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Buchbesprechung: John Boyne „Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket“

boyne_barnabyLesealter 10+(Fischer-Verlag 2013, 281 Seiten)

John Boyne hat deutlich mehr Bücher geschrieben, als ich von ihm gelesen habe. Um es genau zu sagen: Ich kenne bisher nur „Der Schiffsjunge“, eine packende Neufassung von „Die Meuterei auf der Bounty“, einen Filmklassiker in Jugendbuchform. Wie ich auf „Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket“ gekommen bin, weiß ich gar nicht mehr so genau: Wenn ich mich recht erinnere, habe ich eine lobende Rezension über das Buch gelesen. Darüber hinaus fand ich das Cover mit dem fliegenden Kind über den Hochhäusern einfach witzig … Das hat ein wenig was von „Karlsson auf dem Dach“.

Inhalt:

Ihr wichtigstes Lebensziel ist es, normal zu sein und nicht aufzufallen. Alistair und Eleanor Brocket haben bereits zwei Kinder (Henry und Melanie), die sich bisher ganz normal entwickeln, als ihnen ihr drittes Kind einen Strich durch die Rechnung macht. Das beginnt damit, dass die Geburt viel schwerer als die beiden vorherigen verläuft, gipfelt schließlich darin, dass nach der Geburt etwas Seltsames passiert. Als Eleanor ihren Sohn direkt danach begutachten will, bemerkt sie, dass der Blick der Ärzte und Krankenschwestern zur Decke geht, und dort entdeckt sie schließlich ihren Sohn: Der Junge schwebt an der Decke.

Barnaby, wie Alistair und Eleanor ihren Sohn nennen, ist also alles andere als normal: Er entzieht sich der Schwerkraft und schwebt stattdessen nach oben, anstatt auf dem Boden zu bleiben. Für seine Eltern ist das der Horror, denn sie wollen nicht auffallen, und so versuchen sie, so gut es geht, Barnaby vor der Mitwelt zu verstecken und zu verheimlichen, dass es ihn gibt.

Probleme gibt es allerdings, als Barnaby in die Schule gehen muss. Es kommt für Eleanor und Alistair auf keinen Fall in Frage, dass Barnaby in die gleiche Schule wie seine Geschwister geht – und so schicken sie ihn in eine Schule, die eher einem Gefängnis als einer guten Schule gleicht. Immerhin lernt Barnaby dort einen ersten guten Freund kennen: Liam ist ebenfalls anders als andere Kinder, weil er ohne Hände auf die Welt gekommen ist und statt Händen Haken an den Armen hat. Die Schule brennt jedoch kurz darauf nieder und Liam und Barnaby verlieren sich aus den Augen.

Für Barnabys Eltern wird die Situation mit ihrem Sohn immer unerträglicher, denn er stört ihr normales Leben. So entschließen sie sich, als er acht Jahre alt ist, zu etwas Grausamem: Eleanor soll Barnaby aussetzen, das heißt unter freiem Himmel davonschweben lassen … Und so passiert es auch. Die herzlose Tat findet jedoch ein glückliches Ende, als Barnaby in luftigen Höhen von zwei alten Frauen im Heißluftballon gerettet wird. Für Barnaby beginnt damit eine Reise um die Welt …

Bewertung:

Kinderbücher haben es nicht gerade leicht bei mir … Sehr schnell fühle ich mich davon gelangweilt – doch bei „Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket“ (Übersetzung: Adelheid Zöfel) war das anders (sonst hätte ich das Buch auch nach 50 Seiten aus der Hand gelegt). John Boynes Buch, finde ich, hat einfach alles, was ein gutes Kinderbuch ausmacht.

Die Geschichte um Barnaby, der mit seiner Eigenschaft zu schweben aus dem Rahmen der Normalität fällt, ist zunächst einmal sympathisch und behandelt auf nette Art und Weise ein wichtiges Thema: Wie ist es, wenn man nicht normal ist? Dass Barnaby bei seiner Reise um die Welt lauter anderen Menschen begegnet, die wie er anders und nicht normal sind, sich aber damit nicht nur arrangiert haben, sondern aus ihrem Anderssein etwas gemacht haben, ist das Thema dieser Parabel. Barnaby lernt so nach und nach, dass sein Schweben keine Schwäche, sondern eine Einzigartigkeit darstellt, die man schätzen sollte.

Das klingt fast etwas durchsichtig konstruiert, vielleicht sogar ein wenig kitschig, wenn man es so zusammenfasst – aber das ist es beim Lesen der Geschichte ganz und gar nicht. Der Grund dafür liegt darin, dass es John Boyne gelingt, außergewöhnliche Figuren zu schaffen, die aus ihrem Leben etwas gemacht haben, gleichzeitig aber auch seine Schattenseiten kennen gelernt haben – kurz gesagt: Sie sind interessant. Bei den beiden Ballonfahrerinnen zum Beispiel, die Barnaby retten, handelt es sich um zwei ältere Damen, die zusammenleben und in Brasilien eine Kaffeeplantage führen, allerdings immer wieder mit ihrem Heißluftballon aus dem Alltag ausbrechen müssen.

So begegnet Barnaby im Laufe des Buches vielen ähnlichen Figuren, die ihm helfen. Ein bisschen ist „Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket“ damit auch an „In 80 Tagen um die Welt“ angelehnt, weil Barnabys Rückreise von Brasilien nach Sydney mehrere Komplikationen erfährt. So kommt er von Süd- nach Nordamerika, landet später in Irland und Afrika, schließlich sogar auf einem Raumschiff im Weltraum.

Was John Boynes Buch neben der parabelhaften Geschichte ausmacht, ist deren Witz und Humor. Dem Autor gelingt genau die richtige Mischung aus Überzeichnung (z. B. bei den Figuren), kleinen spitzen Seitenhieben und der notwendigen Bodenhaftung. Die Geschichte artet nicht in Klamauk aus, sondern behält im Hintergrund ihre Ernsthaftigkeit. Dass John Boyne für seine Geschichte immer wieder gewisse Naturgesetze außer Kraft setzt (Barnaby fliegt z. B. in den Weltraum und wird dort von Astronauten in ihrem Shuttle gerettet), gesteht man dem Buch gerne zu – denn es geht hier ja nicht um eine reale Geschichte, sondern das Buch will in Parabelform eine Botschaft vermitteln. Am Ende steht natürlich ein glückliches Ende, das man sich schon vorher etwas zusammenreimen kann – aber auch hier hat die Geschichte viel Esprit und schlägt noch einen kleinen unerwarteten Haken.

Fazit:

5 von 5 Punkten. John Boyne hat ein wirklich tolles Kinderbuch geschrieben. „Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket“ ist unterhaltsam, ihm wohnt eine angenehme Luftigkeit inne, es hat zudem eine sympathische Botschaft, die jedoch nie plump, sondern immer sympathisch-kreativ an den Leser gebracht wird. Dem Buch mag man deswegen einige Unachtsamkeiten verzeihen: Barnaby ist für seine acht Jahre schon verdammt klug und „erwachsen“, Flugreisen ohne Pass gibt es auch nur Büchern … Aber letztendlich ist das auch richtig so: Eine zeitlose Geschichte darf sich nicht in solchen banalen Details verstricken, sie hat Wichtigeres zu erzählen. Und das heißt in diesem Fall: Nicht normal zu sein ist kein Makel, sondern eine Chance, die das Leben bereichern sollte.

Ich bin großer Kinderbuch-Kenner, aber „Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket“ ist eines der Bücher, die ich Lesern ab 9 oder 10 Jahren uneingeschränkt empfehlen kann – ebenso aber auch Erwachsenen. Auch beim Vorlesen (dann sogar schon ab 8 Jahren) hat man da sicher seinen Spaß. Die eingestreuten Illustrationen von Oliver Jeffers, von dem auch das hübsche Cover stammt, machen das Buch zudem zu einem kleinen Schmuckstück.

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(Ulf Cronenberg, 14.03.2014)

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Lektüretipp für Lehrer!

„Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket“ dürfte sich auch als Klassenlektüre für eine 5. Klasse – eher zu Beginn des Schuljahres – eignen. Das Buch bietet Abenteuer, es ist humorvoll und kindgerecht erzählt, und man hat mit den Schülern der enthaltenen Botschaft wegen auch einiges zu diskutieren. Der Fischer-Verlag bietet auf seiner Webseite zum Buch auch Unterrichtsmaterialien zu dem Buch an.

Kommentare (0)

  1. Christoph

    Ich fand dieses Buch großartig! Bis auf … Ich habe dem Autor immer den der Schwerkraft trotzenden Buben abgenommen. Aber als er dann bei den „Freaks“ mit einer durch Niesen unsichtbar werdenden Dame anfängt, brach für mich die Illusion.
    Zudem sind alle Personen auf eine sehr subtile und poetische Art „anders“ – bis auf die „Freaks“, die ich als ziemlich platt empfand.
    Naja, ich werde es jetzt doch meiner 10-jährigen Tochter zum Lesen geben.

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