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Buchbesprechung: Nils Mohl „Stadtrandritter“

mohl_stadtrandritterLesealter 16+(Rowohlt-Verlag 2013, 685 Seiten)

Hui, das Pink und Lila auf dem Cover knallen ganz schön rein, und die Kreuze zeigen auch gleich, welches Überthema Nils Mohls zweiter Band der Stadtrandsaga hat: Stand das mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2012 ausgezeichnete „Es war einmal Indianerland“ unter dem Oberthema Liebe, so geht es diesmal um den Glauben. Mauser und Edda, die Hauptpersonen aus „Es war einmal Indianerland“ sind diesmal nur Randfiguren, in „Stadtrandritter“ treten zwei neue Figuren ins Rampenlicht, die jedoch ebenfalls in der gleichen Plattenbausiedlung (angelehnt an das Hamburger Jenfeld) leben … Nun, ich war wirklich gespannt auf Nils Mohls neues Werk.

Inhalt:

Vor fast drei Jahren kam Silvester Lanzens ältere Schwester Kitty ums Leben: Sie erlag einem Schlaganfall – in so jungen Jahren kommt das nicht häufig vor, ist aber nicht ausgeschlossen. Noch immer trauert Silvester, zumal es Hinweise dafür gibt, dass Kitty nicht so schnell geholfen wurde, wie es möglich gewesen wäre.

Silvester ist mit der selbstbewussten Domino zusammen, obwohl die beiden so unterschiedliche Interessen haben. Als er jedoch Merle, in die er schon früher verliebt war, wiederbegegnet (sie war ein Jahr auf Schüleraustausch im Ausland), funkt es zwischen den beiden gleich wieder. Doch einfach ist alles nicht: Domino will Silvester nicht loslassen und spielt mit diesem ein Spiel. Silvester ist sich zwar sicher, dass Merle etwas Besonderes ist, dennoch verhält er sich nicht immer richtig. Und Merle schließlich will sich nur auf eine Beziehung einlassen, wenn es etwas Ernstes ist.

Über Silvester, aber auch Edda kommt Merle zur Jugendgruppe von Pastor Kamp – von allen nur Christian genannt – in der Gemeinde vor Ort. Eigentlich hat Merle mit dem Glauben nicht viel am Hut, aber in der Gruppe, die unter anderem Konfirmanden betreut, fühlt sie sich wohl. Und auch Christian findet sie nicht nur interessant, sondern sie fühlt sich auch ein wenig zu ihm hingezogen – was auf Gegenseitigkeit beruht.

Und dann ist da noch Kondor, ein schräger Vogel, der für einen Bandenchef in der Plattenbausiedlung krumme Dinge dreht, zugleich aber auch immer wieder den Kontakt zu Silvester sucht. Was in Kondor vorgeht, weiß niemand so recht. Kondor macht blödsinnige Sachen, aber die Gruppe um Christian Kamp will ihm trotzdem helfen, ein neues Leben zu beginnen. Nicht gerade ein einfach umzusetzender Plan …

Bewertung:

Die Inhaltsangabe zu „Stadtrandritter“ aufzusetzen, war gar nicht so einfach. Im Gegensatz zu „Es war einmal Indianerland“ mit seinem lange unbenannten Ich-Erzähler, der sich später als Mauser darstellt, gibt es zwar von Anfang an zwei Erzähler (Silvester und Merle), aber wie man das auch schon aus dem Vorgängerbuch kennt, greifen die Erzähl- und Zeitebenen immer wieder ineinander. Es geht nicht ganz so rasant wie in „Indianderland“ zeitlich vorwärts und zurück, aber die Zeitsprünge sind da. Als Leser springt man z. B. von Anfang Oktober mit dem Erzähler Silvester zurück in den August und September, wo Merle berichtet.

Fixpunkt ist dabei immer eine Situation, auf die das Buch am Ende zusteuert, eine – man ahnt es – Katastrophe: der Ausbruch eines Feuers. Mehr weiß man anfangs jedoch nicht, weil das Buch hier unbestimmt bleibt, wenn es am Anfang der Kapitel z. B. heißt: „Samstag, drei Wochen vor Ausbruch des Feuers“. Diese Erzählstruktur macht „Stadtrandritter“ zu keiner ganz einfachen Lektüre – man muss sich als Leser das Geschehen zusammmenbasteln. Da die Zeitsprünge jedoch nicht zu häufig auftreten (so alle 50 bis 80 Seiten), kann man alles in allem jedoch ganz gut mithalten.

Was „Stadtrandritter“ auszeichnet, sind die Dialoge, in denen sehr geschickt und detailliert, die Gedanken, Gefühle und Stimmungen der Figuren beschrieben werden. Ja, das beherrscht Nils Mohl wirklich gut, und das alles erinnert einen an einen gelungenen Film. Überhaupt bedient sich Nils Mohl aus dem Repertoire von Drehbüchern, wenn er z. B. in die Kapitel immer wieder kursiv gedruckte Interviewfetzen („The Making-of“) und nachgestellte Szenen („Bonusmaterial“) einstreut. Während in den Making-of-Stellen Roman-Figuren über sich selbst Auskunft geben, als wären sie interviewt worden (auch das ist eine beliebte Filmtechnik), werden im Bonusmaterial einige Ereignisse personal (also nicht in der Ich-Form) nacherzählt. Hier wechselt auch das Tempus vom sonstigen Präsens ins Präteritum. Dass in den Making-of-Szenen die Figuren in der Er-Form über sich selbst nachdenken, hat mich anfangs irritiert – bis ich verstanden habe, dass die Figuren wohl dazu angehalten wurden, möglichst sachlich über sich zu reden. Dennoch: Einige dieser Interview-Szenen wirken auf mich seltsam holperig und gekünstelt im Vergleich zum sonstigen Buch.

„Stadtrandritter“ hat wieder diesen typischen Nils-Mohl-Stil, der mir gut gefällt. In die stilistische Trickkiste wird gegriffen, wenn Aufzählungen ohne Kommas zwischen den Wörtern niedergeschrieben sind; immer wieder finden sich ungewöhnliche Sätze und Formulierungen in dem Text. Zwei Beispiele – Merle beim Baden und bei einer Begegnung mit Silvester – seien angeführt:

„Und so sitze ich dann da, in einer gebirgigen Schaumlandschaft, weiter Gute-Laune-Songs summend, eine Grübchenriesin.“ (S. 134)

„Und du? Du siehst zu mir hin, nachdem die anderen weg sind, greifst dir in die (allerdings auch heute besonders schön) zerstrubbelten Haare, spendierst mir ganze zwei Doppelsilben.
– Allseits beliebt, sagst du.
Dieses vieldeutige Lächeln um die Mundwinkel.“ (S. 138)

Und weil es so schön ist, noch ein weiteres Zitat, in dem Merles Reaktion auf Silvester beschrieben wird:

[…] er dringt damit aber nicht mehr zu ihr durch, sie hat Beton angerührt.“

Das alles sind Formulierungen, die man selten in Jugendromanen findet, die zeigen, dass Nils Mohl stilistisch in einer besonderen Liga spielt.

Dass es in der Plattenbausiedlung – zum Teil noch etwas heftiger als in „Es war einmal Indianerland“ – nicht gerade zimperlich zugeht, ahnt man. Da gibt es Bandenchef Brandes III, der die Strippen zieht und seine Gefolgsleute im Griff hat. Die Fehde zwischen ihm und Silvester, die sich im Laufe des Buches aufbaut, kennt nicht gerade zartbesaitete Höhepunkte.

Was unterm Strich bleibt, ist eine Geschichte über Silvester und Merle, die sich schwer tun, zueinander zu finden, sich wie bei einem Pingpongspiel immer wieder näher kommen, um sich daraufhin wieder voneinander zu entfernen. Ihnen passieren schlimme Dinge, sie fragen sich immer wieder, wie sie im Leben weitermachen sollen. Das ist das religiöse Moment des Buches, die Frage, die zwischen den Zeilen aufgeworfen wird: Wofür leben wir? Wie kommen wir mit all dem, was uns passiert, zurecht? Antworten auf solche Fragen hat das Buch nicht (oder sind sie nur mir verborgen geblieben?). Aber das ist sicher auch nicht die Intention des Romans, der letztendlich eher das Scheitern beleuchtet, als Wege aufzeigt. Auch das macht „Stadtrandritter“ zu keinem leichten Buch – nein, leichtfüßig kommt es nicht daher, eher ziemlich ernst.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Dass ich für vieles in diesem Buch schwärmen kann, durfte aus den bisherigen Zeilen herauszulesen sein. Nils Mohl gelingt es in seinem zweiten Jugendroman erneut, seine zwei Helden in Grenzsituationen zu zeigen, die Jugendlichen schwimmen in fremden Gewässern, Schwimmflügel vergessen. „Es war einmal Indianerland“ war alles in allem das vielleicht etwas heiterere Buch (man denke nur an die skurrilen Powwow-Szenen). Was mich am ehesten ein wenig an „Stadtrandritter“ irritiert hat, war, dass es stringenter hätte sein können. 680 Seiten sind schon sehr viel für einen Jugendroman, in dem es viele Passagen gibt, die man mit Lust liest, bei dem ich am Ende des zweiten Drittels aber auch ein kleines Ermüdungsgefühl bei mir entdeckt habe, weil es beim Hin und Her zwischen Merle und Silvester gar nicht vorwärtsgeht.

Dennoch: Auch „Stadtrandritter“ ist ein großartiges Buch, das es jugendlichen Lesern zwar nicht immer leicht macht, durchzuhalten, das aber die Ausdauernden mit vielem belohnt. Die Figuren bleiben haften, sie verlieren sich nicht aus dem Kopf, wenn man die letzte Seite gelesen hat. Und wenn Band 3 der Saga erscheinen wird (zum Oberthema „Hoffnung“), werden wir hoffentlich einige davon wiedertreffen.

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(Ulf Cronenberg, 14.10.2013)

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