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Buchbesprechung: Stefanie de Velasco „Tigermilch“

velasco_tigermilchLesealter 15+(Kiepenheuer & Witsch-Verlag 2013, 280 Seiten)

Schickes Cover mit dem Tigermuster, kann man da nur sagen. Man wird darauf allerdings kaum in den Jugendbuchregalen einer Buchhandlung, sondern eher in der Erwachsenenabteilung stoßen. Denn Stefanie de Velascos Erstlingswerk „Tigermilch“ ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, einem Verlag, der keine Jugendbuchsparte hat, dennoch aber immer wieder Bücher veröffentlicht, die man Jugendlichen empfehlen kann. Stefanie de Velasco, die Autorin, ist übrigens in Oberhausen geboren, lebt nach einem Studium Europäischer Ethnologie und Politikwissenschaft inzwischen aber in Berlin.

Inhalt:

Nini und Jameelah wohnen in der gleichen Siedlung Berlins und sind unerzertrennliche Freundinnen. Beide haben es zu Hause nicht gerade einfach: Nini kennt ihren Vater nur noch von Bildern und Postkarten, ihre Mutter ist depressiv und macht nicht richtig etwas aus ihrem Leben. Jameelah dagegen stammt aus dem Irak, ihr und ihrer Mutter droht demnächst die Abschiebung in die alte Heimat, mit der Jameelah jedoch nichts verbindet, weil sie in Deutschland groß geworden ist.

Die Schule ist für beide Mädchen ein Graus, und in ihrer Freizeit hängen Jameelah und Nini meist in der Stadt herum, wo sie sich mit anderen treffen. Von behütetem Leben kann man hier jedoch nicht sprechen: Alle ihre Freunde scheinen etwas verwahrlost, man trifft sich im Schwimmbad oder zu spontanen Partys, wo nicht nur Alkohol fließt. Nini und Jameelah trinken ständig „Tigermilch“, ein selbst zusammengemixtes Getränk, bei dem sie u. a. Weinbrand in Müller-Milch kippen.

Zu einer Bewährungsprobe für ihre Freundschaft kommt es, als Jameelah und Nini einen Mord beobachten. Sie kennen sowohl Täter als auch Opfer, doch von der Polizei festgenommen wird schießlich jemand anderes: ihr Freund Amir, der angeblich ein Geständnis abgelegt hat. Niemand weiß, dass sie den Täter kennen, und während Nini immer wieder sagt, dass sie Amir retten und zur Polizei gehen sollten, meint Jameelah, dass sie das lieber sein lassen sollten. Jameelah hat Angst, dass das die Abschiebung von ihr und ihrer Mutter vorantreiben könnte …

Bewertung:

„Tigermilch“ ist kein Buch für Zartbesaitete, nein, Stefanie de Velascos Roman ist ein Ausflug in eine Welt, in der wenig heil ist. Nini und Jameelah schwimmen durchs Leben, suchen nach sich selbst und probieren dabei ziemlich viel aus: Wenn die beiden sich in ihrem jugendlichen Leichtsinn ab und zu sogar am Kurfürstendamm hinstellen, um sich Freiern anzubieten und sexuelle Erfahrungen zu sammeln (und nebenher ein bisschen Geld zu verdienen), hat das nichts mit einer behüteten Welt zu tun. Ja, Jameelah und Nini, die Ich-Erzählerin, lassen es ganz schön krachen.

Man mag das abgeschmackt oder skandalös finden, man kann Stefanie de Velascos Roman jedoch auch für erfrischend anders und wahrhaftiger halten. Apropos wahrhaftig: Meiner Meinung nach erzählt „Tigermilch“ eine packende Geschichte, die sich aber ab und zu gewisser Klischees bedient: die depressive Mutter, die ständig auf dem Sofa liegt und nichts auf die Reihe bekommt – kennt man schon aus anderen Büchern; die bosnische Familie, die im Clinch liegt, weil die Tochter sich in einen Serben verliebt – wirkt auch etwas konstruiert … Dennoch: Die Geschichte verträgt das, so dass die vermeintlichen Klischees nie störend oder übetrieben wirken. Der Grund dafür liegt darin, dass Stefanie de Velasco ihre Figuren mag – trotz deren Unzulänglichkeiten. Das spürt man vielleicht nicht gleich zu Beginn des Buches, weil Nini und Jameelah mit ihrer provozierenden Art dem Leser anfangs wenig geheuer sind, wird beim Weiterlesen aber zunehmend deutlich.

Dass man hier ganz Großes liest, bleibt einem nicht lange verborgen. An „Tigermilch“ stimmt einfach alles. Nini und Jameelah sind Figuren, die sperrig, aber authentisch sind, mit denen man hadert, mit denen man aber schon bald auch mitfiebert und die man liebgewinnt, auch wenn man ihrer Taten wegen immer wieder mal die Nase rümpfen mag. Bei den anderen Figuren des Buchs geht es einem nicht anders: Da sind Lukas und Nico oder auch Amir, der sich selbst des Mordes bezichtigt – sie alle wandern auf dem Grat, stimmig in der Figurenzeichnung, in ihrem Wesen aber widersprüchlich und kantig zu sein. Insbesondere Nini ragt hier heraus, Stefanie de Velasco lässt sie als Erzählerin das, was passiert, immer wieder grandios beschreiben:

Manchmal muss die Musik aber laut sein, auch wenn einem noch tagelang die Ohren schallern, manchmal kann die Musik gar nicht laut genug sein, damit man das Leben nicht hört, und heute, da will ich das Leben nicht hören. (S. 142)

In diesem Satz klingt an, was Stefanie de Velascos Roman ebenfalls ausmacht: Er hat eine eigene Sprache. Es sind nicht nur passgenaue und ungewöhnliche Ausdrücke, die man in „Tigermilch“ findet, darüber hinaus lässt die Autorin ihre Figuren immer wieder mit der Sprache spielen:

Was machst du da, sage ich und schaue dabei zu, wie Amir abwechselnd Pommes und Kinderschokolade isst.
Das schmeckt gut, sagt er, probier mal.
Nee.
Ehrlich, sagt Amir, schmeckt irgendwie wie Fleisch, nur süß.
Rinderschokolade, sagt Jameelah.
Ich muss lachen.
Rinderschokolade, sagt Jameelah, Rindergarten.
Rindersitz, Rinderausweise, sage ich.
Rindergeld!
SOS-Rinderdorf! (S. 50f)

Das ist eine brillante Stelle, und Ähnliches findet man in „Tigermilch“ immer wieder. Dass im Buch die Schwere der Geschichte auf der Sprachebene auf diese Art und Weise ab und an aufgehoben wird und heitere Momente durchblitzen, tut dem Buch jedenfalls gut und kann ebenfalls zu dessen Stärken gezählt werden.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Was für ein Roman! Stefanie Velascos Buch füllt eine Lücke aus, die nach den frühen Jugendromanen von Zoran Drvenkar („Touch the flame“ und „Cengiz & Locke“) niemand mehr so richtig füllen konnte. „Tigermilch“ ist ein Buch, das die Zerbrechlichkeit von Jugendlichen schildert, die sich im Großstadtdschungel zurechtfinden müssen. Den Halt bekommt man nicht durch seine Familie („richtige“ Familien gibt es hier sowieso nicht mehr); Jameelah und Nini suchen ihn am anderen und in ihren Freunden; und das ist ein gewagtes Spiel, das die Möglichkeit des Scheiterns beinhaltet.

All das packt Stefanie Velasco in eine Geschichte, bei der alles stimmt: das Tempo, die Figuren, die Dramaturgie (mit einem Mord kurz vor der Mitte) und einem gelungenen und nicht weichgezeichneten Ende. „Tigermilch“ ist eine Entdeckung und für mich zweifelsohne eines der besten Bücher des vergangenen Jahre. „Tigermilch“ ist außerdem ein Debütroman, der mich gespannt darauf warten lässt, was von Stefanie de Velasco noch kommen mag …

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(Ulf Cronenberg, 15.01.2014)

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