London und München lebt, ist jedoch nicht nur mir aufgefallen, sondern fand sich im August 2014 auch auf der der Liste „Die besten 7 Bücher für junge Leser“ wieder. Ein eigenwilliges Thema wird in „funny girl“ behandelt: Es geht um ein muslimisches Mädchen, das sich nicht den Konventionen seiner Eltern beugt und etwas für Muslime Unvorstellbares tut.

Inhalt:

Azime ist 20 Jahre alt und lebt mit ihren aus dem kurdischen Teil der Türkei geflohenen Eltern in Green Lanes, einem eher heruntergekommenen Stadtteil Londons, in dem vor allem Ausländer wohnen. Azimes Vater verkauft Möbel, jedoch nicht sehr erfolgreich. Seine Tochter erledigt für ihn die Buchhaltung, allerdings eher notgedrungen als mit Freude und Leidenschaft.

Azimes Mutter macht sich große Sorgen um ihre Tochter, die keine Anstalten macht, heiraten zu wollen. Die möglichen Kandidaten, die ein teurer Heiratsvermittler fortlaufend präsentiert, lässt Azime geschickt auflaufen, so dass sie diese nie mehr wiedersieht.

Dass Azime einiges unternimmt, von dem ihre Eltern nichts wissen, macht vieles nicht einfacher: Sie trifft sich u. a. mit Deniz, in den Azime ein bisschen verliebt ist. Deniz ist ein schräger Vogel, der vieles nicht auf die Reihe kriegt und derzeit einen Comedy-Kurs besucht, um sein Talent als Komiker zu entwickeln. Als Azime einmal mit in den Kurs kommt, ist sie gleich Feuer und Flamme für Comedy. Es dauert nicht lange, bis sie mit Burka verkleidet (die sie sonst nicht trägt) auf einer Kleinbühne steht und Witze über den Islam, das Leben von Muslimen in Großbritannien und vieles andere reißt.

Doch gleich nach ihrem ersten Auftritt bekommt Azime viele Anfeindungen zu spüren, weil sie nach Ansicht anderer Muslime den Islam beschmutzt. Sogar eine Morddrohung ist darunter. Alles spitzt sich zu, als ein Reporter über die erste muslimische Komikerin im Guardian berichtet und so ihre Eltern von Azimes Auftritt verfahren.

Bewertung:

„funny girl“ (Übersetzung: Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié) beginnt auf der ersten Seite mit einem Comedy-Auftritt Azimes, der im Wortlaut wiedergegeben wird. Nach dieser Einführung medias in res rollt das Buch dann auf, wie es dazu gekommen ist, dass Azime als junge muslimische Frau als Comedian auf einer Bühne steht.

Azime ist eine Figur, die man im Laufe des Buches liebgewinnt. Man könnte sagen, sie hat das Herz auf dem richtigen Fleck: Sie ist schlagfertig, manchmal aber auch fassungslos, oft verzweifelt und sie kennt Selbstzweifel. Trotz vieler Hindernisse geht Azime ihren Weg – und dafür ist einiger Mut notwendig: Es sind nicht nur die anonym vorgetragenen Anfeindungen in sozialen Medien, die Azime zu schaffen machen, sondern es ist auch der Bruch mit ihrer Familie, als diese von ihrem Auftritt als muslimische Komikerin erfährt. Azime ist mehrmals kurz davor, ihren Weg nicht mehr weiterzuverfolgen – doch am Ende merkt sie, auch weil sie Unterstützer hat, dass sie nicht anders kann.

„funny girl“ ist in vielem ein Buch, das von der Tragik des Lebens erzählt: wie schwer es ist, in London als Ausländer zu leben, weil einem ständig Vorurteile entgegengebracht werden; wie schwer es ist, die Gesellschaft, in der man lebt, mit der der Eltern in Einklang zu bringen; wie schwer es ist, anders als andere zu sein. Im Hintergrund steht z. B. die Geschichte einer losen Freundin von Azime, die (wie Azime vermutet) von ihrem Vater vom Balkon des achten Stocks gestoßen wurde, weil sie einen italienischen Liebhaber hatte.

Zugleich ist „funny girl“ jedoch auch ein komisches Buch, ein Buch, bei dem man lachen muss, nicht nur, wenn Azime, sondern auch wenn andere Komiker aus dem Comedy-Kurs etwas zum Besten geben. Es ist die Verbindung aus tragischer und komischer Handlung, die „funny girl“ ausmacht, die dazu führt, dass der Roman trotz tragischem Hintergrund leichtfüßig daherkommt.

Anthony McCarten erzählt nebenbei vieles: Es geht darum, dass man seinen Weg gehen sollte – egal wie groß der Widerstand ist; es geht um Fragen des Zusammenlebens in einer multikulturellen Gesellschaft, um Fragen der Integration; und es geht natürlich um Ernst und Humor und wie beides zusammenhängt.

Man könnte Antony McCarten vorwerfen, dass seine Milieustudien nicht allzu fundiert sind – jedenfalls wirkt das muslimische Milieu überzeichnet und geht nicht allzu sehr in die Tiefe. Aristot und Sabite, Azimes Eltern, sind eher Typen als Menschen aus Fleisch und Blut, und das gilt eigentlich für alle muslimischen Figuren im Buch außer Azime. Doch dem ist zu entgegnen, dass es Anthony McCarten meiner Meinung nach gerade nicht um eine Milieustudie geht, sondern darum, in seinem Buch etwas durchzuspielen, was man so eben noch nicht gelesen hat.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Antony McCarten gelingt es auf bravouröse Weise, ein Thema, bei dem die Gefahr besteht, im Ernst zu ertrinken, in eine witzige und humorvolle Geschichte zu packen. Wie Azime als Muslimin sich ihrem Kulturkreis nähert, wenn sie auf der Bühne steht und bissig über ihre Verwandtschaft, aber auch über die Vorurteile von Nicht-Ausländern schwadroniert – das ist einfach genussvoll zu lesen. Mir gefällt der Roman, weil er unterm Strich so unbeschwert daherkommt und dem Leser etwas verdeutlicht: Der verkrampften Diskussion um Migranten kann man auch anders gegenübertreten und mit Humor beikommen – und das vielleicht besser als mit verbissenem Ernst.

„funny girl“ ist ein Buch, wie es wohl nur Anthony McCarten schreiben kann, denn sein dezenter lakonisch-humorvoller Stil ist wie gemacht für das Erzählen von Azimes Geschichte. Ja, man kann, man sollte das Buch jugendlichen Lesern ab 15 oder 16 Jahren empfehlen: weil es stilistisch, aber auch in Bezug auf die Geschichte etwas bietet, was man so in Jugendbüchern sonst nicht findet.

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(Ulf Cronenberg, 24.09.2014)

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