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Buchbesprechung: Christoph Werner „Marie Marne und das Tor zur Nacht"

werner_marieLesealter 13+(Osburg-Verlag 2014, 245 Seiten)

Auf dieses Buch wäre ich wohl nie von selbst aufmerksam geworden. Vom Osburg-Verlag hatte ich noch nie vorher gehört, und dort werden normalerweise auch keine Jugendbücher veröffentlicht. Wie ich dann zu dem Buch gekommen bin? Über eine Presseagentur, die sich des Romans angenommen hat … Ich bin anfangs trotzdem skeptisch gewesen, hatte aber versprochen, in das Buch reinzuschauen, und dann bin ich dabei hängen geblieben. Ein eigenwilliger Roman ist „Marie Marne und das Tor zur Nacht“ in jedem Fall, und er hat mich an andere bekannte Bücher erinnert – dazu später mehr …

Inhalt:

All Day Industries – kurz ADI – heißt eine Firma, die eine neue Technologie entwickelt hat: Mit den sogenannten ADI-Träumen, die nur eine halbe Stunde dauern, kann man quasi vorausschlafen, so dass man die nächsten Tage wach bleibt. Wie lange man anschließend ohne Schlaf auskommt, hängt von der Person ab: Bei manchen Leuten sind es nur drei Tage, bei anderen deutlich mehr …

Maries Vater ist ein weltbekannter Filmmusik-Produzent, und er nimmt die nicht gerade billigen Dienste von ADI in Anspruch, um so überhaupt seine vielgefragte Arbeit erledigen zu können. Als Marie mit ihrem Vater zu einer ADI-Filiale geht, wo dieser seinen Traum empfängt, wird von einem Mitarbeiter Maries ADI-Wert (der Wert, wie viele Tage ein ADI-Traum anhält) gemessen. Dabei kommt ein bisher nie erzielter Wert von 113 Tagen heraus … Allerdings darf Marie mit ihren 13 Jahren die Technik von ADI nicht nutzen, da sie erst ab 18 Jahren freigegeben ist.

Doch dann passiert etwas Schreckliches: Maries Vater fällt in einen seltsamen Wachschlaf, der nicht endet und den niemand erklären kann. Die Ärzte sind rat- und hilflos. Kurz darauf taucht bei Marie ein seltsamer Mann auf, der sich Mr. Phisto nennt und angibt, dass er Maries Vater helfen könne. Er verlangt von Marie jedoch, dass diese niemandem von ihm erzählt.

Weil Marie sich nicht zu helfen weiß, lässt sie sich auf das Versprechen ein und wird in eine seltsame Geschichte hineingezogen. In ihren Träumen gelangt sie in eine andere Welt, in der sie Aufträge erledigen soll. Mr. Phisto verspricht Marie, dass ihr Vater wieder wach werden wird, wenn sie im Traum das dunkle Tor geöffnet hat. So kommt es auch, doch dafür geschieht etwas amderes Unvorstellbares: Die Menschen auf der Welt können nicht mehr schlafen, weil sie von Albträumen geplagt werden.

Bewertung:

In eine ganz eigenwillige Geschichte wird man mit „Marie Marne und das Tor zur Nacht“ hineingezogen: ein bisschen Science-Fiction, eine gehörige Portion Fantasy, und das alles in eine Art modernes Märchen gepackt. Und um meine Bemerkung im Vorwort aufzugreifen: Mich hat Werner Christophs Buch ein wenig an die Kinderbücher von Michael Ende („Momo“ und „Die unendliche Geschichte“) erinnert.

Das ist natürlich ein gewagter Vergleich, der die Messlatte ziemlich hoch hängt. Aber man liest mit „Marie Marne und das Tor zur Nacht“ ein Buch, das nicht nur auf einer oberflächlichen Ebene eine Geschichte erzählt, sondern das darüber hinaus auch allegorisch auf einer anderen Ebene funktioniert und hierbei von der Bedeutung von Schlaf und von Träumen handelt.

Was die Science-Fiction-Komponente angeht, so ist sie nicht groß ausgebaut – bis auf die Erfindung der ADI-Träume könnte der realitätsnahe Teil des Buches auch in unserer Gegenwart spielen. Die Traumwelt dagegen erinnert an Fantasyromane. Hier treten Fabelwesen auf, Tiere können ihre Größe und ihre Gestalt verändern, das dunkle Tor erinnert ein wenig an das griechisch-mythologische Tor zur Unterwelt, das Kerberos bewacht. Und dahinter verbergen sich dunkle Wesen und schlimme Ängste, von denen Menschen heimgesucht werden können.

Erzählt wird das Buch von Christoph Werner alles in allem unaufgeregt, aber gekonnt. Recht schnell findet man sich in die flüssig geschriebene Geschichte hinein, und wie Marie wird man in eine unbekannte Welt entführt, in der ein Industrieunternehmen die Weltherrschaft erringen will, während es auf der anderen Seite auch Bewacher gibt, die den Schlaf und die Träume retten wollen.

Dem Buch kann man ein paar Dinge vorwerfen: dass manches vielleicht etwas zu stark an „Momo“ angelehnt ist (was dort die Zeit ist, sind hier die Träume); dass „die Nächtige“ an das Orakel aus dem Film „Matrix“ erinnert oder dass das Ende sehr knapp gehalten ist und etwas plötzlich kommt … Doch groß gestört hat mich all das nicht.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. „Marie Marne und das Tor zur Nacht“ wurde wohl nicht als Kinder- und Jugendbuch geschrieben – aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass Jugendliche ab 13 Jahre an der märchenhaften Geschichte Gefallen finden könnten – und Erwachsene natürlich sowieso. Marie ist jedenfalls eine interessante Identifikationsfigur (auch wenn sie manchmal etwas blass bleibt), die ähnlich wie Momo in eine fabelhafte, aber bedrohliche Welt hineingezogen wird.

Christoph Werner, der hauptberuflich als Theaterregisseur arbeitet, hat ein Buch geschrieben, das sich den gängigen Genres entzieht und das eine Art von Kinder- und Jugendbuch hervorholt, die man derzeit eher selten findet: eine allegorische Märchengeschichte. Man mag die Anklänge an die großen Vorbilder negativ bewerten, aber ich fand die Mischung des Buchs in einer Zeit, in der wir von immergleichen Fantasy- und Mystery-Romanen überschwemmt werden, eher erfrischend und zugleich angenehm altmodisch. Ein ansprechenderes und passenderes Cover hätte das Buch jedoch verdient …

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(Ulf Cronenberg, 07.08.2014)

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Kommentar (1)

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