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Buchbesprechung: Sarah N. Harvey „Arthur oder Wie ich lernte, den T-Bird zu fahren“

harvey_t-birdLesealter 13+(dtv 2013, 235 Seiten)

Oh, die Zeit der alten amerikanischen Schlitten … Sicher, man konnte mit einem Ford Thunderbird elegant durch die Gegend cruisen, aber über den Benzinverbrauch sprechen wir mal lieber nicht. Auch wenn man es meinen könnte: Die Kanadierin Sarah N. Harvey hat hier kein Buch über ein Auto oder einen Roadmovie geschrieben, wie man bei dem Titel vermuten könnte. Nein, es geht eigentlich um etwas ganz anderes: um den Großvater eines Jungen, der (gemeint ist natürlich der Großvater) bereits 95 Jahre alt ist, zunehmend schrulliger wird und wohl nicht mehr lange zu leben hat.

Inhalt:

Wegen seines Großvaters ist Royce mit seiner Mutter umgezogen. Artur kann sich mit seinen 95 Jahren nicht mehr gut alleine versorgen und wird zunehmend hilfsbedürftiger. Für Royce war es ziemlich hart, seine Freunde verlassen zu müssen, und noch immer fühlt er sich in der neuen Umgebung nicht heimisch. Mehrere Monate war Royce auch nicht mehr in der Schule, weil er Pfeiffersches Drüsenfieber hatte, nun fragt er sich, was er in den Wochen bis zum Ende der Sommerferien machen kann. Ein bisschen Geldverdienen fände er nicht schlecht …

Seine Mutter hat auch gleich einen Vorschlag: Nachdem der Großvater alle bisherigen Pflegekräfte, die die Mutter eingestellt hat, nach kurzer Zeit rausgeekelt hat, könnte Royce gegen gute Bezahlung für die nächsten Wochen ja diesen Job übernehmen. Auch wenn Royce nicht gerade begeistert davon ist: Das Geld lässt ihn das Angebot schließlich annehmen, und so steht er kurz darauf bei Artur im Haus, um sich um ihn zu kümmern.

Artur war früher ein bekannter Cellist, der auf der ganzen Welt herumgereist ist und bei namhaften Politikern, Schauspielern und Musikern ein und aus gegangen ist. Doch schon früher hatte er nicht nur sympathische Wesenszüge: Frauen gegenüber konnte und kann er anzügliche Bemerkungen nicht sein lassen, er war schon immer ein Frauenheld und Lebemann.

Wie zu erwarten war, lässt Artur auch bei seinem Enkel den Kotzbrocken heraushängen: Er kommandiert Royce herum, schnauzt ihn wegen Kleinigkeiten an, dann wieder kann er auch mal nett sein – so z. B. als er und Royce mit dem in der Garage stehenden 59er Ford Thunderbird eine Spritztour machen. Doch Arturs gute Laune hält nie lange … Es ist ein ständiges Auf und Ab mit ihm.

Bewertung:

Dass Titel und Covers des Buchs etwas irreführend sind, habe ich ja schon erwähnt. Denn in „Arthur oder Wie ich lernte, den T-Bird zu fahren“ (Übersetzung: Ulli und Herbert Günther) geht es nicht um eine Auto oder einen Freund, wie man angesichts des Vornamens erwarten könnte, sondern um einen zunehmend dementer werdenden Großvater, dessen Gesundheitszustand sich verschlechtert.

Artur ist wirklich eine schrullige Figur. Er sitzt den ganzen Tag in seinem Haus, die Vorhänge trotz schönen Wetters und toller Aussicht aufs Meer zugezogen, schaut Fernsehen, hört sogar Popmusik, weiß aber nicht so recht was mit sich anzufangen. Als Royce dann seine Pflege übernimmt, kommandiert er ihn herum, beschimpft ihn, macht nicht gerade den Eindruck, als wüsste er Royce‘ Tätigkeit zu schätzen. Dass hinter all dem bei Artur auch ein weicher Kern verborgen liegt, bekommt man bald mit – doch Artur weiß ihn gut zu verstecken. Der Großvater ist eine schillernde Figur, die einem als Leser trotz seines Verhaltens seltsamerweise ans Herz wächst. Zumindest ehrlich ist er und spielt keine Rollen – auch wenn das meist unangenehm für seine Umwelt ist.

Royce seinerseits, durch den Wegzug aus seinem bisherigen Heimat gebeutelt, findet erstaunlicherweise durch seinen Großvater ins Leben zurück. Eine richtige Gefühlsachterbahn durchläuft der Junge: Oft könnte er seinen Großvater auf den Mond schießen oder vermöbeln, dann wieder hat er Verständnis für ihn und ist einfühlsam. Auf einem Gala-Abend zu Ehren seines Großvaters lernt Royce schließlich ein Mädchen kennen, mit dem er sich dann öfter trifft. Und durch die Ausflüge mit seinem Großvater – sei es zum Friseur oder ans Meer mit dem Thunderbird – kommt Abwechslung in sein Leben.

Ein herrliche Figurenkonstellation ist das jedenfalls: der Großvater eine Nervensäge mit einem gut versteckten weichen Kern, der von Selbstmitleid anfangs gebeutelte Royce, dazu noch dessen Mutter, die sich mit ihrem Vater und dessen Pflege eigentlich überfordert fühlt. Ganz nebenbei bekommt man mit – ein nicht gerade oft gesehenes Thema in Jugendromanen –, wie ein alter Mensch typische Anzeichen einer Demenz hat: mal klar im Geist, dann wieder ohne Erinnerung an kürzlich geschehene Dinge; und auch das aufbrausende Temperament gehört zu den typischen Kennzeichen der Demenz.

„Arthur oder Wie ich lernte, den T-Bird zu fahren“ erzählt eine Geschichte mit einer gekonnten Mischung aus Ernst und Humor. Am Ende wird das Buch eher tragisch, Royce schließt jedoch mit seinem neuen Leben Frieden und hat durch die Begegnung mit dem Großvater eine positve Entwicklung durchgemacht.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Sarah N. Harveys Jugendbuch ist ein kurzweiliger Roman, den man gerne liest. Das liegt zum einen an den Figuren (die Autorin wurde durch den Tod ihres eigenen Vaters zu dem Buch inspiriert), zum anderen an der Mischung aus Ernsthaftigkeit und witzigen und skurrilen Geschehnissen. Auf den ersten Blick wirkt „Arthur oder Wie ich lernte, den T-Bird zu fahren“ fast etwas harmlos, weil der Roman seine Geschichte so leichtfüßig erzählt, aber schon bald merkt man, dass das Buch durchaus einen ernsten Gehalt hat. Gute Jugendromane zeichnet oft genau das aus: dass sie schwierige Themen mit angenehmer Leichtigkeit behandeln. Manch Erwachsenenbuch kann sich da eine Scheibe davon abschneiden …

„Arthur oder Wie ich lernte, den T-Bird zu fahren“ ist – trotz der männlichen Hauptfigur – sowohl ein Buch für Jungen wie für Mädchen, ab 13 oder 14 Jahren, würde ich sagen. Selten wird man jedenfalls als Leser so gekonnt mit den Themen Altersdemenz und Tod konfrontiert. Ein Buch, das es sich zu lesen lohnt – ohne Zweifel.

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(Ulf Cronenberg, 29.10.2013)

Lektüretipp für Lehrer!

In einer 8. Klasse kann man Sarah N. Harveys „Arthur oder Wie ich lernte, den T-Bird zu fahren“ sicher gut im Deutschunterricht einsetzen. Die Mischung aus Unterhaltung und ernstem Thema mit dem schrulligen Artur einerseits, der Figur von Royce als Identifikationsfigur andererseits macht den Roman für Jugendliche, Mädchen wie Jungen, interessant. Es geht um vieles: um die Träume eines Jungen bezüglich Mädchen, um familiäre Probleme, um das Altwerden eines Familienmitglieds. Literarisch ist „Arthur oder Wie ich lernte, den T-Bird zu fahren“ nicht der ganz große Wurf, aber es ist letztendlich solide und gekonnt erzählt. Ein Buch mit dem man Jugendliche fürs Lesen ködern können dürfte.

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Kommentare (0)

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  3. Esther Denk

    Ich lese „Arthur“ gerade zum zweiten Mal mit einer Klasse, und wie beim ersten Mal macht es großen Spaß. Der Roman eignet sich ja besonders gut, um den SchülerInnen den Entwicklungsroman an sich vorzustellen, ohne dabei auf schwere Kost zurückgreifen zu müssen. Die Entwicklung der Protagonisten wird einem quasi auf dem Silbertablett serviert, die Wandlung von Royce dem langhaarigen Stubenhocker hin zum durchtrainierten Kurzhaar-Strahlemann, der die Dinge plötzlich recht selbstbewusst in die Hand nimmt, schreit gradezu nach der literarischen Charakteristik, nämlich einer, die auch Spaß macht und das stete Auf und Ab von Arthur, der sich schlussendlich ja trotz des hohen Alters auch noch entwickelt und über den man Stück für Stück mehr erfährt, wiederum bietet sich großartig für jene an, die es komplizierter lieben und die Herausforderung brauchen. Bei Royce musste ich übrigens sofort an Miles denken.
    Deine Seite ist einfach eine unglaubliche Bereicherung für meinen Deutsch-Unterricht, deshalb wollte ich dir das da lassen. Gerade eben habe ich mir wieder fünf Bücher bestellt, die du mit fünf Sternen bedacht hast. Danke für deine großartige Arbeit!

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Esther, vielen Dank für das Lob. Schön, dass sie dir Anregungen für den Deutschunterricht gibt. Das freut mich sehr.
      Und „Miles“ – meinst du die Hauptfigur aus „Eine wie Alaska“ von John Green?

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  4. Esther Denk

    ja 🙂

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