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Buchbesprechung: Anna Kuschnarowa „Djihad Paradise“

kuschnarowa_djihadLesealter 14+(Beltz & Gelberg-Verlag 2013, 413 Seiten)

Der Frage, warum deutsche Jugendliche zum Islam konvertieren, sich dann radikalisieren und schließlich zu Selbstmordattentätern werden, sind schon einige Jugendbuchautoren nachgegangen – sei es in einem Sachbuch, wie Martin Schäuble in „Black Box Dschihad“, oder Agnes Hammer im Jugendroman „Regionalexpress“. Richtig überzeugt hat mich bisher keines dieser Bücher – die Erklärungen, warum Jugendliche radikal werden, blieben mir psychologisch zu oberflächlich und damit zu wenig nachvollziehbar. Sich an das Thema herangewagt hat sich nun auch Anna Kuschnarowa, die nicht nur Jugendbücher schreibt, sondern auch Ägyptologie studiert hat.

Inhalt:

Romea stammt aus gutem Elternhaus, allerdings sieht sie ihre Eltern nicht allzu oft, weil diese sich in ihrer Arbeit vergraben. Solange Romea jedoch den Ansprüchen ihrer Eltern (gute Schulnoten, Interesse für anderes) genügt, gibt es allerdings keine Probleme. Als Julian, ein neuer Schüler, in Romeas Klasse kommt, ist dieser sofort von Romea und ihren schlingpflanzengrünen Augen fasziniert. Gewohnt, den coolen Macker zu spielen, spricht er Romea an, bekommt jedoch eine deutliche Abfuhr.

Doch irgendwann sind die beiden unerwarteterweise ein Paar, und das, obwohl sie gänzlich verschiedenen Welten zu entstammen scheinen. Julians Mutter hat die Familie vor einiger Zeit verlassen, sein Vater kümmert sich seitdem um gar nichts, hängt biertrinkend auf dem Sofa rum. Julian kann sich und seinen Vater nur über Wasser halten, indem er Drogen verkauft.

Trotz dieser Unterschiede verbindet Julian und Romea etwas: die Sehnsucht nach einem anderen Leben, und das ist auch die Basis für ihre Beziehung. Doch dann geht einiges schief, als sie recht spontan nach Barcelona trampen, um Berlin hinter sich zu lassen: Julian vertickt in einer Disco Pillen an einen Zivilbeamten, wird verhaftet und schließlich nach Deutschland ausgeliefert, wo er eine halbjährige Haftstrafe absitzen muss.

Doch selbst diese Krise übersteht die Beziehung zwischen Romea und Julian – allerdings kommt es zu einer Bewährungsprobe, als Julian, der von seinem Zellengenossen Murat für den Islam begeistert wurde, freikommt. Romea kann Julians neue Religiosität nicht verstehen, und als Murat freigelassen wird und bei Julian einzieht, spitzt sich alles zu …

Bewertung:

„Djihad Paradise“ beginnt eigentlich ganz anders, als meine chronologisch aufgebaute Inhaltsbeschreibung es vermuten lässt: Julian soll als Selbstmordattentäter in einer Berliner U-Bahn-Station eine Bombe hochgehen lassen und läuft mit einem Sprengstoffgürtel herum. Doch als er ernst wird, sieht er genau in dem Augenblick Romea, die ihn vor längerer Zeit verlassen hat. Dadurch werden Julians sowieso vorhandene Zweifel, ob er das Richtige tut und die er zu verdrängen versucht hat, verstärkt …

Nach diesem Einstieg medias in res springt die Geschichte jedoch erst mal zurück und rollt alles von vorne auf: wie sich Romea und Julian kennen gelernt haben, wie sie ein Paar werden, wie Julian zum Islam findet, wie er schließlich radikalisiert wird und dabei Romea verliert etc. Gut gemacht ist das. Man weiß zum einen, worauf die Geschichte hinausläuft, offen bleibt aber natürlich, ob Julian seinen Sprengstoffgürtel zünden wird. Das erfährt man dann (bitte nicht vorblättern!) auf den letzten Seiten, und so bleibt der Roman spannend.

Was mich persönlich bei dem Thema immer besonders interessiert – das wurde im Einleitungsabsatz ja schon erwähnt –, ist, wie plausibel die Radikalisierung eines Jugendlichen für den Leser dargestellt wird. Und ich würde mal sagen, dass das Anna Kuschnorawa besser gelingt als den beiden anderen oben genannten Autoren in ihren Büchern. Es gibt ein paar Stellen, wo mir das ein oder andere etwas rätselhaft bleibt (z. B. tritt sowohl bei Julian als auch bei Romea die beruhigende Wirkung beim ersten Gebet etwas schnell ein), aber im Großen und Ganzen konnte ich der Entwicklung von Julians Persönlichkeit folgen.

Das liegt auch daran, dass Julian nie eindimensional beschrieben wird. Auch wenn er nach dem Sprechen des islamischen Glaubensbekenntnisses Abdel genannt wird (und er sich auch so nennt), ein Stück Julian bleibt immer in ihm, und das tritt immer wieder auch einmal hervor. Problematischer finde ich da eher die Entwicklung Romeas, die sich von Julian schließlich auch zum Islam bringen lässt, zu der das aber weniger gut passt – allerdings löst sich Romea im Gegensatz zu Julian auch wieder vom strengen Islam und gerät nicht in die Fänge radikaler Salafisten.

Darüber hinaus ist „Djihad Paradise“ auch ein tragisch schöner Liebesroman. Die Namensgebung der beiden Hauptfiguren stellt die Geschichte in die Tradition von Shakespeares „Romeo und Julia“, und im Buch wird immer wieder damit gespielt. (Auf einer Seite steht statt Romea übrigens zweimal Julia – das nur am Rande.) Dass dadurch in das Buch eine andere Ebene Einzug hält, es an Dramatik gewinnt, die aber nie überzogen wirkt, fand ich gelungen. Die Liebesgeschichte zweier Jugendlicher aus verfeindeten – der von Shakespeare entliehene Topos –, in diesem Fall sich fremden Lebenswelten ist gut umgesetzt und stört das Hauptthema des Buches nie.

Dass sich „Djihad Paradise“ flüssig liest und an den passenden Stellen auch einmal etwas virtuoser wird, sei auch hervorgehoben. Da wird ab und an aus englischen Songtexten zitiert, da werden sparsam, aber gekonnt sprachliche Bilder einsetzt – doch insgesamt bleibt die Geschichte, die erzählt werden soll, im Vordergrund. Wenn Romea z. B. zu Julian sagt: „Ja, wir sind wie ein Stück Eis, das in zwei Schollen zerbrochen ist, die nun langsam, ganz langsam, aber unaufhaltsam auseinandertreiben […].“ (S. 185), so beschreibt das passend, aber nicht übertrieben die Gefühle von Romea, die fast noch mehr als Julian zwischen ihrer bisherigen Lebenswelt und dem Islam hin und her gerissen ist.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Anna Kuschnarowa hat in „Dschihad Paradise“ eigentlich alles richtig gemacht: Die Geschichte ist gekonnt aufgebaut, sie verbindet eine Liebesgeschichte leichtfüßig mit dem Thema des radikalen Islams, und außerdem merkt man, dass die Autorin sich das Wissen über den Islam nicht nur angelesen hat, sondern sich bereits länger fundiert damit auseinandergesetzt hat. Dass es ab und zu mal eine Stelle gibt, wo ich die Entwicklung von Romea oder Julia nicht ganz nachvollziehen konnte, sei vernachlässigt – im Großen und Ganzen ist das Buch nämlich durchaus plausibel.

Damit ist „Djihad Paradise“ für mich das bisher beste Jugendbuch, in dem beschrieben wird, wie ein deutscher Jugendlicher zum Islam konvertiert und dort dann immer radikaler wird. Dem Buch tut es gut, dass es nicht eindimensional ist – weder in Bezug auf die Story, noch in Bezug auf die Figurenzeichnung. Nicht nur die Hauptpersonen, sondern auch die Nebenfiguren sind Figuren aus Fleisch und Blut, keine Abziehbilder.

Von den drei Büchern Anna Kuschnarowas, die ich bisher gelesen habe, ist „Djihad Paradise“ eindeutig das empfehlenswerteste, auch wenn „Kinshasa Dreams“ und „Junkgirl“ ebenfalls brisante Themen, jedoch einen Tick weniger bravourös behandeln.

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(Ulf Cronenberg, 14.02.2014) „"

Lektüretipp für Lehrer!

Keine Frage, „Djihad Paradise“ ist ein Buch, das man im Deutschunterricht, vielleicht aber noch besser im Ethikunterricht einsetzen kann, wenn das Thema Islam behandelt wird. Dass das Buch auch eine Liebesgeschichte beschreibt, mag vordergründig vielleicht ein wenig vom Islam-Thema ablenken, aber letztendlich dürfte das dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler das Buch gerne lesen. Der Gewinn an dem Buch ist, dass man nebenbei auch einiges über die Religion des Islams erfährt: über Rituale, über verschiedene Strömungen und eben auch über die Frage, warum manche Jugendliche radikale Richtungen einschlagen. Das Buch lässt dabei genug Leerstellen, um auch Diskussionen zu ermöglichen. Geeignet für Schüler ab der 8. Klasse, würde ich sagen.

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Kommentare (0)

  1. Vargard

    Ich als Schüler fand dieses Buch grauenhaft. Ein so wichtiges Thema so lässig anzugehen, ist falsch. Auch die ganzen Zitate und die wenig kreativen Schauplätze des Buches wirken auf mich ein wenig ZU prätentiös.
    Ist aber nur meine Meinung.
    Grüße
    Vargard

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