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Buchbesprechung: Junot Díaz „Und so verlierst du sie“

diaz_verlierstLesealter 16+(S. Fischer-Verlag 2013, 268 Seiten)

„Der literarische Superstar des Amerikas von Barack Obama“ – das ist doch mal eine Aussage … Zu lesen ist sie auf einem Aufkleber, der sich auf Junot Díaz Kurzgeschichten-Band „Und so verlierst du sie“ befindet. Mal ganz ehrlich: Das ist eine Werbeaussage, die es in sich hat. „Literarischer Superstar“ – klingt das nicht gut und nach „Das muss ich gelesen haben, sonst habe ich was verpasst!“? Und „Amerika von Barack Obama“ – was damit wohl gemeint ist? Dass die Großmacht multikultureller geworden ist, weil sie einen farbigen Präsidenten hat? Dass der amerikanische Staat auch unter Obama unverfroren und nicht gerade auf Grundlage demokratischer Gesetze in den Daten anderer schnüffelt und den Internetverkehr überwacht – darauf wird hier sicher nicht angespielt …

Aber sei’s drum. Es soll hier ja um ein Buch gehen. Junot Díaz ist, seitdem er für seinen Roman „Das kurze Leben des Oscar Wao“ 2007 den Pulitzer-Preis, die wichtigste amerikanische Literaturauszeichnung, bekommen hat, einer der Großen, und der vorliegende Band versammelt Kurzgeschichten, von denen viele durch die Hauptfigur Yunior und dessen Familie zusammengehalten werden.

Yunior ist so etwas wie das Alter Ego von Junot Díaz, und die beiden haben einiges gemeinsam. Sie kommen beide aus der Dominikanischen Republik und leben in den USA, sind also Einwandererkinder. Yunior kennt Rückenprobleme – Díaz hat sie auch … Und beide werden am Ende Schriftsteller. Wo jedoch die Unterschiede liegen – das weiß ich nicht so genau. Yunior ist jedenfalls eine nicht gerade sympathische Figur, die sich in der ersten von neun Geschichten mit dem Satz „Ich bin kein schlechter Kerl.“ vorstellt. Was folgt – und davon handeln viele der anderen Kurzgeschichtem mit Yunior als Hauptfigur – sind wenig heldenhafte Frauengeschichten. Yunior gibt sich als Macho, schaut nur auf die Kurven von Frauen und denkt ans Vögeln, er geht fremd, hat eine Beziehung mit einer deutlich älteren Lehrerin seiner Schule etc.

Ja, sympathisch geht anders. Und nach den ersten drei Geschichten war ich eher geneigt, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Doch je weiter man liest, desto mehr entwickelt sich ein Gesamtbild, das mich zunehmend beschäftigt und mir zunehmend gefallen hat. Der Wendepunkt war für mich die vierte Geschichte („Otravida, Otravez“), die eine andere Erzählerin hat. Endlich kommt eine Frau zur Sprache, die sich als Migrantin in den USA durchs Leben schlägt. Yasmin arbeitet in einer Wäscherei, hat eine Beziehung mit einem ausländischen Mann, der eigentlich verheiratet ist und von seiner Frau nach wie vor Briefe bekommt. Yasmin erzählt von ihren Ängsten, vom Schicksal anderer Mädchen und Frauen, vom harten Leben in den USA als Migrantin und von der Gratwanderung, einem verheirateten Mann zu vertrauen, dessen Frau im Ausland wie eine dunkle Wolke über der Beziehung schwebt.

Doch auch das Macho-Gehabe von Yunior erfährt nach und nach eine gewisse Läuterung. Gegen Ende des Buches versteht man, in was für einer Welt Yunior aufgewachsen ist: vom Vater mit Bruder und Mutter in die USA geschleppt, dort in den ersten Jahren in einer Bruchbude unter Verschluss gehalten und nicht gerade zimperlich behandelt. Die Mutter wird – all ihrer Freundinnen beraubt – selbst zunehmend unglücklich, und Rafa, Yuniors Bruder und Weiberheld hoch Zehn, erkrankt schließlich an Krebs. Es ist nicht Mitleid, um das es Junot Díaz geht, nein, ich glaube er schreibt Teile seines eigenen Lebens (wahrscheinlich überpointiert) nieder, um sie selbst zu dekonstruieren und verstehen zu können.

Darüber hinaus ist Junot Díaz jemand, der einen eigenen Stil hat. Lakonisch und distzaniert einerseits, witzig, aber auch ernst andererseits trägt er seine Geschichten vor. Da schreibt Yunior zum Beispiel über seine Mutter:

„Vor dieser Sache hatte sie mit der Kirche nie viel anfangen können, aber sobald wir auf dem Planeten Krebs gelandet waren, drehte sie jesusmäßig so ab, dass sie sich wahrscheinlich sogar ans Kruez genagelt hätte, hätte sie eines zur Hand gehabt. Im letzten Jahr war sie ein einziges Ave Maria.“ (S. 124)

Am Ende mag man Yunior eben doch, und „Und so verlierst du sie“ kann man zunehmend mehr abgewinnen … Es ist außerdem ein gutes Zeichen, wenn man ein Buch aus der Hand legt und es nicht einfach vom eigenen Leben und seinen Anforderungen hinweggespült wird. So ist es mir mit Junot Díaz’ Buch gegangen.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. „Und so verlierst du sie“ ist kein Jugendbuch – das war mir schon beim Lesen klar … Denn Junot Díaz zielt auf etwas anderes ab, als in den Sätzen steht, und das muss man zu lesen wissen. Vordergründig geht es viel um Kiffen, Vögeln, Machosprüche, manchmal auch Selbstmitleid und Depression. Doch wer das Buch nur auf dieser Ebene liest, wird damit nicht glücklich werden. Der Kurzgeschichten-Band erhält seinen Reiz erst dadurch, dass man zwischen die Zeilen blickt. „Und so verlierst du sie“ ist eine manchmal sehr ernste, manchmal schelmenhaft erzählte Geschichtensammlung, die davon berichtet, wie ein Junge als entwurzeltes Migrantenkind zu sich selbst zu finden versucht. Und das ist, hat man sich darauf eingelassen, spannend.

Dennoch: Ich glaube nicht, dass man dieses Buch im Alter vor 16 Jahren lesen sollte. Junot Díaz‘ Buch ist eher etwas für junge Erwachsene – und ob man sich zu diesen zählt, kann jeder selbst entscheiden.

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(Ulf Cronenberg, 27.11.2011)

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