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Buchbesprechung: John Boyne „So fern wie nah“

boyne_nahLesealter 12+(Fischer-Verlag 2014, 254 Seiten)

Vor 100 Jahren hat der Erste Weltkrieg begonnen – ein denkwürdiges Jubiläum, weil es an ein Datum erinnert, mit dem eine neue, furchterregende Art von Krieg in die Welt gebracht wurde. Es sind einige Kinder- und Jugendbücher zu diesem Thema erschienen – aber ich bin auch etwas zwiespältig, wenn es darum geht, nun viele Bücher zu dem Thema zu lesen. Dass ich es mit John Boynes Buch doch – etwas verspätet – gewagt habe, liegt daran, dass mir John Boynes letztes Buch („Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket“) ziemlich gut gefallen hat.

Inhalt:

Seinen fünften Geburtstag wird Alfie nie vergessen, denn am 28. Juli 1914 begannen die Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges. Und mit diesem Tag verändert sich vieles in seinem Leben. Alfies Vater ist Milchmann, und er beschließt, sich freiwillig für den Kriegsdienst zu melden – auch um der drohenden zwangweisen Rekrutierung zu entgehen. Die Mutter von Alfie und auch seine Oma sind damit gar nicht einverstanden, doch Alfies Vater setzt sich über deren Bedenken hinweg.

Lange Zeit hört Alfie nur indirekt von seinem Vater, der Briefe an die Familie schreibt – zunächst aus dem Ausbildungslager, später von der Kriegsfront. Doch irgendwann kommen keine Briefe mehr nach Hause. Alfies Mutter erklärt das ihrem Sohn damit, dass sein Vater bei einem Geheimauftrag eingesetzt sei und sich, um diesen nicht zu gefährden, nicht melden dürfe. Doch so recht will Alfie das nicht glauben. Er fürchtet das Schlimmste: dass sein Vater gefallen ist.

Alfies Mutter arbeitet, um den Rest der Familie über die Runden zu bringen, als Krankenschwester, hat aber auch noch andere kleine Jobs. Dennoch reicht das Geld kaum aus, und so beschließt Alfie mitzuhelfen. Ohne seine Mutter darüber zu informieren, arbeitet er als Schuhputzer an der King’s Cross Station – das verdiente Geld legt er größtenteils heimlich in den Geldbeutel seiner Mutter.

Durch einen Zufall erfährt Alfie eines Tages, als er einem Arzt die Schuhe putzt, dass sein Vater noch lebt – und zwar in einer Klinik. Und so nimmt er sich vor, seinen Vater dort aufzusuchen, ohne zu wissen, was ihn dort erwarten wird. Seine Mutter soll davon nichts mitbekommen …

Bewertung:

Um es gleich vorwegzunehmen: John Boyne erzählt in „So fern wie nah“ (Übersetzung: Brigitte Jakobeit und Martina Tichy) einmal mehr eine packende, aber auch einfühlsame Geschichte, die vor allem dadurch besticht, dass in ihr sehr gekonnt die Perspektive eines Kindes geschildert wird. Man mag an manchen Stellen finden, dass Alfie etwas reif und zu reflektiert dargestellt wird – allerdings werden Kinder in Krisenzeiten zwangsweise eben auch schnell erwachsen.

Was in John Boynes Buch sehr schön aufgezeigt wird, ist, mit welcher Naivität die Menschen damals in den Krieg gezogen sind. Für Alfies Vater ist es einerseits eine Frage der Vaterlandsliebe, sich freiwillig zu melden, aber zugleich geht er davon aus, dass der Krieg bis Weihnachten sowieso wieder vorbei ist. Seinem Sohn gegenüber tut er außerdem so, als wäre der Krieg nichts weiter als ein ehrenvoller Spaziergang.

Dass es anders kommt, ist klar – auch wenn man in „So fern wie nah“ nicht allzu viel über die Kriegshandlungen erfährt. John Boyne macht das sehr geschickt: Als Leser wird man nicht in den Schützengraben geschickt, sondern bleibt – vom Ausflug in die Klinik abgesehen – in der Damley Road, in der Alfie lebt. Und dennoch werden die Schrecken des Krieges im Laufe des Buchs vermittelt – kindgerecht.

Der Kniff des Buchs liegt darin, dass Alfies Vater aufgrund seiner traumatischen Kriegserfahrungen als Patient in einer psychiatrischen Klinik landet. Bevor Alfie sich aufmacht, ihn in der Klinik zu besuchen, findet er die letzten Briefe seines Vaters an seine Mutter, die diese Alfie vorenthalten hat. Einen Reim darauf, was darin steht, kann Alfie sich nicht so recht machen, als erwachsener Leser ahnt man jedoch, was mit Alfies Vater passiert ist. „Granatenschock“ wurden die Traumata, die Soldaten aus dem Schützengraben mitgebracht haben, genannt, und genau daran leidet Alfies Vater. Er schreibt in seinen letzten Briefen nur noch wirre Sachen.

Für Alfie ist es sehr heftig, als er schließlich seinem Vater in der Klinik begegnet: Sein Vater ist nicht ansprechbar und scheint den eigenen Sohn nicht zu erkennen. Auch hier bleibt das Buch konsequent in der kindlichen Perspektive und schildert Alfies Verstörung für Kinder nachvollziehbar.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Je mehr Kinder- und Jugendbücher ich von John Boyne lese, desto mehr überzeugt mich der in Dublin lebende Autor. Interessant, dass er von einem witzig parabelhaften Buch wie „Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket“ zu einem ernsthaften Kinderroman wie „So fern wie nah“ wechseln kann – und beide Stilrichtungen sind gekonnt umgesetzt. Was beide Bücher verbindet, ist die glaubwürdige Kinderperspektive, in der sie geschrieben sind.

Für mich zeigt „So fern wie nah“, wie man ein grausames Kapitel der Geschichte für Leser ab 11 oder 12 Jahren verpacken kann, ohne etwas zu verharmlosen und die Gräuel des Krieges zu verniedlichen. Ja, es ist eine große Leistung, die John Boyne da vollbracht hat. Mit Alfie hat er zudem eine authentische Kinderfigur und eine interessante Identifikationsfigur erfunden, der man gerne folgt. Bravourös ist das Buch bis hin zu den Nebenfiguren – zum Beispiel die des Kriegsdienstverweigerers Joe, der einiges zu erleiden hat. John Boynes neues Buch verdient es, gelesen zu werden – auch von Erwachsenen!

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(Ulf Cronenberg, 25.06.2014)

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