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Buchbesprechung: Jesse Andrews „Ich und Earl und das sterbende Mädchen“

andrews_earl_maedchenLesealter 14+(Verlag Heyne fliegt 2013, 304 Seiten)

Eine Zeitlang waren Leukämie-Bücher besonders in, Bücher mit dem Thema überschwemmten förmlich den Markt – man denke an „Superhero“ von Anthony McCarten oder Sally Nicholls „Wie man unsterblich wird“, um nur zwei zu nennen. Erst kürzlich wurde John Greens „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von der Jugendjury mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. All diese Bücher handeln von jungen Menschen, die an Krebs sterben. Auch im Jugendroman des Amerikaners Jesse Andrews geht es um ein Mädchen, das Leukämie hat – also nicht gerade ein neues Thema, das hier jedoch etwas anders aufgegriffen wird.

Inhalt:

Greg geht das letzte Jahr auf die Highschool, und seine Devise ist es, in der Hölle der Highschool möglichst wenig aufzufallen. Dementsprechend lässt Greg auch niemanden an sich heran und hält sich von allen Gruppen – seien es Gruftis, Leute von der Theatergruppe oder Nerds – fern. Das bedeutet allerdings auch, dass Greg eigentlich keine Freunde hat. Nur mit Earl, einem etwas verwahrlosten schwarzen Jungen, trifft er sich immer wieder. Die beiden haben ein gemeinsames Hobby: Sie drehen Filme, die sie jedoch selbst für so abgedreht und schlecht halten, dass niemand anderes sie sehen soll.

Rachel ist ein Mädchen, das Greg schon aus Sandkastenzeiten kennt, mit dem er aber in letzter Zeit eher wenig zu tun hat, obwohl es immer wieder in den gleichen Kursen ist wie er. Nicht gerade zimperlich hat er sie auch mal abblitzen lassen, als Rachel seine Nähe gesucht hat. Von seiner Mutter erfährt Greg, dass Rachel Leukämie hat, und seine Mutter möchte, dass er sich deswegen etwas mehr um das Mädchen kümmert.

Bei den ersten Kontaktaufnahmen – von Gregs Seite aus eher etwas unbeholfen – gibt diese ihm jedoch einen Korb. Dann treffen sich beide schließlich doch. Greg weiß nicht so recht, wie er mit Rachel und ihrer Krankheit umgehen soll. So greift er zu dem einzigen Mittel, das er kennt: Er spielt den Clown und macht blöde Sprüche. Wider Erwarten findet Rachel das witzig, und so entsteht doch so etwas wie eine Freundschaft zwischen den beiden, auch wenn Greg das nicht zugeben würde. Die Situation wird prekär, als klar ist, dass Rachel wohl nicht mehr lange zu leben hat.

Bewertung:

Hups, was ist das für ein Buch. Greg erzählt die Geschichte ziemlich hemmungslos, berichtet davon, wie er sich von allem und allen fernhält, macht sich selbst und seine ganze Mitwelt runter … Er schwadroniert über Mädchen, über sein eigenes, eher unansehnliches Aussehen und über die Gruppen auf der Highschool. Ziemlich zynisch ist das Ganze und dadurch unterhaltsam, vor allem aber auch immer wieder witzig.

Dass das Buch auch eine ernste Seite hat, kann man sich wegen des Buchtitels ja schon denken, aber die ersten knapp 100 Seiten sind ein Feuerwerk des schonungslos Draufloslaberns, das es in sich hat. Nach 30 Seiten habe ich mir gedacht: Das wird irgendwann langweilig. Aber das wurde es ganz und gar nicht …

Greg ist auf seine Art eine sympathische und glaubwürdige Figur, die man mögen muss – auch wenn er einige Unzulänglichkeiten hat. Bizarr ist auch seine Freundschaft mit Earl, der nicht gerade auf der Sonnenseite der Welt lebt: Earls Mutter ist Alkoholikerin und tablettensüchtig, bei ihm zuhause sieht es aus wie in einem Saustall, seine Brüder sind mehr oder weniger gewalttätig und kriminell. Gemeinsam ziehen sich Earl und Greg Filme rein, die nicht unbedingt etwas für ihr Alter sind, und gemeinsam machen sie Filme, die sie niemandem zeigen möchten: dilettantisch – aber sie haben ihren Spaß dabei.

Als Rachels Leukämie diagnostiziert wird, verändert sich in dem Buch einiges … Greg ist unsicher, wie er mit Rachel umgehen soll, bemüht sich aber, ihr zur Seite zu stehen, indem er sie zwang- und krampfhaft aufzuheitern versucht. Sogar Gregs und Earls Filme bekommt Rachel zu sehen. Das Aufheitern gelingt Greg streckenweise auch – zugleich hadert er jedoch mit seinen hilflosen Versuchen, Rachel eine Stütze zu sein.

Als klar wird, dass Rachel den Kampf gegen die Krankheit verlieren wird, bekommt das Buch nach und nach eine etwas tragischere Note. Anfangs bleibt das Buch trotz der verheerenden Wendung dennoch erfrischend politisch unkorrekt, weil Greg seine Schnodderschnauze beibehält – doch nach und nach verliert sich das ein wenig. Ehrlich gesagt fand ich das etwas schade. „Ich und Earl und das sterbende Mädchen“ wird kein typisches Problembuch, aber es büßt einiges des Witzes, der das Buch so lange ausgemacht hat, ein. Das erfrischende Versprechen, das Greg als Erzähler am Anfang gegeben hat, dass das kein typisches Buch über Krebs sei, das dem Tod eine Bedeutung abzugewinnen versuche, wird hier leider in sich aufgehoben. Am Ende hat Greg sich nämlich doch in seinem Leben weiterentwickelt und hat durch die Zeit mit Rachel ein Stückchen mehr zu sich selbst gefunden. Vielleicht ist das logisch, denn Menschen lernen in Krisenzeiten oft mehr, als wenn es ihnen gut geht. Für das Buch selbst ist es jedoch eher bedauerlich, dass es hier nicht Wort gehalten hat.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Mit etwas Distanz betrachtet, ist „Ich und Earl und das sterbende Mädchen“ die Geschichte eines Jungen, der im Leben schwimmt und nicht so recht weiß, was er mit sich und der Welt anfangen soll. Ich habe mich köstlich über Gregs Beschreibungen amüsiert – es ist bewundernswert, wie lange Jesse Andrews es durchhält, ein witziges Feuerwerk abzubrennen, ohne dass Langeweile aufkommt. Dass das Buch am Ende etwas schwächelt und sich anderen Büchern über Leukämie annähert, die tragischen Momente zunehmen, sei dem Buch verziehen – auch wenn hier der Geschichte die anfangs versprochene Konsequenz fehlt … Trotzdem hätte ich mir das auf den letzten 100 Seiten anders gewünscht.

„Ich und Earl und das sterbende Mädchen“ sprudelt jedoch über weite Strecken vor skurrilen Ideen und Geschichtchen – und das ist angesichts des ernsten Themas, um das sich das Buch dreht, schon etwas Besonderes. Jesse Andrews’ Debütroman empfiehlt sich damit insbesondere für Jungen, die Humor haben und mal ein anderes Buch lesen wollen – jenseits von Spannung und Abenteuer.

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(Ulf Cronenberg, 05.12.2013)

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