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Buchbesprechung: Patrick Ness „Mehr als das“

ness_mehrLesealter 14+(cbt 2014, 509 Seiten)

Patrick Ness hat schon einige Jugendbücher veröffentlicht, gelesen habe ich jedoch nur „Sieben Minuten nach Mitternacht“, das eine ganz besondere Entstehungsgeschichte hat. Die Idee für den Roman kam von der Schriftstellerin Siobhan Dowd, die jedoch verstarb, bevor sie den Roman schreiben konnte. Patrick Ness hat das Buchprojekt dann an sich genommen, und entstanden ist ein eindrucksvolles Werk, das von der Jugendjury 2012 folgerichtig mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis geadelt wurde. „Mehr als das“ ist ein ganz anderes Buch, auch wenn es wiederum darum geht, dass ein Jugendlicher verzweifelt ist und sich einsam fühlt.

Inhalt:

Seth hat es nicht einfach: Sein vier Jahre jüngerer Bruder Owen ist nicht ganz gesund und hat neurologische Schwierigkeiten, die auf einen Zwischenfall zurückgehen, für den sich Seth mit verantwortlich fühlt. Auch Seths Eltern sind seitdem belastet, die Familie ist deswegen auch von England in die USA umgezogen. Außerdem fühlt sich Seth zu Gudmund hingezogen. Die beiden haben eine Beziehung, von der jedoch niemand etwas weiß. Als das jedoch öffentlich wird, muss Gudmund schließlich auf ein Internat gehen und sieht Seth nicht wieder.

Seth ist wegen all dem so verzweifelt, dass er Selbstmord begeht: An einer gefährlichen Stelle steigt er ins Meer, wird abgetrieben und schließlich von der Brandung gegen Felsen geschleudert. Seth bemerkt erst, wie seine Schulter bricht, wie er dann schließlich mit dem Kopf gegen den Felsen schlägt. Doch seltsamerweise ist er nicht tot, sondern erwacht völlig desorientiert und körperlich geschwächt an einem ihm zunächst unbekannten Ort.

Dass er sich in dem früheren Haus seiner Familie in England befindet, merkt er bald. Doch was sonst um ihn herum ist, verwirrt ihn. Es scheint keine anderen Menschen zu geben, das Haus ist verwahrlost und von Staub bedeckt, das Licht geht nicht, verschmutztes Wasser kommt erst nach längerer Wartezeit aus dem Wasserhahn. Seth meint, in der Hölle aufgewacht zu sein.

Ein Streifzug durch die Stadt macht ihm klar, dass es zwar noch einzelne Tiere gibt, Menschen sieht er jedoch zunächst nicht. In ehemaligen Läden kann er sich notdürftig mit Kleidung und Lebensmitteln versorgen. In den folgenden Tagen dehnt Seth seine Streifzüge aus, und dabei trifft er schließlich auf zwei andere Jugendliche …

Bewertung:

Es ist nicht einfach, über „Mehr als das“ (Übersetzung: Bettina Abarbanell) eine Buchbesprechung zu schreiben, ohne allzu viel zu verraten. Doch es würde dem Lesegenuss schaden, wenn man schon zu viel von der Geschichte weiß, die einige unerwartete Wendungen nimmt.

Was Seth erlebt, ist ein Albtraum: Den eigenen Tod recht bewusst miterleben, ist das eine, aber dann in einer anderen Realität aufzuwachen, ist das andere. Seth hat für das, was um ihn herum geschieht, je länger er allein damit konfrontiert ist, keinerlei Erklärung. Erst als Regine und Tomasz auftauchen, wird nach und nach etwas Licht ins Dunkel gebracht. So viel sei verraten: Seth wacht nicht in der Hölle, sondern in der Zukunft auf, und was das Buch durchweht, ist ein Hauch von „Matrix“, dem Film der Wachowski-Geschwister. Hier scheint mir Patrick Ness ein wenig Ideenklau betrieben zu haben – aber immerhin hält sich dieser in Grenzen. Wer genau wissen will, worin diese Ähnlichkeit besteht, muss das Buch jedoch selbst lesen.

„Mehr als das“ hat zwei Erzählstränge. Zum einen wird erzählt, was Seth „in der Gegenwart“ erlebt, also, wie er nach seinem Tod aufwacht und sich in einer seltsamen Welt wiederfindet. Zum anderen besteht das Buch aus kursiv gedruckten Passagen, die Rückblicke auf Seths früheres Leben mit seiner Familie und seinen Freunden geben. Was es mit diesen Rückblicken genau auf sich hat, erschließt sich dem Leser erst recht spät im Buch. Bis dahin hält man sie für Träume, die Seth im Schlaf hat und mit denen er die Vergangenheit verarbeitet. Gut gemacht ist das ohne Zweifel.

Überhaupt zieht die Spannungskurve des Romans schon nach kurzer Zeit gewaltig an. Als Leser will man wissen, wo Seth sich nach dem Aufwachen befindet, man fühlt sich mit Seth in einer falschen Welt, wie man sie aus dystopischen Science-Fiction-Filmen kennt: verlassene Gebäude, verödete Flächen, eine Natur, die sich die versiegelte Stadt zurückholen will, eine Leblosigkeit, die suggeriert, hinter jeder Ecke könnte etwas Gefährliches lauern … Dass Seth dann mit Hilfe von Regine und Tomasz nach und nach herausbekommt, was mit der Welt passiert ist, die Drei außerdem einigen Gefahren ausgesetzt sind, macht das Buch packend.

Doch es gab auch etwas, das mich an dem Buch im Hintergrund immer ein wenig gestört hat: Es waren weniger die Anleihen aus anderen Science-Fiction-Büchern und -Filmen als vielmehr kleinere Ungereimtheiten, die immer wieder vorkommen. Ich kann hier nicht ins Detail gehen, ohne zu viel zu verraten, aber es passieren Dinge, die etwas weit hergeholt scheinen. Und dann ist da außerdem noch das Ende, das mich nicht gefesselt, sondern eher ein wenig enttäuscht hat.

Kurz vor der Zielgerade schlägt Patrick Ness zum einen einen Haken zu viel, was den actionlastigen Teil des Buchs angeht, zum anderen ist der Autor bemüht, dem Ganzen auch eine leicht philosophische Dimension mitzugeben, indem Seth sich mit seiner Vergangenheit und der Gegenwart versöhnen will. Gebraucht hätte es das nicht: Es wäre besser gewesen, wenn Patrick Ness sich dafür entschieden hätte, nur einen packenden Zukunftsroman zu schreiben, denn die philosophische Dimension bleibt oberflächlich und banal.

Fazit:

3-einhalb von 5 Punkten. „Mehr als das“ bietet vieles, was jugendlichen Lesern (gerade auch Jungen) gefallen dürfte: ein ungewöhnliches Szenario (auch wenn sich Patrick Ness für die ein oder andere Idee bei Literatur und Film bedient hat) und Spannung mit einem nicht voraussehbaren Plot. Letztendlich ist „Mehr als das“ ein Science-Fiction-Roman, der ohne große Technikdetails auskommt und sich stattdessen auf das Wesentliche beschränkt. So weit so gut.

Doch nicht alles in dem Buch hält einer kritischen Prüfung Stand. Sagen wir es so: Die Oberflächenstruktur des Buchs hat einen großen Reiz und hält den Leser am Lesen. Wer jedoch ein wenig tiefer gründelt, wird auf die ein oder andere Unstimmigkeit stoßen und auch bemerken, dass die philosophischen Anleihen des Romans eher vordergründig und seicht sind. Für Unterhaltung suchende Leser ist das sicher genug, für einen großen Roman reicht das jedoch nicht. Dennoch: Gern gelesen habe ich „Mehr als das“ trotzdem …

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(Ulf Cronenberg, 23.05.2014)

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