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Buchbesprechung: Tamara Bach „Marienbilder“

bach_marienbilderLesealter 15+(Carlsen-Verlag 2014, 134 Seiten)

Einige Jahre war von Tamara Bach nichts im Jugendbuchbereich zu lesen, doch letztes Jahr hat sich die Autorin mit „Was vom Sommer übrig ist“ zurückgemeldet. Ein etwas sperriges Buch war das, aber zugleich auch eines, das gezeigt hat, dass Tamara Bach nicht im Mainstream schwimmt, sondern einen eigenen Stil hat. Dass ein Jahr später nun mit „Marienbilder“ ein neues Buch der Autorin vorliegt, hat mich gefreut, und ich war gespannt auf den neuen Roman.

Inhalt:

Mareike ist das Nesthäkchen der Familie. Ihr großer Bruder Frank hat schon eine eigene Familie, die Schwester Nadine wohnt nicht mehr zu Hause und studiert inzwischen in einer anderen Stadt. Mareike dagegen geht noch in die Schule und steht zwei Jahre vor ihrem Abitur.

Von einem Tag auf den anderen ist Mareikes Mutter verschwunden – ohne Abschiedsbrief oder irgendeine Andeutung. Die Familie ist ratlos, was hier eigentlich passiert ist, und anfangs einigt man sich darauf, niemandem von dem Verschwinden der Mutter zu erzählen. Nach und nach wird klar, dass Mareikes Mutter alles geplant hat: Ihr Bankkonto ist leergeräumt, ihre Unterlagen hat sie mitgenommen.

Als die Familie nach zwei Wochen noch immer kein Lebenszeichen von der Mutter erreicht hat, bemerken auch andere, dass sie verschwunden ist. Für kurze Zeit wird Mareike von Mitschülern etwas schief angeschaut, bevor sich das jedoch wieder verliert. Für Mareike bleibt das Verschwinden ihrer Mutter rätselhaft, auch wenn sie sich vordergründig irgendwann mit der Situation arrangiert.

Auf einer Party lässt Mareike sich ziemlich gehen, trinkt zu viel und schnupft Kokain: Gregor, der die Party gegeben hat, nimmt sie, als alle Gäste gegangen sind, mit auf sein Zimmer. Die beiden schlafen zwar nicht miteinander, haben aber Sex. Umso geschockter ist Mareike, als gut zwei Wochen später ihre Periode ausbleibt. Kann es sein, dass sie von Gregor schwanger ist?

Bewertung:

Als ich „Marienbilder“ durchgelesen hatte, war ich erst mal ein bisschen irritiert. Ein seltsames Buch, habe ich mir gedacht, und ich hatte den Eindruck, manches nicht so richtig verstanden zu haben – gerade zu Beginn des Buches habe ich ziemlich im Trüben gefischt. Von daher hab ich am nächsten Tag noch einmal von vorne angefangen – nun wusste ich, worauf die Geschichte hinausläuft, und da hat mich „Marienbilder“ auch ganz anders gefesselt.

Ein einfaches Buch ist das nicht – denn die Geschichte ist sprunghaft und enthält viele Perspektivenwechsel und Zeitsprünge. Auf den ersten 50 Seiten liest man zum einen etwas darüber, dass Mareikes Mutter verschwunden ist und sich niemand einen Reim darauf machen kann. Eingestreut sind außerdem Szenen aus der Jugend von Mareikes Mutter Magda. Das ist anfangs etwas verwirrend, denn diese Rückblenden sind nicht durch eine andere Schrift oder durch Überschriften kenntlich gemacht – man muss sich über die Namen indirekt erschließen, um wen es gerade geht.

Beim zweiten Lesen war das Ineinandergreifen von Mareikes und Magdas ersten Erfahrungen mit Jungen, die beide darin gipfeln, dass sie ungewollt schwanger werden, jedoch deutlich besser zu verstehen. Parallelen der sich in vielem wiederholenden Familiengeschichte werden deutlich – und das macht den Reiz der ersten Romanhälfte aus.

In der zweiten Hälfte des Buchs, als Mareike weiß, dass sie schwanger ist, nimmt der Roman eine andere Wendung und wird zu einem Möglichkeitsspiel. Mareike sitzt am Bahnhof und wartet auf einen Zug, und nun gabelt sich die Geschichte auf: Es werden in vier unterschiedlich langen Kapiteln vier Verianten erzählt, wie Mareikes Leben weitergehen könnte. Da wird die Geschichte einmal auf die demente Großmutter und deren Vergangenheit zurückgeführt; außerdem gibt es eine Happy-End-Variante. Über die anderen Versionen möchte ich mich ausschweigen – man sollte in einer Buchbesprechung ja nicht alles verraten …

Dass nicht nur die Geschichte, sondern auch die Sprache in „Marienbilder“ eigenwillig ist, hatte ich nicht anders erwartet. Tamara Bach hat sich nie an Satzbaukonventionen gehalten, sondern immer versucht, sprachbewusst mit Anleihen aus der Poesie zu erzählen. Dazu gehört in den Text eingestreut die ungefilterte Wiedergabe von Gedanken – in einer Art Bewusstseinsstrom. Wie das konkret aussieht? Zum Beispiel so, wenn Mareikes Gedanken auf der Party wiedergeben werden:

„Dass die Musik aber auch so laut ist. Oder schief, irgendwie quetscht sie sich in die letzten Ecken und mich weiter gegen den Boden. Nehme meine Arme an mich, lege meine Hände auf den Boden und drücke, fest, drücke mich ab, mich kriegt ihr nicht.“ (S. 77)

Fazit:

5 von 5 Punkten. Ich mag Bücher, in denen etwas gewagt wird, die sperrig sind, sofern sie lesbar und durchschaubar bleiben – und „Marienbilder“ passt in diese Kategorie. Meine anfängliche Verwirrtheit angesichts des assoziativen Aufbaus und der Verspieltheit des Romans ist nach einem zweiten Lesedurchgang der Bewunderung gewichen. „Marienbilder“ ist nicht gerade zugänglich – ich würde sagen, es ist schwerer als die bisherigen Bücher von Tamara Bach zu lesen –, aber wer sich darin festzubeißen weiß, wird auch belohnt.

Ja, wovon handelt das Buch nun eigentlich? Schwer zu sagen … Von Familienhypotheken, die über die Generationen weitergegeben werden, von einer ungewollten Schwangerschaft und dem Weiterleben danach, von Lebenswegen und -möglichkeiten, bei denen sich die Frage stellt, ob man eine Wahl hat oder ob das Leben sie einem aufdrängt. Das mutet fast philosophisch an. „Marienbilder“ ist jedenfalls kein mal schnell abgehaktes Buch und es wird nur mögen – das ist fast so etwas wie eine Warnung –, wer sich in Texten festkrallen kann und Bewunderung für sprachliche Finessen zeigt. Tamara Bachs neuer Roman ist kein Buch für alle, sondern eines für Leser, die mehr als reine Unterhaltung suchen.

In meiner nicht ganz aufgelösten Ratlosigkeit nach dem ersten Lesedurchgang hätte der Roman wohl keine 4 Punkte bekommen – aber nachdem ich mich noch einmal auf das Buch eingelassen und viel Neues darin entdeckt habe, seien ihm doch 5 Punkte gegeben. Die sind sicherlich streitbar, vielleicht sogar ein wenig provozierend – das sei nicht geleugnet … Aber das Buch hat sie zugleich verdient. Weil es etwas wagt.

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(Ulf Cronenberg, 01.02.2014)

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