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Buchbesprechung: Martín Blasco „Der Weg nach al-Andalus“

blasco_andalusLesealter 14+(Carlsen-Verlag 2014, 123 Seiten)

„Der Weg nach al-Andalus“ ist Martín Blascos zweiter Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Im Jugendbuchbereich findet man derzeit kaum südamerikanische Schriftsteller, von daher ist Martín Blasco als Argentinier eine Besonderheit. Sein erster ins Deutsche übertragener Roman trug übrigens den recht witzigen Titel „Ist das Leben eine Abfolge einzelner Punkte?“ und hatte mich damals nicht so ganz überzeugt. Aber einen zweiten Versuch ist ein Autor ja meist wert, gerade wenn man in seinem Buch nach Bagdad und Córdoba ins 12. Jahrhundert entführt wird.

Inhalt:

Yusuf lebt im 12. Jahrhundert in Bagdad und war schon in jungen Jahren auf sich selbst gestellt, weil seine Eltern keine Mittel hatten, um ihn zu versorgen. Im Suk (also auf dem Markt) lernt er schon als Kind, den Händlern zur Hand zu gehen und so über die Runden zu kommen – doch zugleich verdient er sein Auskommen als Dieb, indem er reichen Leuten Geld und Schmuck aus den Taschen zieht.

Bei einem Überfall auf das angeblich leerstehende Haus eines reichen Mannes geht alles schief. Vor Yusufs Augen wird sein bester Freund von den Wachen getötet – die meisten anderen Jugendlichen der Diebesbande können zwar fliehen, Yusuf jedoch nicht. So landet er im Gefängnis, und dort kommt er mit einem alten Mann namens Ahmed in eine Zelle.

Ahmed ist schweigsam und krank – im Fieberwahn spricht er mehrfach von einem silbernen Stab. Yusuf versteht nicht mal die Hälfte davon, ist jedoch neugierig. Und da Yusuf sich um Ahmed gekümmert hat, erzählt ihm der alte Mann am Sterbebett, was es mit dem Silbernen Stab auf sich hat: Damit könne man alles in Gold verwandeln, und Ahmed verrät Yusuf auch, wo er den Silbernen Stab finden könne: in el-Andalus bei dem gefürchteten und verschlagenen Alchemisten Abdu Rahman.

Es gelingt Yusuf aus dem Gefängnis zu fliehen, und so macht er sich auf die lange und beschwerliche Reise von Bagdad nach Córdoba, wo er Abdu Rahman den Silbernen Stab stehlen will. Nichts kann ihn davon abbringen …

Bewertung:

In „Der Weg nach al-Andalus“ (Übersetzung: Katharina Diestelmeier) wird man in ein ganz besondere Welt entführt: ins 12. Jahrhundert nach Bagdad und nach Andalusien, das damals von den Mauren besetzt gehalten und wo eine besondere Kultur hervorgebracht wurde. Martín Blasco schickt seinem Buch ein Vorwort voraus, in dem beschrieben wird, wie er zu dieser Geschichte gekommen ist: Ein unbekannter Verfasser hat sie der Nachwelt hinterlassen, die Forschung sei vor mehreren Jahrzehnten darauf gestoßen, und Martín Blasco habe es sich zum Ziel gemacht, die Legende vom Silbernen Stab an heutige Leser weiterzugeben.

Ich weiß nicht ob dieses Vorwort eine Fiktion ist – meine Recherchen im Internet haben diesbezüglich keine Ergebnisse gebracht. Aber egal, „Der Weg nach al-Andalus“ ist ein Buch, das einen in eine reizvolle Vergangenheit entführt, das an „Tausendundeine Nacht“ und andere orientalische Geschichten erinnert.

Der Roman wird in eine weitere Rahmenhandlung verpackt und rückblickend vom Sohn Yusufs erzählt. Zunächst erfährt man, wie Yusuf als Dieb über die Runden zu kommen versucht, dann verhaftet wird, um schließlich den Floh mit dem Silbernen Stab ins Ohr gesetzt zu bekommen. Yusuf reist nach Córdoba und trifft dort schließlich auf Abdu Rahman, der von vielen als ein absonderlicher und gefährlicher Alchemist beschrieben wird.

Seine Spannung erhält die Geschichte dadurch, dass Yusuf so viel in seinem Leben mitmacht. Als Junge, der im Suk anderen zur Hand geht, stellt er sich sehr geschickt an und hat eine gewinnende Persönlichkeit. Im Gefängnis verbittert er und schließt fast mit dem Leben ab. Durch die Begegnung mit einem Karawanenführer, dem er sich über längere Zeit anschließt, wird er auf der Reise nach Córdoba wieder lebensbejahender. Und schließlich begegnet er Abdu Rahman, der seinem Leben eine neue Wendung gibt. Yusufs Leben ist kurz gesagt eine Reise zu sich selbst – mit vielen Um- und Irrwegen.

„Der Weg nach al-Andalus“ ist ein sehr gekonnt und treffsicher geschriebenes Buch, das man gar nicht mehr aus der Hand legen will – und schnell gelesen sind die 120 Seiten allemal (fast zu schnell). Es sind vor allem zwei Dinge, die mich an dem Buch begeistert haben: zum einen, dass man in eine bizarre und stimmungsvoll beschriebene Welt abtaucht, die reizvoll fremd ist und in die man sich sofort verliebt; zum anderen, dass man Yusufs Lebensweg und die oben beschriebene Entwicklung hautnah miterlebt. Abdu Rahman ist zudem eine interessante und ungewöhnliche Figur: ein Lehrer, der von seinem Lehrling Yusuf viel verlangt, zugleich aber auch dessen verschüttete positiven Seiten wieder hervorzaubert.

Am Ende ist Yusuf geläutert – das ist vielleicht schon etwas viel verraten … Was es dagegen mit dem Silbernen Stab auf sich hat, das muss jeder Leser selbst herausfinden.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Yusufs verschlungener Weg auf der Suche nach dem Silbernen Stab ist eine Parabell, die erzählt, wie jemand Weisheit erlangt, nachdem er viel Tragisches und Schlimmes erlitten hat. Martín Blascos Roman ist eine altmodische Geschichte, aber eine, die den Leser verzaubert, für zwei Stunden aus der Realität entführt und die man am Ende bereichert aus der Hand legt. Zeitlos, weise und grandios, ohne Schnörkel, immer stringent wird die Geschichte, der man sich nicht entziehen kann, vor dem Leser entblättert.

Ja, was soll man da anderes sagen als: Lest „Der Weg nach al-Andalus“! Es lohnt sich. Das Buch ist ein Kleinod, wie man es selten findet. Märchen- und zauberhaft, außerdem für Jugendliche wie Erwachsene geeignet.

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(Ulf Cronenberg, 30.05.2014)

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