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Kurzrezension: Charlotte Rogan „In einem Boot“

rogan_bootLesealter 16+(script5-Verlag 2013, 334 Seiten)

Ein Bestseller-Buch ist Charlotte Rogans Debütroman „In einem Boot“ in den USA gewesen und soll auf Anhieb die Bestenliste der New York Times angeführt haben. Dass das Buch in Deutschland bei script5 erschienen ist, mag da verwundern, denn der Verlag wendet sich an ältere Jugendliche und junge Erwachsene, und die Leser der New York Times dürften mehrheitlich nicht deren Generation angehören. Sei’s drum. Mir haben das Cover und die Beschreibung im Verlagsprospekt gefallen, und so bin ich zu dem Buch gekommen.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg: Eine Explosion auf dem Schiff Zarin Alexandra führt dazu, dass das Schiff auf der Atlantikfahrt von Europa nach Amerika untergeht, und nur wenige Fahrgäste schaffen es in die Rettungsboote. Grace, die kurz vor der Fahrt den reichen Amerikaner Henry aus gutem Hause geheiratet hat, ist auf einem der Boote, doch dieses ist mit 39 Männer und Frauen hoffnungslos überladen.

Die Führung auf dem Rettungsboot übernimmt Mr Hardie, ein Schiffsoffizier, der den Leuten auf dem Boot Hoffnung macht, bald gerettet zu werden. Doch das passiert nicht, und die Probleme werden immer größer: Das Boot ist zu schwer, immer wieder schwappt Wasser ins Innere, Nahrung und Wasser sind begrenzt. Ein paar Tage geht das gut, doch dann nehmen die Konflikte zwischen den Insassen zu – insbesondere als Mr Hardie in den Raum stellt, dass der Großteil auf dem Boot nur eine Chance hätte, wenn sich mehrere Personen freiwillig opfern, um das Boot leichter zu machen.

Ein heftiges Szenario entfaltet sich da vor dem Leser: „In einem Boot“ (Übersetzung: Alexandra Ernst) wirkt auf den ersten hundert Seiten angesichts der Katastrophe des Schiffuntergangs fast etwas harmlos in der Darstellung der Verzweiflung der Überlebenden. Aber schon bald versteht man als Leser, dass das Buch einen nach oben zeigenden Spannungsbogen haben muss, und erwartungsgemäß spitzt sich die Situation auf dem Bott immer weiter zu. Von daher ist das Buch dramaturgisch richtig aufgebaut, auch wenn anfangs alles eher harmlos scheint.

Hauptfigur im Roman ist Grace, eine anpassungsfähige und überlebensstarke, durchaus selbstbewusste Frau, die rückblickend aus ihrer Sicht die Tage (die genaue Anzahl sei nicht verraten) auf dem Rettungsboot Revue passieren lässt. Damit man den Erzählkniff der Geschichte versteht, muss dem Buchinhalt ein wenig vorausgegriffen werden (ich versuche dezent zu bleiben): Der Seemann Mr Hardie wird schließlich vom Boot verbannt, und Grace findet sich einige Wochen nach der Rettung in Gefängnis und Gerichtssaal wieder, um sich mit zwei weiteren Bootsinsassinnen gegen die Anschuldigung zu verteidigen, Mr Hardie getötet zu haben.

Anfangs spielt das Gerichtsszenario kaum eine Rolle, gegen Ende verändert sich das: Immer weniger Raum nehmen die Schilderungen des Dramas auf dem Boot im Vergeich zu der Gerichtssache ein. Das ist geschickt gemacht: Denn so geht es in dem Buch nicht nur darum, wie Menschen sich in einer Extremsituation verhalten, welche gruppendynamischen Prozesse hier ablaufen (und die haben es durchaus in sich), sondern der Roman wirft auch Fragen auf: Was darf man tun, um selbst zu überleben? Inwieweit ist man für sich selbst, inwieweit für seine Mitmenschen verantwortlich? Wie verändert eine Extremsituation die Menschen? Die Fragen drängen sich dem Leser auf, und das Buch stellt sie geschickt, ohne sie explizit zu thematisieren, in den Raum.

Dass in dem Buch irgendwann der Punkt kommt, wo man mit dem Lesen nicht mehr aufhören will, liegt auf der Hand, obwohl man natürlich weiß, dass zumindest die Ich-Erzählerin am Leben bleiben wird. Aber all das, was zwischen den Menschen auf dem Rettungsboot passiert, ist irgendwann so packend, zugleich gruselig, fast gespenstisch, dass man sich dem nicht entziehen kann.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Auf seine Art ist „Auf einem Boot“ ein traditionelles Buch im positiven Sinn. Es verrennt sich nicht in erzähltechnische Sperenzchen, kennt keine sprachlichen Finessen. Nein, das Buch ist solide mit passendem Spannungsbogen erzählt, dramaturgisch geschickt aufgezogen, lotet gruppendynamische Vorgänge gekonnt aus und lässt die Figuren psychologisch plausibel erscheinen. Kurzum: Da ist alles wirkklich beeindruckend inszeniert.

Dass „In einem Boot“ jedoch kein Jugendbuch ist, muss auch gesagt werden – es ist eher ein Roman für Erwachsene als für Jugendliche. Das sollte jedoch Jugendliche im Alter von 15 oder 16 Jahren, die aufgrund der Buchbesprechung neugierig geworden sind, nicht davon abhalten, sich an dieses Buch heranzuwagen. Sie werden mit einer stimmigen und bedrängenden Geschichte belohnt, die man nicht so schnell vergisst.

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(Ulf Cronenberg, 06.10.2011)

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Kommentare (0)

  1. Halit_TE

    Echt ein tolles Buch!

    Antworten

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