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Buchbesprechung: Alina Bronsky „Nenn mich einfach Superheld“

bronsky_superheldLesealter 15+(Kiepenheuer & Witsch 2013, 238 Seiten)

Mit ihrem Debütroman „Scherbenpark“ hat sich Alina Bronsky einen Namen gemacht. Das eigentlich als Erwachsenenroman veröffentlichte Buch (sofern man solche Kategorien bemühen mag) wurde sogar für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Schaut man Alina Bronskys weitere Bücher an, so bemerkt man, dass sie sich bisher im Zwischenland von Erwachsenen- und Jugendbuch bewegt. In den beiden Bänden der bis dato unvollendeten „Spiegelkind“-Trilogie lag der Schwerpunkt eher bei den Jugendlichen, das neue Buch „Nenn mich einfach Superheld“ dagegen ist wieder eher ein Roman für Erwachsene. Da das Buch jedoch eine jugendliche Hauptfigur hat, lässt es sich durchaus auch von Jugendlichen lesen …

Inhalt:

Marek ist vor einem Jahr von einem Rottweiler angefallen worden, und sein Gesicht ist seitdem stark entstellt, weswegen er es eigentlich immer hinter einer großen Sonnenbrille versteckt. Unter Menschen traut er sich so gut wie gar nicht mehr, und von seiner früheren Freundin Lucy hat er sich getrennt, weil diese – wie ihm schien – nur noch aus Mitleid mit ihm zusammen war. Seine Mutter Claudia möchte etwas für ihn tun und meldet ihn bei einer Gesprächsgruppe an, verheimlicht ihm aber aus guten Gründen, worum es geht.

Das erste Treffen der Gruppe geht Mareks Meinung nach ziemlich daneben. Der Gruppenleiter, den er wegen dessen Gutmensch-Ausstrahlung „Guru“ nennt, schafft es nicht wirklich ein Gespräch in Gang zu bringen. Marek will auch grundsätzlich nicht in eine Gruppe Behinderter und Versehrter gehen, denn er meint, dass bei ihm bis auf die Entstellung im Gesicht ja alles in Ordnung sei. Allerdings hat er sich sofort in eine der Teilnehmerinnen verliebt: Janne, die im Rollstuhl sitzt und ihm wegen ihrer tollen Augen gefällt.

Nicht nur wegen Janne geht Marek schließlich doch wieder zu der Gesprächsgruppe, deren Leiter kurz darauf etwas Größeres plant: Die Gruppe soll gemeinsam für eine Woche in ein Selbstversorgerhaus verreisen, um dort einen Film zu drehen. Auch wenn Marek eigentlich nicht mitkommen will, am Ende fährt er doch mit. Allerdings wird die Woche für Marek unterbrochen, weil sein Vater, der vor vielen Jahren das Au-pair-Mädchen der Familie geschwängert hat und seitdem nicht mehr bei Marek und Claudia lebt, ums Leben kommt. So reist Marek ab und kommt wieder in eine ganz andere Welt …

Bewertung:

So wie das Buch hier zusammengefasst ist, klingt das alles eher spröde – aber das ist „Nenn mich einfach Superheld“ ganz sicher nicht. Marek ist ein Jugendlicher, der auf alle(s) herabschaut, alle(s) auf Distanz hält und nichts an sich herankommen lässt. Dass der tragische Vorfall, der ihn so entstellt hat, daran Schuld ist, liegt auf der Hand. Marek hat Angst davor, auf andere Leute zuzugehen, weil diese auf seine Gesichtsentstellung recht brüsk (sei es mit Mitleid oder mit Abscheu) reagieren.

Ein Buch über einen im Gesicht entstellten Jugendlichen zu schreiben, ist kein einfaches Unterfangen, will man sich nicht auf die Mitleidstour einlassen. Mit den skurrilen Figuren, einer Hauptperson, die zynisch auf die Welt blickt und alles abwertend kommentiert, lässt Alina Bronsky jedoch kein Mitleid aufkommen. Bezüglich Marek als Figur begibt man sich stattdessen auf eine Achterbahnfahrt: Mal mag man ihn, hat Verständnis für ihn, dann wieder findet man ihn unsympathisch, weil er so großkotzig daherkommt. Das führt dazu, dass „Nenn mich einfach Superheld“ von Beginn an unterhaltsam ist und das größtenteils auch bleibt.

Was die Figuren angeht, hat mich Alina Bronskys Roman übrigens gerade zu Beginnn ein wenig an John Greens gerade erst von der Jugendjury mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis bedachtes „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ erinnert. Auch dort gibt es eine Selbsthilfegruppe von schwerkranken und körperbehinderten Jugendlichen, die ähnlich exzentrisch erscheinen. „Nenn mich einfach Superheld“ nimmt später jedoch eine andere Wendung und entwickelt sich im Gegensatz zu John Greens Buch eher zu einer Art Schelmenroman.

Doch leider hat „Nenn mich einfach Superheld“ eine deutliche Schwäche: Mit dem Spannungsbogen des Buchs war ich nicht so recht glücklich. Die ersten 50 Seiten liest man gerne und erfreut sich an dem ungewöhnlichen Szenario. Man ist gespannt auf das gemeinsame Wegfahren der Gruppe, kann sich vorstellen, dass hier ungewöhnliche Dinge passieren – doch seltsamerweise ist das Buch hier am schwächsten. Womit es Alina Bronsky hier übertreibt, ist die Dreiecksgeschichte, in die Janne, Marek und der blinde Marlon hineinstolpern. Das Hin und Her zwischen Janne und Marek, dessen rüde und übertriebene Eifersuchtsanfälle sind in dieser Länge so nervig wie unnötig. Man kapiert auch so, dass Marek ein emotionales Pulverfass ist … Eine Portion Slapstick zu viel bekommt man hier geboten.

Zur Größe des Beginns läuft der Roman erst wieder im letzten Drittel auf, als Marek im Haus seines gestorbenen Vaters ist und in eine Großfamiliensituation stolpert, die ihn überfordert. Die Figuren, die hier neu ins Buch kommen, treiben die Geschichte wieder voran und bringen Abwechslung und Tempo zurück. Marek wird mit Dingen konfrontiert, die ihn an seine Grenzen bringen und zwingen, seine sich selbst nicht eingestandene Opferrolle zu hinterfragen und schließlich immer mehr aufzugeben.

Fazit:

4 von 5 Punkten. In der Mitte ein Hänger, davor packend und am Ende wieder gelungen – so könnte man „Nenn mich mein Superheld“, Alina Bronskys neues Buch, aus meiner Sicht zusammenfassen. Dass eine ungewöhnliche Geschichte erzählt wird, dass die Figuren alles andere als langweilig sind, dass es ein heiteres, aber nicht verharmlosendes Buch über eine ernste Sache ist, muss man dem Buch zugutehalten. Dass der Spannungsbogen einen Knick in der Mitte hat, ist dagegen schade.

Ist „Nenn mich einfach Superheld“ ein Buch, das Jugendliche lesen sollten? So eindeutig lässt sich die Frage nicht beantworten. Man sollte schon ein etwas erfahrenerer Leser sein, lässt man sich auf das Buch ein. Der manchmal etwas waghalsige und zynische Humor ist sicher nichts für jüngere Leser, und es gibt ein paar Stellen in dem Buch, die es ebenso nicht sind (warum muss wieder ein Jugendlicher – wie schon in „Scherbenpark“ – mit jemand Erwachsenem Sex haben?). Doch wer den Blick ein wenig über den Tellerrand der Jugendliteratur werfen mag, der ist mit Alina Bronskys Buch gut beraten.

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(Ulf Cronenberg, 19.10.2013)

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