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Buchbesprechung: Benjamin Constable „Die drei Leben der Tomomi Ishikawa“

constable_lebenLesealter 15+(script5-Verlag 2013, 383 Seiten)

Es gibt Bücher, an denen man wegen ihres Covers oder wegen ihres Titels vorbeigeht. So war das bei mir auch bei Benjamin Constables Debütroman „Die drei Leben der Tomomi Ishikawa“. Eine Freundin hat mir dann aber begeistert von dem Buch erzählt, so dass es doch noch den Weg zu mir gefunden hat. Benjamin Constable (Jahrgang 1968) hat nicht gerade in jungen Jahren zu schreiben angefangen. Bevor er seinen Weg zur Literatur gefunden hat, hat er schon einiges andere in seinem Leben gemacht: in Bars gearbeitet, Bilder gemalt und in Bands gespielt.

Inhalt:

Ben ist Engländer, lebt aber wie Tomomi Ishikawa, seine gute Freundin mit japanisches Wurzeln, die in den USA aufgewachsen ist, seit einiger Zeit in Paris. Eine seltsame Freundschaft verbindet die beiden: Oft sind sie sich sehr nahe und vertrauen dem anderen Dinge an, die niemand sonst weiß, dann wieder verlieren sie sich auch ein wenig aus den Augen.

Ben ist geschockt, als er von Tomomi einen Abschiedsbrief bekommt, in dem steht, dass sie sich bereits umgebracht habe, wenn er die Zeilen liest. Dass seine Freundin immer wieder etwas depressiv war, wusste er – aber dass es so schlimm um sie steht, hätte er nicht gedacht. Mit ihm hat Tomomi immer viel gelacht.

Trotz des Abschiedsbriefs lässt Tomomi Ben jedoch nicht in Ruhe, denn sie hat ihm viele Dinge hinterlassen, darunter ihren Laptop mit eigenwillig benannten Ordnern, die Tagebuchaufzeichnungen sowie literarische Versuche enthalten. Schon bald bemerkt Ben, dass Tomomi darin rätselhafte Botschaften versteckt hat, die er entschlüsseln soll. Und so beginnt eine Art Schnitzeljagd durch Paris, bei der auf Ben an versteckten Orten immer wieder weitere Hinweise warten.

Ben fragt sich bald, was hier eigentlich los ist: Warum verrät Tomomi ihm auf diese seltsame Art und Weise mehr über ihr Leben? Dabei erfährt Ben auch Dinge, bei denen Ben nicht weiß, ob sie stimmen. Sind die Geschichten auf dem Laptop erfunden oder erzählen sie von Sachen, die Tomomi wirklich gemacht und erlebt hat?

Bewertung:

Wer sich an „Die drei Leben der Tomomi Ishikawa“ (Übersetzung: Sandra Knuffinke und Jessika Komina) mit seinen fast 400 Seiten heranwagt, wird bald bemerken, dass Ben Constable ein eigenwilliges, aber durchaus interessantes Buch geschrieben hat, wie man es vorher wohl noch nicht gelesen hat. Das geht damit los, dass man gleich zu Beginn verwundert feststellt, dass der Erzähler Ben in der Geschichte wie der Autor den Nachnamen Constable trägt. Da fragt man sich als Leser: Ist das ein Tagebuch oder eine autobiografische Erzählung; oder warum sonst tragen Autor und Erzähler den gleichen Namen?

Die ersten Seiten jedoch muss man erst einmal überstehen. Ein bisschen sehr wortreich, weitschweifend und affektiert liest sich der kurz nach dem Beginn abgedruckte Abschiedsbrief von Tomomi. Und auch die Schnitzeljagd durch Paris, die folgt und die Ben u. a. an einen Ort unter der Erde im Metronetz führt, nimmt anfangs noch nicht so richtig Fahrt auf. Belohnt wird man für das anfängliche Durchhaltevermögen erst, als Ben auf der Suche nach Tomomis Vergangenheit nach New York kommt, wo Tomomi früher gelebt hat und Ben an ihrem früheren Leben teilhaben lassen will.

Was der Grund dafür ist, dass das Buch hier auf einmal interessanter wird? Die Geschichte spielt sich nicht mehr nur zwischen der verstorbenen Tomomi und dem suchenden Ben ab, sondern es kommt eine weitere Figur hinzu: Ben trifft in New York auf der Suche nach Hinweisen zu Tomomis Leben auf Beatrice, eine nicht mehr ganz junge promovierende Studentin. Anfangs scheint es nicht so, als wäre Beatrice an Ben interessiert, aber schon bald begleitet sie Ben auf den Streifzügen durch New York.

Was dann auf den Leser wartet, wird immer verwirrender: Irgendwann merkt Ben, dass Beatrice etwas mit Tomomi zu tun hatte und sie kannte, und Ben fragt sich nicht nur einmal, ob er eigentlich an der Nase herumgeführt wird. Diese Verwirrung, die Ben irgendwann unvermittelt trifft, überträgt sich auch auf den Leser. Und der wird damit in ein seltsames Verwirrspiel hineingezogen, bei dem er auch nicht weiß, was hier eigentlich vor sich geht. Für den Leser kommt ja noch eine zweite Ebene hinzu: Ben als Autor ist doch nicht Ben als Erzähler, oder? Und Tomomi ist doch nicht die Tomomi ihrer Geschichten?

Man kann sich diesem Verwirrspiel irgendwann nicht mehr entziehen, fängt an, es zu bewundern, und am Ende treibt Ben Constable es als Autor gehörig auf die Spitze (doch darüber sei verständlicherweise nichts verraten). Neben einiger unerwarteter Wendungen im Verlauf des Buchs hat mir auch gefallen, dass das Buch geistreich abgefasst ist. Manchmal sind die Briefe Tomomis ein wenig weitschweifend, aber dann wieder liest man Geschichten von ihr, die mitunter Heftiges erzählen, aber zugleich auch reizvoll und dicht sind.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Wären da nicht die ersten 150 Seiten gewesen, die mir ein wenig zu langatmig waren, hätte Ben Constables „Die drei Leben der Tomomi Ishikawa“ ohne Wenn und Aber 5 Punkte bekommen. Doch leider braucht das Buch ein wenig zu lange, bis es zu der Höchstform aufläuft, die mich begeistert hat. Ben Constables Roman ist ein Buch voller unerwarteter Wendungen, es schlägt hasengleich Haken, es ist nicht vorhersehbar, und es weiß darüber hinaus zu gefallen, weil es eine geistreiche und intelligente Geschichte erzählt.

Für Leser unter 15 Jahren ist „Die drei Leben der Tomomi Ishikawa“ sicher nichts, sondern eher etwas für ältere Jugendliche und junge Erwachsene. Denen sei Ben Constables Debütroman aber empfohlen.

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(Ulf Cronenberg, 07.01.2014)

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